Kultur

„Sitzender Mädchenakt mit Blumenvasen“ (Ausschnitt), ein Gemälde von Paula Modersohn-Becker aus dem Jahr 1907. (Foto: Buchheim Museum)

24.01.2020

Schrei nach Emanzipation

Eine Ausstellung in Bernried reflektiert das kämpferische Künstlerleben von Paula Modersohn-Becker

Das war ein Leben, wie für einen Spielfilm gemacht – dabei sind die 31 Jahre, die das Leben von Paula Modersohn-Becker (1876 bis 1907) nur gedauert hat, wirklich kein romantischer Künstlerbilderbogen wie bei Puccini und aus den Buden der Bohème. 63 Bildstationen umfasst die Ausstellung, die der Chef des Buchheim Museums in Bernried, Daniel Schreiber, aus Leihgaben und eigenen Beständen zusammengestellt hat. Man verfolgt den Abglanz eines Künstlerlebens, das in der bürgerlich-wohlsituierten Familie Becker begann und mit einer Ausbildung am Lehrerinnen-Seminar weiterging. Paulas Vita passt genau in eine (noch) männerdominierte Kunstszene, spiegelt Vorurteile des Kaiserreichs ebenso wie die Auseinandersetzung mit dem Impressionismus etwa von Max Liebermann.

Die „höhere Tochter“ erlebt man im Buchheim Museum (und im Katalog) in den Berliner Zeichen- und Malschulen für Damen. Auch bei einem Aufenthalt in München interessiert sie sich für die neue künstlerische Strömung in Frankreich, die es schwer hat, in Deutschland Fuß zu fassen. Sie wird es in Reisen und Aufenthalten nach und in Paris selbst erfahren.

Aber vorher und noch vor ihrer Heirat mit dem Landschaftsmaler Otto Modersohn hatte sie auf Wunsch der Eltern in Berlin kochen gelernt.

Allein das Künstlerumfeld, in dem sich Paula Modersohn-Becker nach der Jahrhundertwende bewegte, ist den Besuch dieser Ausstellung wert. Schreiber hat es mit bezeichnenden Beispielen ausgeleuchtet. Immer wieder hängen Werke von Rodin, van Gogh, Gauguin oder Vuillard neben den Bildern der Paula Becker: alles Männer, unter denen sich diese junge Frau mit dem Schrei nach Emanzipation und der Erfüllung ihres Kinderwunschs behaupten will. Der wird ihr nach der Rückkehr zu ihrem Mann erfüllt – aber wenige Wochen nach der Geburt der Tochter stirbt Paula an einer Embolie.

Lothar-Günther Buchheim (1918 bis 2007) hat kraftvoll konstatiert: „Paula Modersohn-Becker gehört ohne Frage zu den bedeutendsten Erscheinungen des Expressionismus“, und der Ausstellungstext fügt hinzu: „Sie brachte den Impuls der internationalen Avantgarde von Paris nach Deutschland.“ Diese These bekräftigen die 30 Gemälde, die 15 Arbeiten allein der „Brücke“-Künstler (besonders vergleichstauglich sind die von Ernst Ludwig Kirchner), die Bezugspunkte von Otto Modersohn, die Beweisstücke der Franzosen: „Wir Deutschen malen immer pflichtgetreu unser Bild herunter und sind zu schwerfällig, aus dem Stegreif eine kleine Farbenskizze zu machen, die oft mehr sagt als das Bild“, meinte Paula Modersohn-Becker 1903. Sie selbst lässt in ihrem Schützenfest in Worpswede die Gesichter der Menschen lieber leer und ausdruckslos, die Gebäude bleiben abstrakte Kuben – kein Wunder, dass die offiziöse Kunst, auch in Worpswede, sie heftig angefeindet hat.

Penibler Malergatte

Es gibt in Bernried ein Kabinett mit den Arbeiten von Otto Modersohn: wie hineingepresst in das Leben dieser Frau und ihre malerischen Ideale. Modersohn mit penibel ausgeführten Birkenrinden, einem Moorkanal, mit dem es geradewegs in die Abendstimmung in Worpswede geht. Immerhin konzediert Paula ihrem Otto: „Wissen Sie, Sie sind einer, der sich durch diesen Berg der Konvention durchgearbeitet hat.“ Aber was war der Araber von Emil Nolde dagegen für ein neues Kaliber! Zugegeben, der stammte von 1920, genauso wie manches von Kirchner in dieser Ausstellung – und damit 13 Jahre nach Paulas Tod.

Einem Museum mit den fulminanten Beständen von Buchheim und Gerlinger fällt es leicht, diese beziehungsvolle Mischung zwischen unterhaltsam und aufschlussreich, zwischen Konvention und Fortschritt durchzuhalten Es hat auch genug Platz für den mit großem Aplomb gehängten Sommerabend der Schwedin Jeanna Bauck, die 1880 mit diesem Bild ihren großen Auftritt hatte – und von Paula bewundert wurde für ihr Bohèmeleben „ohne Korsett“ und mit ruppig-struppigen Haaren. Allerdings: nichts gegen Paul Cézanne, der auf Paula wie ein „Gewitter“ gewirkt habe. Den weiten Horizont der Kunst um 1900 reißt die Ausstellung im Buchheim Museum der Phantasie mehr als deutlich auf. (Uwe Mitsching)

Information: Bis 15. März. Buchheim Museum der Phantasie, Am Hirschgarten 1, 82347 Bernried. Di. bis So. 10-18 Uhr.

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