Kultur

Spielfreudig und gesangsstark sieht man (von links) Paula Meisinger als Hannchen, Andromahi Raptis als Julia und Martin Platz als Roderich beziehungsweise August, im Hintergrund Klaus Brummer als Diener Hans. (Foto: Ludwig Olah)

23.04.2021

Sehnsucht mit Schmiss

„Der Vetter aus Dingsda“ am Staatstheater Nürnberg: unsterbliche Melodien in einer quicklebendigen Inszenierung

Traum und Sehnsucht: 1921, das Trauma des Ersten Weltkriegs ist längst nicht bewältigt. Da schmachtet man gerne nachts den Mond an oder wünscht sich weit weg an exotische Strände. Eduard Künneke hat für das Berliner Publikum der Weimarer Republik zwar eine reichlich seichte Geschichte mit mäßigem Wortwitz vertont, aber seine Musik zu Der Vetter aus Dingsda hat ihren Ohrwurm-Charme bis heute nicht verloren.

Jux und Märchen

Eigentlich spielt die Handlung in Holland, aber es kann auch ein Berliner Schrebergarten gemeint sein – und am Staatstheater Nürnberg hat sich Regisseurin Vera Nemirova von Pavlina Eusterhus einen Allzweckschauplatz bauen lassen, auf dem die digital ausgestrahlte Premiere flott und wandlungsfähig ablaufen konnte. Und wo der schwärmerische Backfisch Julia auf halbem Weg zum „strahlenden Mond“, der auch nur ein Lampion sein kann, ein Gartenhäuschen aus Plexiglas bewohnt. Dort sehnt sie sich in Plüschpantoffeln und per Smartphone nach ihrer Jugendliebe Roderich. Wer von den auftretenden Herren dann wirklich dieser Roderich ist, wen sie am Ende der drei Akte heiratet, das pendelt zwischen Jux, Verwechslung und Märchen.

Dazu kommen die Karikaturen der berlinernden Familie Kuhbrot, die Verehrer in rosa Klamotten oder einem qualmenden Straßenkreuzer und ein eher ärmliches All-inclusive-Strandleben in Batavia, wohin man sich Anfang der Zwanzigerjahre offenbar statt Bali gesehnt hat.

Staatsintendant Jens-Daniel Herzogs Motto lautet: „Das Theater ist zwar geschlossen, aber quicklebendig.“ Und auf das „quicklebendig“ hat die Regie hemmungslos gesetzt. Da ist der Lieferando-Dienst mit Stapeln von Pizzakartons unterwegs, wird Onkel Kuhbrot auf Salatdiät gesetzt und kommt der Vetter von irgendwoher mit Rucksack und Isomatte in die Bürgerstube – und mit einer der schönsten Arien des Werkes auf den Lippen: „Ich bin nur ein armer Wandergesell“.

Schnell wird dieses Kuckucks-heim immer wieder auf- und abgeräumt und von der spielfreudigen Allzweckbesetzung in Gang gehalten. Besonders von Paula Meisinger als Soubrette Hannchen: kaffeekochend, die Küche putzend, auf Männersuche und mit Curvy-Figur im trinkfesten Ensemble – vom Fünf-Liter-Karton Rotwein bis zu Reimkunstwerken wie „gerne wie Sauternes“ oder „hallo Bordeaux“. Das sind die Witze von anno dazumal, garniert mit welchen aus der fränkischen Mottenkiste, wenn in Indonesien „drei in an Weckla“ serviert werden.
Egal, dem Max-Bruch-Schüler Eduard Künneke sind neben einigen musikalischen Belanglosigkeiten unsterbliche Melodien gelungen: von Andromahi Raptis mit mühelosem Sopran blendend gesungen und im kuscheligen Hoody gespielt, von Martin Platz im Wandel von Roderich zu August und umgekehrt mit einem liebenswerten Tenor auf dem Weg zu Spitzentönen.

Großstädtische Musik

Filmische Mittel füllen das optische Angebot der Nürnberger Inszenierung , der Requisiteur ist für Ami-Schlitten und Gartengrill zuständig. Man muss zwar nicht alles in dieser Inszenierung mögen – die Strand- und Poolgym-Szenen in Batavia sehen höchstens nach Zwei-Sterne-Level aus. Was man aber schnell vergisst, wenn einem per häuslichem Kopfhörer die Staatsphilharmonie unter Lutz de Veer ins Ohr säuselt. Denn die spielt Künnekes Musik so schmissig-großstädtisch wie nur eben wünschenswert, dazu mit schwärmerischer Sehnsucht, mit all den instrumentalen Besetz-ungseffekten, die der Komponist eingebaut hat, mit ein bisschen Jazz und mit volksliedhaftem Melos für Herz und Schmerz. (Uwe Mitsching)

 

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