Kultur

In dieser Familie geht es gruselig zu (Szene mit Paul Maximilian Pira, Daniel Dietrich, Ewa Rataj und Clara Kroneck). (Foto: Martin Kaufhold)

24.01.2020

Totalitärer Stillstand

„Das Deutschland“ am E.T.A. Hoffmann Theater Bamberg zeigt, wie gefährlich das Beharren auf Mittelmaß sein kann

Irgendetwas stimmt da nicht. Schon die Namen: Emulie (Clara Kroneck ganz stark als starkes kleines Mädchen) ist zu Besuch bei ihrem Schulfreund Lonnart (Daniel Dietrich als dauergrinsender Horror-Clown) und wird betreut von dessen skurrilen Eltern Thumas und Sondra (Paul Maximilian Pira und Ewa Rataj als Eminenzen der Unheimlichkeit). Bonn Park setzt in der von ihm selbst inszenierten Uraufführung seines Stücks Das Deutschland im E.T.A Hoffmann Theater in Bamberg eine übersichtliche Szenerie in ein übersichtliches Setting. Die Bühne (Ausstattung: Julia Nussbaumer) ist ein quadratischer Raum, in dem alles aus Holz ist und aus dem es kein Entrinnen gibt. Das Mädchen ist ersichtlich anders als die Gastgeberfamilie. Die Handlung ist absurd, beklemmend und unheimlich.

Parks Text steckt voller handverlesener Bruchstücke aus dem Alltag des karikaturhaft gezeichneten, gut situierten Bürgertums, das seine Inhalte nicht zuletzt in den Sonderangeboten des Supermarkts findet und sich ansonsten vor allem durch Ab- und Ausgrenzen definiert. Hier hinein gerät das Mädchen – und in einen Druck, der gesteigert wird durch die Lage des Orts: ein abgelegenes Wochenendhaus, das, wie sich zeigt, keine Tür nach draußen hat. Das Mädchen ist gefangen, ausgeliefert einer Situation, in die immer mehr Fiesheit und Absurdität tropft. Die Inszenierung kostet das weidlich aus – ganz nach der Dramaturgie des gut gemachten Grusel-Kinos.

Nur das Gewohnte

Und es ist tatsächlich viel von Angst die Rede in diesem Stück, das eine Durchschnittsfamilie als Gleichnis dafür nimmt, wie eine Gesellschaft aussehen würde, die nichts zulassen will, was anders ist als das Gewohnte. So, wie das Ehepaar seinen Sohn zu ungefährlichem Mittelmaß zurechtgedengelt hat, so soll nun auch sein kleiner Gast Teil eines gemeinsamen Ganzen werden, das allein daraus Kraft zieht, dass alle so sind wie alle: die Antwort auf die Herausforderungen durch eine bunte, vielfältige Welt.
Zu Hause sind wir alle gleich, heißt das, und Park zeigt, wohin so eine panikgetriebene Utopie führen kann: in eine Diktatur des Durchschnitts, die gewaltsam Menschen zu faden Automaten macht.
„Es darf sich niemals etwas ändern, alles muss so bleiben, wie es ist, und nur dann kann alles okay sein“, lautet das Credo in dieser Familie als Paradebeispiel für solch wild gewordenes Bürgertum: Hier wird der Mittelstand zum defensiven Hort des Widerstands gegen alle Anfechtungen der Moderne.

Absurder Thriller

Auf spannende, eindringliche Weise wird in Bamberg mit den Mitteln des Absurden und des Horror-Thrillers gezeigt, was eine Sehnsucht danach, dass sich nichts verändern möge, tatsächlich bewirken würde: einen Totalitarismus des Stillstands, eine Lähmung, die alles Leben erstickt und alles Außergewöhnliche umbringt. In Das Deutschland wird eine solche Polit-Phantasie zum Leben erweckt. Beängstigend. (Christian Muggenthaler)

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