Kultur

Julian Keck, Stefan Willi Wang und Frederik Bott spielen den Kriegsheimkehrer Beckmann, hier mit Svetlana Belesova als Mädchen Vera. (Foto: Marion Bührle)

02.03.2018

Traumatherapie auf der Bühne

„Draußen vor der Tür“ als brachiale Heavy-Metal-Inszenierung am Nürnberger Staatsschauspiel Nürnberg

Die drei Beckmanns, die Sascha Hawemann in seiner Inszenierung von Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür am Nürnberger Staatstheater auf die Bühne bringt, kosten massiv aus, was Unglück bedeutet. Kriegsheimkehrer zu sein, ist ein kollektives Schicksal. Kriegsheimkehrer kommen nach Hause, traumatisiert, kaputt, die Zerstörungen in sich mittragend, die sie draußen angerichtet haben, in sich mittragend auch die Toten.
Da haben sie sich von der Selbstmörderelbe wieder ausspucken lassen, als Fisch an Land kurz Liebe gespürt, sich in Dreck, Schuld und Sühne gewälzt, den Herrn Oberst um Rücknahme von Verantwortung angefleht, sich an geschlossener Tür den Kopf blutig geschlagen, die Zerstörungen durch den Krieg auch an den Weiterlebenden vermessen, mit sich ein schreckliches Ende gemacht, einen verzweifelten Gott getroffen. Und jetzt intonieren sie zusammen mit dem abendbegleitenden, feinnervigen Elektrogitarristen Xell Heavy Metal. Am Ende einer brachialen Heavy-Metal-Inszenierung muss man sagen: „Beckmann is back.“
Wolfgang Borchert hat davon erzählt, wie ein ganzes Land sich in eine Seelenmüllhalde verwandelt hat, dass Krieg immer solchen Dreck anrichtet, der in Nürnberg die Bühne (von Wolf Gutjahr) beherrscht. In dem grandiosen, auch zarten, hochpoetischen Stück geht eine enorme, berserkerhafte Wut um; die Wut eines Jungen, der all das miterleben musste. Regisseur Hawemann hat diese Wut wieder rausgelassen aus dem Stück in einer knallharten, wuchtigen, stark physischen, (manchmal auch rätselhaften) Version: bühnengewordene Traumatherapie.
Im Zentrum stehen die drei Beckmanns: Julian Keck, Stefan Willi Wang und Frederik Bott knallen sich rein, kuscheln sich aneinander, schreien, rennen, brüllen, leiden, fetzen im Bühnenblut: Es ist die existenzielle Not, die zu sehen ist, von Menschen, die das Schicksal, die der Krieg draußen vor die Tür gesetzt hat. Jetzt können sie von dort im Kalten nur das Licht betrachten, das ihnen im versperrten Drinnen Wärme suggeriert. Menschlich sein heißt Türen öffnen. (Christian Muggenthaler)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche
Wegen wiederholter Manipulationsversuche sehen wir uns leider gezwungen, „Die Frage der Woche“ als interaktives Element auf unserer Homepage einzustellen.
Auf Facebook können Sie darüber weiterhin abstimmen und diskutieren.
arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2018

Nächster Erscheinungstermin:
30.November 2018

Weitere Infos unter Tel. 089/290142--54/56 oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download (PDF, 18 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.