Kultur

Eingesperrt – wie lassen sich da Menschlichkeit und Solidarität wahren? Den Kampf darum zeigt das Augsburger Staatsballettensemble auch darstellerisch überzeugend. (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

19.01.2024

Über die Vergeblichkeit von Gewalt

Mauro Astolfi stellt in seinem in Augsburg uraufgeführten Kammerballett „Supermodified“ mit einem Humanoiden die Frage nach dem Wesen „echter“ Menschlichkeit

Fügt man all die Gitterwände, die zuvor Menschen einsperrten, freies Tun und Lassen begrenzten, neuartig zusammen, werden sie zum verheißungsvollen Ausweg. Richtig aufgestellt, bauen sie die tragfähige Brücke in ein „supermodifiziertes“, in ein zukünftig bestenfalls menschlicheres Sein. Am Ende seines 80 Minuten währenden Kammerballetts Supermodified auf der Augsburger „brechtbühne im Gaswerk“ gelingt dem Choreografen Mauro Astolfi gemeinsam mit dem Bühnen- und Lichtdesigner Marco Policastro und dem auch darstellerisch intensiv agierenden Ballett Augsburg ein nahezu filmisches Bild, das gekonnt mit Slow-Motion-Effekten arbeitet.

Verzweiflung und Wut

Bereits 2021 hatte der Choreograf seine von Akkuratesse, abrupt wirkenden Mikro-Movements und Blitztempi geprägte choreografische Handschrift und seine geistreiche Gedankenwelt im Staatsballett Augsburg mit dem Stück Poco als Kommentar zur pandemischen Isolation vorgestellt. Für seine neueste Kreation begab sich Astolfi erneut in eine Art Gefängnis, schuf mit den fünf Tänzerinnen und sechs Tänzern eine existenzielle Ausnahmesituation, die gemeinhin Verzweiflung, Einsamkeit und Wut impliziert und in der es ums schiere Überleben geht. Er versuchte, wie im Programmheft nachzulesen ist, durch „Bewegung, durch eine Geste, durch einen Blick vorzustellen, was es bedeuten könnte, an einem Ort wie einem Gefängnis Menschlichkeit und Solidarität zu finden“.

Noch wertvoller im aggressiven Hier und Jetzt des Weltgeschehens scheint die Idee, durch den Vorwand dieser Konstruktion von Haft die Vergeblichkeit von Gewalt zu erzählen.

Der Bewegungsradius dieser Inhaftierten auf Zeit ist entsprechend limitiert, selbst wenn die mobilen Gitterelemente mit akrobatischer Kletterkunst überwunden und wie von Zauberhand immer neu arrangiert werden. Individueller Background und damit die Gründe, die bei den Einzelnen zur Inhaftierung führten, spielen hier ganz klar keine Rolle. Tänzerisch fein gezeichnet sind die reduzierten, aber möglichen Interaktionen zur Kontaktaufnahme. Immer wieder gelingen choreografisch präzise inszenierte Dialoge mit klaren Posen, Gesten und Positionen, die akute Befindlichkeiten demonstrieren, Distanz oder Respekt vor dem jeweiligen Gegner oder Gegenüber generieren. Rasante Duo- oder Triosequenzen muten an wie Bodychecks. Bisweilen eröffnet sich die Chance auf einen Flirt, in dem Emotionen aufblühen dürfen. Verfehlungen gegen ein ungeschriebenes Reglement werden durch den kompromisslosen „Wächter“ (Mateo Mirdita) immer wieder mit Schlagstockeinsatz harsch unterbrochen.

So entscheiden sich einige der Gefangenen zum Rückzug mit Buch, legen sich auf, unter oder in eines der drei Einzelbetten, turnen und toben übers Stockbett, das auch mal zum engen Schacht hochkant gestellt wird, stellen die wenigen Stühle in einen Kreis, um Allianzen oder dann den Plan zur Revolte zu schmieden.

Lange schien alles unter Kontrolle, lief nach immer selbem Muster ins Leere – doch die Situation eskaliert, als der Wachmann brutal von den Gefangenen überwältigt wird. Damit ist auch die Stunde für den „Humanoiden“ (Giovanni Napoli) gekommen, der sich bis dahin ziemlich inkognito und vornehm zurückhielt und bis auf ein kleines Detail am Rückenteil der rotbraunen Einheits(sträflings)kluft nicht unterscheidbar war von seinen gänzlich menschlichen Kolleginnen undKollegen. Als unauffälliger Beobachter hatte er für sich die Informationen im Kontext Menschsein verdichtet. Jetzt greift der „Herzlose“ beherzt ein, um zu deeskalieren. Er outet sich sprechend und entlarvt die menschliche Intelligenz, die, anders als erwartet, keinerlei Schutz vor Aggression und Gewalt zu gewähren scheint: „I tried to understand what it was to be and feel human …“ Ein klassisches und hier letztlich doch noch versöhnlich gelöstes Mensch-Maschine-Dilemma, das beim Premierenpublikum mehrheitlich für Zuspruch sorgte. (Renate Baumiller-Guggenberger)

 

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