Kultur

Die freischaffende Tänzerin Rosalie Wanka erhielt noch vor Ausbruch der Pandemie Förderung für ihre Produktion "Asymmetrical Encounters" – jüngst wurde sie gestreamt. (Foto: Tom Gonsior)

01.04.2021

Überlebensnotwendige Verrenkungen

Die Tanzszene ist besonders vom Auftrittsverbot betroffen. Trotzdem gibt es Zurückhaltung bei Anträgen für Hilfsprogramme

Corona & Mutanten haben die Menschheit im Griff. Insolvenzen, Kurzarbeit, Teilzeitbeschäftigung, Kündigungen – die Liste von gefährdeten und zerstörten Existenzen ist lang. Künstler*innen suchen sich notgedrungen einen anderen Job. Besonders prekär ist der Tanzberuf, denn tanzen mit Schutzmaske ist nicht möglich. Tanz braucht Luft, braucht Atem.

Orientieren sich nun Studierende im Bereich Tanz und Tanzpädagogik beruflich neu? „Keineswegs“, heißt es in der Ballettakademie/Musikhochschule München, ähnliches hört man aus der Iwanson Schule für Zeitgenössischen Tanz. Im Bayerischen Staatsballett, so das Pressebüro, denkt ebenfalls niemand an einen Berufswechsel. Natürlich hat ein staatliches Ensemble die Sicherheit eines festen Gehalts und leidet primär unter der verordneten Bühnenabstinenz.

Aber auch die generell am Existenzminimum krebsenden Freischaffenden wollen trotz der zermürbenden und wiederholten Lockdowns nicht aufgeben. Man fragt sich: Wie überleben sie in der Zeit des Arbeitsverbots?

Im Dezember 2020 wurde ein revidiertes bayerisches Hilfsprogramm für Soloselbstständige in Kunst und Kultur bereitgestellt. In die beiden Bereiche gehören Tanz und Choreografie, dazu noch Produktionsleitung, Tontechnik, Tanzpädagogik, Journalistik und weitere angrenzende Berufe. Die Überarbeitung des Hilfsprogramms war bitter nötig. Denn, wie der Tanzproduzent und -veranstalter Walter Heun, der erster Vorsitzender des Bayerischen Landesverbands für zeitgenössischen Tanz (BLZT) ist, erklärt: „Viele der Berufsgruppen, gerade auch im darstellenden Bereich, sind vorher durchs Raster gefallen. Ich rate nur jedem, jetzt einen Antrag zu stellen!“
Hineindenken muss man sich schon erst einmal in diese Hilfsmodelle: So ist das bayerische Hilfsprogramm kombinierbar mit dem des Bundes. Das heißt: mit dessen schon für 2020 gewährten und 2021 fortgesetzten monatlichen Hilfen wie auch mit der neuen „Neustart“-Hilfe für Soloselbstständige.

Extra Stipendienprogramm

Hinzu kommt ein bayerisches Stipendienprogramm. Der BLZT hat sich – gemeinsam mit anderen Verbänden – besonders für ein in der Antragstellung einfaches Modell eingesetzt. Und gleichermaßen dafür, dass neben „Berufsanfänger*innen auch Wieder- und Quereinsteiger berücksichtigt werden: je nach familiär und/oder coronabedingten Unterbrechungen der künstlerischen Tätigkeit“.

Es wurde also eindringlich auf die Notsituation von Soloschaffenden aufmerksam gemacht. Sie haben diesen engagierten Einsatz mehr als verdient. Es ist ja diese freie Szene mit allen darin Wirkenden aus Schauspiel, Regie, Musik, Dramaturgie, Bühne und Kostüm, die Tanz und Theater in die Zukunft fortdenkt. Ohne ihre Inspiration, ihre Erneuerungsideen wären die subventionierten Stadt- und Staatstheater längst verknöchert.

Allerdings sind diese Soloselbstständigen bei der Antragstellung zurückhaltender. Sind sie entmutigt, weil sie bereits erfolglos eine Hilfe beantragt haben und scheuen sie den erneuten bürokratischen Aufwand? Oder haben sie Bedenken, den Ruf als erfolgreiche Selbstständige zu ruinieren?

Viele versuchen tatsächlich, mit eigenen Mitteln über die Runden zu kommen, sei es mit einer anderen Tätigkeit, einem Kredit oder einer Erbschaft. Walter Heun warnt: Dadurch wird die Altersvorsorge geschmälert, wenn nicht gar verspielt.

Tariflohn statt Stütze

Ivi Vukelic, bislang vielbeschäftigter Gitarrist und mit seiner Agentur Club2 zugleich Konzertveranstalter, hat umgesattelt: Er trägt jetzt Briefe und Päckchen aus. Statt Arbeitslosengeld erhält er Tariflohn. Ob er Postbote bleibt, wird sich in beruhigten Corona-Zeiten weisen.

Die Münchner Tänzerin und Choreografin Rosalie Wanka hatte Glück: Die Förderung für ihre jüngst gestreamte Produktion Asymmetrical Encounters wurde noch vor Ausbruch der Pandemie bewilligt. „Ich habe aber seit Oktober letzten Jahres pro Monat gut fünf Anträge und Bewerbungen geschrieben und nach zig Absagen erst vor ein paar Tagen die erste Zusage zu einer stipendienartigen Förderung des Fonds Darstellende Kunst erhalten“, berichtet sie. „Wir Tänzerinnen und Tänzer können ja trotz Auftrittsverbot nicht faul herumsitzen. Ohne tägliches Training verliert unser Körper seine Form.“ Bei einem Lockdown-Berufsverbot wäre ihrer Ansicht nach ein Grundeinkommen eine demokratische und einfache Lösung.

Der über die Münchner Tanzszene hinaus bekannte Choreograf Moritz Ostruschnjak hat – bis jetzt – noch ohne größere staatliche Hilfe durchgehalten. „Andere haben sie nötiger als ich“, meint er. „Allerdings sind ungefähr 98 Prozent von dem, was ich geplant hatte, einfach ausgefallen. Zwei kleinere Unterstützungen sind längst aufgebraucht.“ Seine neue Kreation Yester: Now ist eine Zusammenarbeit mit dem Theater Freiburg – sie war vergangene Woche als Streaming-Premiere und Video-on-Demand zu sehen. Jetzt hofft er auf die Live-Vorstellung im Münchner Gasteig im Juli.

Gute Erfahrung mit dem Hilfsprogramm für Soloselbstständige hat der Motion-Designer und Video-Editor Friedrich Harz gemacht – Nachbarn haben ihn darauf hingewiesen: „Nach vier Tagen war die Bewilligung per E-Mail im Postfach, eine gute Woche später schon eine Überweisung auf meinem Konto. Die Schwierigkeit liegt eher darin, den richtigen Antrag im Netz zu finden, beziehungsweise über dessen Existenz überhaupt Bescheid zu wissen.“ Bei einem Antrag für das Quartal April bis Juni 2021, so der Video-Experte, „muss das voraussichtliche Einkommen der noch kommenden Monate bis Ende Juni geschätzt werden. Je nach tatsächlichem Verdienst, muss man anteilig oder die gesamte Fördersumme beim Steuerausgleich zurückerstatten.“

Leben von Krediten

In akuter Not ist die nicht subventionierte Münchner Iwanson-Ausbildungsstätte. „Durch Corona sind unseren Studierenden die Minijobs und andere Tätigkeiten weggebrochen“, sagt Co-Leiter Johannes Härtl. „Wir geben, so weit möglich, Privatkredite aus der Schule heraus und auch Stipendien. Ohne diese Hilfe müssten viele ihr Studium bei uns aufgeben.“ Da erscheint das staatliche Stipendien-Programm doch wie ein Ostergeschenk. (Katrin Stegmeier)

Nützliche Links:
• www.bayern-innovativ.de/soloselbststaendigenprogramm
• www.bayern-innovativ.de/stipendienprogramm
Unter letzterer Web-Adresse können die Anträge für den ersten Call des Stipendienprogramms bis zum 31. Mai 2021 gestellt werden.
• Die Hotline für Informationen zum Stipendienprogramm ist unter 0911/20671-344 Mo. bis Fr. 10-12 Uhr und 14-16 Uhr zu erreichen. Anfragen per E-Mail: stipendienprogramm@bayern-innovativ.de
• Informationen zum Stipendienprogramm des Kunstministeriums: www.stmwk.bayern.de/allgemein/meldung/6631/stipendienprogramm-fuer-kuenstlerinnen-und-kuenstler-in-der-anfangsphase-ihres-schaffens-startet.html

 

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