Kultur

Das Stück "Böhm" beim Figuren.Theater.Festival im Fürther Stadttheater. (Foto: Lupi Spuma)

04.06.2019

Unnachahmlich geraunzt

Das Stück "Böhm" beim Figuren.Theater.Festival im Fürther Stadttheater

Man hätte ja auch „Oberon“ von der Bayerischen Staatsoper oder Marivaux‘ „Der Streit“ vom Staatsschauspiel zum Figuren.Theater.Festival einladen können: aber zu schwierig, zu teuer. Und mit „Böhm“ hat man ohnehin die bessere Wahl betroffen. Auf jeden Fall aber wollte man Nikolaus Habjan im Programm-Marathon haben. Denn der hat mit seinen Puppen und Paulus Hochgatterers Stück über den Dirigenten Karl Böhm („Böhm“) schon in Graz, seiner Heimatstadt und der des berühmten Böhm, Furore gemacht. Und jetzt gab es beim mittelfränkischen Festival Ovationen im ausverkauften Fürther Stadttheater (das übrigens die gleichen Baumeister hat wie das Grazer Theater): „das“ Theaterereignis der gesamten Metropolregion.

Karl Böhm hatte vom Ende der dreißiger bis Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts seine ganz große Zeit mit der Musik Mozarts, mit den Opern von Richard Strauss und mit Wagner in Bayreuth. Das ist ein wenig zu Unrecht zuletzt in den Hintergrund getreten angesichts der zwiespältigen Haltung Böhms zum „Anschluss“ und zum Nationalsozialismus: So gab es eine lange Zeit „weiße Flecken“ in Böhms Biografie, sein Sohn Karlheinz hat sich über den Vater auch kritisch geäußert: Böhm war zwar kein Parteimitglied, aber ein Nazi-Nutznießer als Nachfolger auf die Posten emigrierter jüdischer Kollegen, trat schon mal mit Hitlergruß in Wien auf.

Der Autor Paulus Hochgatterer hat unendlich viele Details zusammengetragen, auch Böhms Autobiografie genau gelesen. Und so ist eine doppelbödige Abrechnung entstanden: über einen großen, schwierigen, raunzenden Künstler, über sein Mitläufertum und sein Familien-Versorgungs-Syndrom. Der dramaturgische Dreh des Einakters: In einem dem Dirigentenpult nachempfundenen Bühnenbild (Julius Theodor Semmelmann) sitzt ein alter Mann im Rollstuhl. Er ist Pflegeheiminsasse und Böhm zugleich, aus dem sich verschiedene Puppen-Formen von Böhm herauslösen – als Büste, als Kopf.

Der Kopf des Ganzen aber ist Nikolaus Habjan. Er hat mit Marianne Meinl zusammen diese verschiedenen „Böhms“ gestaltet, die kleinen Figuren der Sänger, und als Partner tritt Habjan auch immer wieder selbst auf: als devoter Geiger Wolfgang Schneiderhan, als Bruder der jungen Pflegerin mit ihren Marathonambitionen. Ein ganz wichtiges Element dieser fulminanten, zugleich zärtlichen wie kritischen Sicht auf Böhm ist aber das Sprach- und Sprechkunstwerk, das Habjan in den verschiedenen Rollen gestaltet: ohne das differenziert-authentisch Österreichische wäre das Stück nur die halbe Miete, und ein „Reichsdeutscher“ hätte das Stück und seine Intention nie so realisieren können.

Die Konzertproben Böhms/Habjans sind grantelnde Sternstunden und Habjan kann alles, kennt die Partituren, kann dirigieren – ein bewundernswertes Multitalent: „aberwitzig sprachakrobatisch“ schrieb man schon in Graz. So läuft ohne sklavische Bindung an die Chronologie von Böhms Biografie das Leben dieses „alten Mannes“ noch einmal ab, ausgesuchte Aufnahmen von Böhm verstärken den emotionalen Sog des virtuosen Stücks: besonders raffiniert, wenn der alte Mann als Böhm Schubert dirigiert und dazu die Musik von einer Schallplatte mit echter Böhm-Aufnahme kommt.

Fast kabarettistisch karikiert treten Böhms berühmte Sängerinnen auf: Elisabeth Schwarzkopf natürlich zur „Rosenkavalier“-Musik, Christa Ludwig mit herrlich kapriziösem Hüftschwung und ihr Mann Walter Berry als depperter Opernsänger. Es gibt in einer sehr bitteren Szene Fritz Busch, der das Chefpult der Sächsischen Staatskapelle in Dresden räumen muss: für Böhm.

Habjan ist ein geradezu besessener Allround-Künstler, seine Puppen können alles sagen, was sonst unter den Teppich der political correctness gekehrt wird. Herrlich sind Böhms Philippika gegen Sergiu Celibidache und seine „Schmalzfrisur“, sein Diskurs über hustendes Publikum – aber man merkt, dass Habjan diesen Böhm (ob Nazi oder nicht) am Ende doch liebt. Da umarmt der alte Mann dessen Büste im Salzburger Festspielhaus. Und aus Versehen zerdeppert er sie auch. (Uwe Mitsching)

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Kommentare (2)

  1. BSZ-Redaktion am 04.06.2019
    Sehr geehrter Herr Habjan,
    verzeihen Sie bitte den Fehler. Wir haben das entsprechend korrigiert.
    Beste Grüße
    Ihre BSZ-Redaktion
  2. Nikolaus Habjan am 04.06.2019
    Sehr geehrter Herr Mitsching,
    Vielen Dank für die wunderbare Rezension!
    Nur eines, Böhm und ich stammen aus Graz nicht Linz.
    lieben Gruß

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