Kultur

Michael Dorsey (Armin Kahl) macht verkleidet als Dorothy Michaels eine gute Figur – einfach zum Verlieben, wie auch Julie Nichols (Bettina Mönch) schnell bemerkt. (Foto: Jan-Marc Turmes)

15.07.2022

Unverbissen gendern

Europäische Erstaufführung von „Tootsie“ am Münchner Gärtnerplatztheater: So muss ein Musical sein!

Die Zeit ist reif für diesen Stoff. Wenn alle Welt über gendergerechte Diversität spricht, lohnt der Blick zurück. Auch früher wurde um Identitäten gerungen, aber ohne ideologischen Überdruck. Ein solches Beispiel ist der von Sydney Pollack gedrehte Film Tootsie von 1982 mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle. Ein gescheiterter Schauspieler gibt sich als Frau aus und erlebt ungeahnte Erfolge. Und schon 1892 hatte Brandon Thomas mit ähnlichem Verkleidungsverwirrspiel die Bühnenfarce Charleys Tante vorgelegt, die später x-fach verfilmt wurde. Und doch geht die Tootsie-Geschichte weit über eine reine Travestieklamotte hinaus. Wenn aus Michael Dorsey die scharfzüngige Dorothy Michaels wird, entlarvt sie nicht nur das Showgeschäft. Sie stellt traditionelle Geschlechterrollen und Gesellschaftssysteme auf den Kopf.

Kurzweilige Sozialfarce

In der 2019 in New York uraufgeführten Musicalfassung dieses Filmes, die jetzt am Gärtnerplatztheater europäische Premiere feierte, geht nichts von dieser kurzweiligen Sozialfarce verloren. Im Gegenteil: Der Stoff wird um die Genderdebatte aktualisiert, um ihr die Verbissenheit auszutreiben. Die Musik von David Yazbek und der Text von Robert Horn schärfen das Tempo. Auch in der deutschen Übersetzung von Roman Hinze sitzt jede Pointe.

In keinem Moment gähnt Langeweile, zumal auch die Regie von Gil Mehmert prächtig funktioniert. Er hat schon Hair und Priscilla inszeniert. Für seine Tootsie-Regie haben Karl Fehringer und Judith Leikauf ein New-York-Ambiente der 1950/60er-Jahre geschaffen. Rasant, schier atemlos verwandelt sich die Bühne von Szene zu Szene. Auf einer Wand prangt eine Werbung im Coca-Cola-Stil: „Enjoy Poverty“. Das passt zum mittellosen Schauspieler, den Armin Kahl gestaltet. Wenn sein Michael erstmals zur Schauspielerin Dorothy mutiert, lässt ihn Ausstatter Alfred Mayerhofer ein hautenges, quietschrotes Glitzerkleid tragen (ähnlich wie Dustin Hoffman im Film).

Sonst aber hechelt das Musical dem Film nicht hinterher, sondern verarbeitet den Stoff frei. Im Musical bekommt Michaels Dorothy eine Rolle in einem Theaterstück und nicht in einer TV-Serie. Als übergriffiger, sexistischer Regisseur Ron Carlisle agiert Alexander Franzen. Mit seiner lockigen Haarpracht erinnert er an Dieter Wedel; im Zuge der MeToo-Debatte läuft gegenwärtig ein Verfahren gegen den 82-jährigen Regisseur. Dieser Wedel-Verschnitt Ron baggert die Schauspielerin Julie Nichols (Bettina Mönch) an. Das findet Michael gar nicht witzig, weil er sich in Julie verliebt. Das Problem: Sie kennt ihn nur als Frau und verliebt sich ihrerseits in die stramme, freche Kollegin. Ihre Gefühle für sie werden umso stärker, je mehr die Produzentin Rita Marshall (Dagmar Hellberg) die Dorothy von Michael gewähren lässt. Bald schon ist es sein Stück und seine Regie. Jetzt muss er nur noch Julie erobern – als Mann. Auch die eifersüchtige Sandy Lester ist ein Hindernis (hinreißend: Julia Sturzlbaum). Sie ist in Michael verliebt und weiß nichts von seiner Doppelexistenz. Nur einer ist eingeweiht: sein Kumpel Jeff Slater (Gunnar Frietsch).

Das ganze Verwirrspiel wird von einer originellen Musik begleitet. Sie changiert zwischen Rock, Pop und Schlager. Die Bläser, Streicher und das Schlagwerk leitet Andreas Partilla mit viel Drive. (Marco Frei)

 

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