Kultur

Natalie Hünig lotet als Linda alle Höhen und Tiefen der Figur aus. (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

22.09.2023

Verlogener Schein

Natalie Hünig begeistert in „Linda“ am Staatstheater Augsburg

Älterwerden bedeutet unter anderem, dass man sich immer wieder dieselben Schiefer einzieht – nur jedes Mal ein bisschen anders. Die eigenen Übel begegnen einem immer und immer wieder und halten einen gefangen – entwachsen diese Übel dem Individuum selbst oder dessen gesellschaftlichen Festlegungen? Im ersten Fall kann man sie vielleicht noch eigenständig überwinden, im zweiten Fall sind sie aber hart wie Beton.

Das Stück Linda von Penelope Skinner, das am Staatstheater Augsburg Premiere hatte, stellt die Frage, ob Frauen anders altern als Männer – und bejaht sie: in einer fulminanten, präzisen, komischen, wütenden, vielschichtigen, ergreifenden und zupackenden Inszenierung.

Allmählich unsichtbar

Linda ist eine Frau, die sich selbst vorschwärmt, als Mutter, Ehegattin und im Berufsleben zugleich erfolgreich zu sein. Aber plötzlich, jenseits der 50, muss sie erfahren, wie ihr all diese Rollen entgleiten. Wie sie allmählich für ihre Umwelt unsichtbar wird, weil sie sich die ganze Zeit auf einen Schein verlassen hat, der am Verblassen ist. Weil sie ihre Karriere – sinnigerweise in einer Firma für Schönheitsprodukte –, ihr Sein und ihr Selbstbewusstsein auf diesen Schein, die Attraktivität, gegründet hat, so, wie es die gesellschaftlichen Zuschreibungen für eine Frau in ihrer Branche auch zu verlangen scheinen. Diese Darstellung eines durch und durch falschen Automatismus prägt das Stück. Es ist auch ein Lehrstück, wie man so etwas schreibt: Jede der Rollen – Töchter, Ehemann, Chef, Konkurrentinnen – ist mit erkennbarem biografischem Hintergrund ausgestattet und mit je eigenen Handlungsmotiven, sodass die Bühnenerzählung sofort zu einem belastbaren Netz wird. Diese Tradition englischsprachigen Stückeschreibens kommt für gewöhnlich schnell in Fahrt. So ist das auch hier. Auch deshalb, weil die sehr konzentrierte, ganz der Erzählung dienende Regie von Amina Gusner sowie eine Schar famoser Schauspielerinnen und Schauspieler die Figuren gewaltig auf die Bühne knallen lassen.

Starker Text, starke Regie, starkes Ensemble – und eine Bühne (von Jan Steigert), die dem Geschehen Raum aufmacht mit großen Videoprojektionen und einem sinnvollen Drehbühneneinsatz, weil sich in der Geschichte ja auch stets alles wieder verschiebt. Zudem sieht man ein halbes Dutzend Schminkspiegel, weil sich doch so viel ums Aufhübschen und um Anti-Aging dreht. Auch die Kostüme (Inken Gusner) zeigen: Es geht ums Modehafte – oder eben gerade nicht. Livemusik tut das Übrige, die Show zu runden.

Knapp drei Stunden wird eine spannende Erzählung geboten mit immer wieder neuen Volten der immer gleichen Schiefstellungen unter der nur scheinbar glatten Oberfläche: Mobbing durch öffentlich gemachte Nacktfotos, intrigante Nachstellungen, Mutter-Tochter-Leerstellen.

Exakt beobachtet

Penelope Skinner rasselt Szene für Szene durch exakte Beobachtungen: dass ein Mann sehr wohl eine viel jüngere Geliebte haben kann – hat aber eine Frau Sex mit einem Jüngeren, bekommt das schnell den Ruch des Skandalösen. Man kann beobachten, wie Konflikte entstehen, weil emotionale Erwartungshaltungen nicht erfüllt werden können. Wie eindrucksvoll ist da etwa die Entschuldigungsrede von Lindas Mann Neil (Patrick Rupar), nachdem sie ihn beim Ehebruch ertappt hat: Ungefähr 100 Mal kommt darin das Wort „ich“ vor.
Im Zentrum des Ganzen steht Natalie Hünig in der Titelrolle: Sie bietet grandiose Schauspielkunst mit Pauken und Trompeten und wird schon in der Pause bejubelt. Sie lotet alle Höhen und Tiefen der Figur aus: Sie ist verletzt und obenauf, gurrt, schnurrt, knurrt und murrt, tobt, lacht und leidet, und ist dabei immer wahnsinnig stark. (Christian Muggenthaler)

 

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