Kultur

Pauline Kästner (Nora) und Maximilian Pulst (Helmer). (Foto: Staatstheater Nürnberg/Konrad Fersterer).

07.11.2019

Verlogenes Weihnachtsfeeling

Packender Selbsterfahrungstrip: Henrik Ibsens „Nora“ am Staatstheater Nürnberg

Schöne Bescherung: Henrik Ibsens Nora fängt saisongemäß unter dem Weihnachtsbaum an und endet mit einer zerbrochenen Ehe – keiner weiß, wie’s weitergehen soll. Dazwischen liegen im Nürnberger Schauspielhaus weit über drei Stunden typisches Ibsen-„Enthüllungsdrama“ in der Regie von Andreas Kriegenburg.

Die „kleine Zwitscherlerche“ als Sexobjekt

Groß war die Spannung im ausverkauften Haus, was der an diesem kritisch-realistischen Gesellschafts-Schauspiel, dem Kampf gegen Lebenslügen und Konventionen, wichtig finden würde. Ganz besonders: Auf welche Seite würde sich Kriegenburg schlagen in diesem Ehedrama? Zielt er (auch als eigener Bühnenbildner) mit seiner über sechs Meter hingelagerten nackten Nora auf das „Eichhörnchen“, das „Hühnchen“, die „kleine Zwitscherlerche“ als Sexobjekt?

Das Bild bei den Helmers zu Hause jedenfalls wird virtuos abgefummelt. Denn Kriegenburg steckt offenbar die Kritik an Ibsens Thesen-Drama in den Knochen: „geschwätzige Sentimentalität“, „schlechthin schwerfällig“, meinte einst George Ionesco. Deshalb steigt der Regisseur mit einem Ex-tempore-Entree der virtuosen Pauline Kästner ein, die ihr eigenes Schauspieler-Schicksal immer wieder mit dieser Nora verknüpft.

Das hatte Kriegenburg schon Marina Rebeka als seiner Amelia in Simon Boccanegra bei den Salzburger Festspielen mit auf den Weg gegeben: Sie solle immer von sich selbst in die Rolle finden. Jetzt diese Nürnberger Nora, die am Ende ihren Ehemann und Erzieher Torvald (genau beobachtet: die Banker-Type von Maximilian Pulst) verlässt und zwischen Rolle und Pauline Kästner schwankt.

Da ist das Publikum dann ganz still geworden, eingeschüchtert durch diese Fallhöhe, über die das Ehepaar Helmer hinuntergespült wird. Anfangs war so viel wie selten bei Ibsen gelacht worden: über solche Non-Ibsen-Textbausteine wie „Podex-Index“ oder das flapsige „Ist ja auch egal“. Später weiß man: Natürlich hatte das alles in dieser kabarettistischen Einleitung mit Stück und Anliegen zu tun. Aber erst nach zwanzig Minuten kommt wirklich Helmer, Nora ist sein „Eichhörnchen“, man plaudert keinen Klassikertext, sondern alltäglich Smartes, und spielt keine Strindberg-Selbstzerfleischung, sondern die letzte Folge aus der Serie „The Helmers“. Kriegenburg hat dafür seine Schauspieler ganz auf locker massiert, erzielt hohen Wiedererkennungswert mit SUV und Smartphone.

 

Begeistertes Publikum

Erst spät kommt bei ihm die große Angst auf, die bei Ibsen schon den ersten Akt durchpulst. Entsprechend zum Bühnenbild, das immer mehr aussieht wie ein Showroom in Münchens Maximilianstraße. Da wird geplaudert wie eben unter Frauen von heute: schon früh eine Flasche Chardonnay mit Freundin Christine (mit der richtigen Biederkeit: Julia Bartolome) – über die ganze Bühnenbreite hin und ohne jede emotionale Nähe. Dabei das erste wahre Wort im Stück: „Es ist so schön, wenn man genug Geld hat.“ 

Kriegenburg spielt virtuos und ohne Destruktionsgelüste auf der Klaviatur des Skurrilen, Grotesken, spielt sogar Bach ein und belässt den Underdog Krogstadt (Tjark Bernau im billigen Wintermantel) und seinen fatalen Schuldschein aber vielleicht doch ein bisschen zu sehr im Ungefährlichen. Die Regie holt Ibsen ganz aus den Niederungen des Aufsagetheaters heraus und führt es in packende Selbsterfahrungen hinüber.

Auch im Duett Noras mit dem krebskranken Dr. Rank von Raphael Rubino: „Ich bin ein Schiffbrüchiger.“ Nach dem Kostümball geht es dann mit viel Nachdruck zu den wirklich wichtigen Erkenntnissen: „Ich muss mich erst mal selbst erziehen“ oder dass Nora schon für ihren Vater nur das „Puppenkind“ war. Dem entschiedenen Ibsen-Schluss – „Sie geht durch die Diele hinaus. Unten fällt eine Tür ins Schloss“ – vertraut Kriegenburg nicht, eher schon Helmers Hoffnung: „Das Wunder … ?“

Großer Beifall gleichwohl für eines der wichtigsten Nürnberger Schauspielereignisse der letzten Jahre: fürs Publikum und für die Schauspieler. Wer das verlogene Weihnachtsfeeling ganz hautnah haben will – man spielt Nora auch am 1. Feiertag. (Uwe Mitsching)

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