Kultur

Das Keramikensemble wurde aus einem Grab geborgen. In der Merowingerzeit blühte ein letztes Mal der heidnische Brauch, den Toten Wegzehrung fürs Jenseits mitzugeben. (Foto: Knauf-Museum)

30.04.2021

Vom Rhein zum Main

Eine Archäologieausstellung in Iphofen führt zurück zu den frühen Franken

Wenn ein Museum in Franken davon erzählt, Als Franken fränkisch wurde, geht es natürlich nicht um den Aufstieg der namengebenden Ahnen, jener „Mutigen, Kühnen“, die sich aus mehreren Stämmen Galliens und entlang des Rheins im dritten nachchristlichen Jahrhundert in Auflehnung gegen die Römer zu einer germanischen Großmacht zusammengerauft hatten – jedenfalls nicht primär. Vielmehr setzt die Ausstellung des Knauf-Museums (Iphofen) in jener Ära ein, als das Reich der Franken schon geeint war und unter dem Königsgeschlecht der Merowinger sein Machtgebiet sukzessive ausweitete – eben in rechtsrheinische Lande und entlang des Mains ins alte Kernland des heutigen Franken.

Stetige Unterwanderung

Nicht aber, dass es die Inbesitznahme einer Terra nullius, eines Niemandslands, gewesen wäre: Die heutigen Franken sind keineswegs reine Rheinländer! Entlang des Mains, dessen ursprünglicher Name Moin/Mogin indogermanische Wurzeln aus einer Zeit vor der Völkerwanderung hat, lebten Menschen schon, bevor die Rheinfranken die dortige Zweisamkeit von Alamannen und Thüringern aufmischten. Das Gebiet gehörte zwar nicht zum Römischen Reich, wohl aber zu dessen Einflussbereich. Größer organisierte, identitäre Gemeinschaften, die sich gegen Eindringlinge aus den drei Nachbarschaften hätten wehren können, gab es entlang des Mains, in diesem „Land ohne Namen“, allerdings nicht. Der Name „Franconia“ taucht urkundlich erst im Jahr 1053 auf.

496 siegten die Franken über die Alamannen, 531 über die Thüringer – und die „fränkische Expansion“ vereinnahmte die Flusslandschaft gen Osten. Das geschah nicht mit einem Federstreich, auch nicht begleitet vom Burgenbau, den eine organisatorische Strukturierung nahelegen würde. Die archäologischen Funde, die das Knauf-Museum zusammengetragen hat, erzählen quasi von einer kulturellen Unterwanderung – und von örtlicher Beharrlichkeit.
So gab es Gebiete entlang des Mains, in denen man noch länger als in anderen eroberten Regionen an der Brandbestattung festhielt, parallel zum rheinfränkischen Ritus der Körperbestattungen in Reihengräberfeldern. Das kann zum einen das Festhalten an alter elbgermanischer Tradition der angestammten Bewohner bedeuten, andererseits kann es als Nebeneinander mit Hinzugezogenen aus Rheinfranken interpretiert werden.

Die Neuen vom Rhein waren keineswegs zwangsumgesiedelte arme Bauern: Die Spuren, die sie hinterlassen haben (herausragend in Karlburg), legen vielmehr wohlhabendere Familien nahe, die feinen Schmuck, exquisites Tischgerät wie Gläser und scheibengedrehte Keramik (im Gegensatz zur handaufgebauten) sowie effektive Waffen mitbrachten.

War einer der Ihren auch Heden, der 704 erste urkundlich greifbare fränkische Herzog, der in Würzburg residierte und mit dessen Herrschaft vor dem Übergang ins karolingische Zeitalter der Ausstellungsbogen über das Werden der Franken endet? Oder gehörte er einer fränkisch-thüringischen Familie an und wurde vom Merowingerkönig mit dieser herausragenden Position belohnt? Wo lag seine Burg in Hammelburg?

Nicht nur beim ersten (main-)fränkischen Herrschergeschlecht bleiben viele Fragen bislang unbeantwortet – fast reihen sie sich durch den gesamten Ausstellungkatalog wie zu einem roten Faden aneinander. Erst in allerjüngster Zeit griff man vielerorts – wie in Würzburg oder amVeitsberg – die wissenschaftliche Spurensuche wieder auf, um die Identitätsgenese des frühen Franken im Maingebiet durch Bodenurkunden stichhaltiger zu rekonstruieren.

Viele offene Fragen

Gerade auch von diesem Bemühen erzählt die Ausstellung. Man erfährt anschaulich, wie auch die Archäobotanik, die Archäozoologie, Geomagnetik und die Sprachwissenschaft bei der Spurensuche dort weiterführen, wo die klassischen dinglichen Bodenfunde nicht gerade in Hülle und Fülle offenliegen. Es zeigt sich: Das frühe Franken ist archäologisch gesehen in vielerlei Hinsicht noch immer eine Terra incognita. (Karin Dütsch)

Information: Bis 27 Juni. Knauf-Museum, Marktplatz, 97343 Iphofen. Aktuelle Öffnungszeiten unter www.knauf-museum.de Weil der Museumsbesuch nicht oder nur begrenzt möglich ist, empfiehlt sich die Lektüre des Begleitbands: Markus Mergenthaler, Margarete Klein-Pfeuffer, Als Franken fränkisch wurde – Archäologische Funde der Merowingerzeit, Verlag Nünnerich-Asmus, Oppenheim am Rhein, 224 Seiten, 20 Euro. ISBN 978-3-96176-120-3

 

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