Kultur

Foto: Theater Erlangen/Jochen Quast

15.11.2019

Von Ossis und Wessis

Gelungene Uraufführung von „Welche Wende?“ am Theater Erlangen

Vom 9. auf den 10. November 1989 fiel die Berliner Mauer, was ein Jahr später zum Ende der deutschen Teilung führen sollte. Die Themencollage Welche Wende?, unter der Regie von Franziska-Theresa Schütz, hinterfragt, wie weit die Wiedervereinigung bisher gelungen ist, wie viel Ost und West noch in den Köpfen steckt und wie man dem begegnen könne. Herzlich willkommen also zur Perlenhochzeit in der Garage, der Studiobühne des Markgrafentheaters Erlangen.

Dreißig gemeinsame Jahre liegen hinter Wiebke West aus Bonn (Alissa Snagowski) und dem Bautzener Olaf Ost (Ralph Jung). Die Tafel ist vorbereitet, mit Kerzenleuchter und schwarz-rot-goldenem Tischläufer, flankiert zu beiden Seiten von der Publikumsverwandtschaft aus Ost und West (Bühne, Kostüme: Philipp Kiefer). In der Nacht, als die Mauer fiel, hatte der gemeinsame Weg begonnen, voller Hoffnung und reich an Träumen. Doch die Brautkleid-Idylle hat in drei Jahrzehnten reichlich Falten bekommen, es knirscht: Zeit, nach den Ursachen zu suchen im Beziehungsgetriebe, Zeit für eine Ehe-Therapie. Unzufriedenheit und Nörgelei prägen den Alltag. Vieles habe man gut gemacht, davon sind beide überzeugt, aber die Euphorie der ersten Jahre ist längst verflogen. Beide blicken zurück auf die Höhen und Tiefen ihrer gemeinsamen Jahre, Lebensmittelpunkt war und ist Bautzen.

Probleme der Vergangenheit

Mit Fakten, Zitaten und Einspielungen von Originalberichten lässt die Inszenierung das Geschehene lebendig werden, die beiden deutschen Teile personifiziert in Wiebke und Olaf. „Alexa“ gibt auf Kommando den passenden Sound (Niklas Handrich) dazu. Drei „Kinder“ habe man seit der Wiedervereinigung bekommen: den Euro, die Angie und den Alfred, der aber sei ziemlich weit nach rechts abgerutscht. Warum der Jüngste, Jahrgang 2013, wohl so geworden ist, fragen sich seine Erzeuger. So ganz genau wissen sie es auch nicht.

Immer mehr drängen die Probleme der Vergangenheit an die Oberfläche und werden sichtbar auf den Tisch gelegt: Stasi-Vergangenheit, Arbeitsplatzverlust, fehlende Lebensperspektiven sowie Treuhand-Machenschaften zwischen Sanierung und Betriebsschließungen. Turbulent geht es da zu, schonungslos hadern die beiden Protagonisten mit sich und ihrer Geschichte. Die beiden Schauspieler schenken sich dabei nichts, gehen in ihrem Spiel voll auf: temporeich, sinnlich, verklärt, kritisch, nachdenklich und kompromissbereit. Ein wenig mehr miteinander reden, sich in den anderen und seine Gefühle versetzen, dann ließen sich auch Hürden nehmen.

Gänzlich todernst bleibt Welche Wende? aber dann doch nicht, sondern spielt mit Gedankenbildern und Einschätzungen von „Ossis“ und „Wessis“ zueinander, hier darf sich die „Verwandtschaft“ mit einbringen, was reichlich Anlass zum Schmunzeln gibt, ohne die Notwendigkeit einer intensiven Auseinandersetzung infrage zu stellen.

Es gibt noch viel zu tun am Ehe-Projekt Wiedervereinigung, das klappt aber nur im Miteinander, so die finale Quintessenz. Gut zusammengestellt, intensiv gespielt: ein starkes Stück Zeitgeschichte. 
(Elke Walter)

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