Kultur

Die Walküre von Tobias Kratzer ist ein Geniestreich. (Foto: Bayerische Staatsoper, Monika Rittershaus)

04.07.2026

,Walküre' an der Staatsoper: Ein Opernthriller in Netflix-Manier

Münchner Opernfestspiele: Die Fortsetzung des Wagner-„Rings“ mit „Walküre“ ist unbedingt sehenswert

Seine Regie hat Humor. Im Walkürenritt sieht man die Gotteskriegerinnen durch das sommerliche München reiten. Die Oberwalküre Brünnhilde kreist im Helikopter über der Isarmetropole. Der Heldenhimmel Walhalla ist wiederum der Königssaal im Münchner Nationaltheater.

In diesem Haus wurde 1870 die Walküre von Richard Wagner uraufgeführt. Sonst aber setzt Tobias Kratzer in seiner Neuinszenierung für die Bayerische Staatsoper den Thriller-Ansatz fort. Aus dem vierteiligen Opernzyklus Der Ring des Nibelungen von Wagner wird eine Art Netflix-Serie. Schon bei der Rheingold-Premiere 2025 wurde das deutlich.

Mit der Walküre ist Kratzer jetzt ein Geniestreich geglückt. Der gebürtige Landshuter, seit dieser Saison Opernintendant in Hamburg, ist ein Meister der Personenführung. Schon in seiner legendären Tannhäuser-Inszenierung in Bayreuth von 2019 offenbarte sich das. Selbst wer sich im Wagner-Dickicht nicht auskennt, versteht unmittelbar, warum etwas passiert und aus welcher Motivation heraus. Kratzer setzt ganz auf das konkrete Erzählen.

Die Bühne und Ausstattung von Rainer Sellmaier erschaffen ein stimmungsvolles Ambiente. Mit Videoeinblendungen wird vielfach die biografische Vorgeschichte der Personen gezeigt. Davon profitiert vor allem der Siegmund von Joachim Bäckström.

Traumatisierter Siegmund

Bei Kratzer wird deutlich, wie traumatisiert dieser Mann ist. Mit seinem Vater musste er erleben, wie das Elternhaus abbrennt. Die Mutter stirbt in den Flammen, seine Zwillingsschwester wird tot geglaubt. Bald wird der Vater heimtückisch ermordet. Wenn dieser Siegmund sich in die Hütte des finsteren Hunding verirrt und in dessen Ehefrau seine tot geglaubte Zwillingsschwester erkennt, gelingt ein berührender Moment.

Diese Begegnung zwischen den Geschwistern wird von Bäckström und Irene Roberts als Sieglinde überaus ergreifend dargestellt. Mit dem Auto von Hunding flüchten sie in den nebelverhangenen Wald, wo Siegmund auf die Todesverkünderin Brünnhilde trifft (stark: Miina-Liisa Värelä). Doch dieser Held kann nicht ohne seine Schwester das Diesseits verlassen, möchte sie nicht erneut allein wissen. Das lässt Brünnhilde erweichen.

Eine derart intensive Zeichnung des Siegmund hat man noch nicht erlebt. Kratzer hört genau hin, nimmt die handelnden Personen und ihre Worte ernst. Da ist Wotan (schlicht stupend: Nicholas Brownlee): Wer ihm vertraue, werde trügend verraten, bekennt er seiner Tochter Brünnhilde in seiner großen Erzählung im zweiten Aufzug. Kurz darauf bricht Wotan die Macht des von Brünnhilde verschonten Siegmund. Er lässt ihn durch Hunding töten.

Als der vermeintliche Sieger auf seinen Befehl hin vor der Ehegöttin Fricka (einnehmend: Ekaterina Gubanova) kniet, rammt er ihm einen Speer in den Rücken. Fricka lächelt eiskalt, denn mit diesem faktischen Doppelmord hat sich Wotan sein eigenes Grab geschaufelt. Genau darauf arbeitet Fricka beharrlich hin.

Die Masken fallen kurz vor Schluss der Oper. Wotan lässt Brünnhilde in tiefen Schlaf fallen. Damit bestraft er sie, weil sie ihm nicht gehorchte und Siegmund verschonen wollte. Plötzlich kommt Fricka in die Szene. Eine letzte Videorückblende zeigt, wie sie mit dem Feuergott Loge die Familienhütte von Siegmund in Brand gesteckt hat. Jetzt dämmert es auch dem grenzenlos naiven und selbstherrlichen Wotan. Doch es ist zu spät. Die finale Götterdämmerung kann dieser Gottvater nicht mehr abwenden.

Kratzer gelingt der Spagat, selbst Wagner-Experten zu überraschen und gleichzeitig niederschwellig ein breiteres, auch jüngeres Publikum mitzunehmen. Zu diesem Opernthriller steuert Vladimir Jurowski mit dem Bayerischen Staatsorchester den perfekten Soundtrack bei.

Wirkte die Rheingold-Premiere noch kleinteilig, entfachte Jurowski nun einen unerhörten Sog. Er gönnte dem Orchester weite Bögen. In jedem einzelnen Instrumentalklang legte Jurowski den Wesenszug der Personen wie auch den Stoff selber frei. Musik und Regie wirkten gemeinsam erdacht und gelebt. Wenn das so bleibt, wird der neue Münchner Ring ein ganz großer Wurf. (Marco Frei) 
 

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