Kultur

Ziemlich gerupft sieht dieser ausgestopfte Vogel aus. Ein Exponat, das auch im Museum von Schädlingen heimgesucht wurde. Foto: Deutsches Museum, Klaus Pichler

02.02.2026

Wenn Motten sich im Museumsdepot austoben

Wie Ungeziefer Bestände schädigt, zeigt eine Ausstellung im Münchner Verkehrszentrum des Deutschen Museums

Wen könnte nicht beim Anblick einer präparierten Schleiereule, deren Gefieder bis auf die Knochen von Kleidermotten abgefressen ist, ein Anfall des Entsetzens überkommen? Was geht in einem Museumsangestellten vor, wenn ihm beim Öffnen der Kofferraumhaube eines Oldtimers eine Wolke aus Motten entgegenschwirrt, die sich über die Textilien hergemacht haben? Wie reagiert man, angesichts von Papierfischchen durchlöcherter Banknoten oder sich in Nichts auflösender jahrhundertealter Bücher, die auf dem Speiseplan eines nur 1 bis 3 Millimeter kleinen Brotkäfers stehen, vulgo auch Bücherwurm genannt, ein radikaler Kosmopolit, den Kleister aus Buchrücken anlockt und der sich auch gerne in unserer Vorratskammer bedient? 

Wanderausstellung um eigene Exponate ergänzt

Lauten die zentralen Museumsaufgaben nicht sammeln, erforschen und bewahren? Was ist zu tun, wenn unliebsame Schädlinge an wertvollen Kulturgütern von der Schmetterlingssammlung bis zum Pferdefuhrwerk ihr Unwesen treiben? Heißt es da nicht für Konservatoren: Gefahr ist im Verzug? An Museumsexponaten allerorts nagt nicht nur der Zahn der Zeit, sondern lebendiges Ungeziefer aller Art. Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel? Welche Vorkehrungen treffen Museumsleute, um das kulturelle Erbe in den Weiten ihrer Depoträume zu schützen?

Die neue Sonderausstellung Hier nagt nicht nur der Zahn der Zeit, zu sehen im Verkehrszentrum des Deutschen Museums mit einer Depotfläche von immerhin 50 000 Quadratmetern, beschäftigt sich mit diesem Themenkomplex. Sie wurde vom Naturkundemuseum in Wien erarbeitet und ist als Wanderausstellung konzipiert. In München, wo die überschaubare, feine Schau derzeit Station macht, wurde sie mit Beispielen aus der eigenen Sammlung ergänzt, darunter ein luftdicht verpackter Bollerwagen und ein Dreschschlitten in einer abgedichteten Quarantänekiste.

Ausstellungsmacher Pascal Querner, Biologe und Experte für Museumsschädlinge am Naturhistorischen Museum Wien, erklärt: „Auch der Klimawandel spielt für den Schädlingsbefall eine Rolle: Durch höhere Temperaturen vermehren sich die Tierchen schneller, in historischen Museumsgebäuden bildet sich durch die veränderten Klimabedingungen verstärkt Schimmel. Wir stehen in den Museen vor der Herausforderung, Hunderttausende Objekte langfristig vor einem Befall zu bewahren. Und viele Objekte sind so selten oder gar einzigartig, dass sie nicht ersetzt werden können.“

Bereits vor 100 Jahren richteten Schimmelpilze Verheerendes an. An dieser Stelle gilt es, ein prominentes Beispiel aus der Münchner Museumsgeschichte sich wieder in Erinnerung zu rufen: den zu Lebzeiten weit gereisten, legendären Elefanten namens Soliman. Er endete als erstes bayerisches Präparat in der Kunst- und Wunderkammer von Herzog Albrecht V. und gelangte 1928 ins Bayerische Nationalmuseum, wo er im Keller verschimmelte. Angeblich wurden in den Zeiten der Mangelwirtschaft seine Reste letztlich zu Schuhsohlen verarbeitet.

Für die Besucher streckenweise das Gruseln lehrende Ausstellung im Saal III des Münchner Verkehrszentrums des Deutschen Museums stellen Makroaufnahmen des Fotografen Udo Schmidt auf Leuchttafeln erschreckend schöne Museumsschädlinge in Blow-up dar. Der für seine konzeptionellen Fotoserien bekannte österreichische Fotokünstler Klaus Pichler widmet sich dagegen den Schadensbildern und zeigt in seinem Fotokunstprojekt Zeugnisse der Zerstörung eindrucksvoll eine Reihe schwerwiegender Schadensfälle aus dem Naturkundemuseum in Wien. Zur Bekämpfung von Schädlingen schreckte man früher vor dem Einsatz von Naphthalin (Mottenkugeln), Arsen und DDT in Museumsdepots nicht zurück.

Heute ist man um eine giftfreie Bekämpfung bemüht. Beispielsweise, indem man Objekte einfriert, erhitzt oder mit Stickstoff begast, macht man die ungebetenen Gäste unschädlich. Prävention und Monitoring stehen dabei im Vordergrund. Schädlingsfallen in den Museumsdepots erlauben eine Überwachung und Zählung der Tiere.

Eine weitere Alternative bietet sich auch durch Einsatz von Museumsnützlingen wie Schlupfwespen. Sie parasitieren nur ihre Wirtsinsekten, spüren Motteneier auf und fressen sie. Für Verena Reitz, die sich seit 19 Jahren um die Schädlingsbekämpfung im Verkehrszentrum kümmert, gelten Motten als der größte Feind im Verkehrsmuseum. Sie können über Ritzen und Fenster ins Museum gelangen oder über selten getragene Kleidungsstücke der Besucherinnen und Besucher.

Schlupfwespe kann helfen

Aber auch bei Museumsneuzugängen ist Vorsicht geboten. Regelmäßig kontrollieren die Experten die Klebe- und Pheromonfallen, die genau erkennen lassen, ob es gerade mehr Schädlinge gibt. Die Fachwelt schließt nicht aus, dass in der Zukunft mit der globalen Erwärmung nicht nur die Anzahl der Schädlinge durch beschleunigtes Wachstum und mehr Nachkommen zunehmen wird, sondern auch neue Arten hierzulande heimisch werden. Wie zum Beispiel der amerikanische Wespenkäfer, der mit Vorliebe getrocknete Insekten frisst.

Ein Trostpflaster gibt es jedoch: Den einst in zoologischen Sammlungen so gefürchteten Kabinettkäfer, auch Museumskäfer genannt, gibt es kaum mehr. (Angelika Irgens-Defregger)
 

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