Kultur

Spielfreudig in neuen Identitäten: Almirena (links) und Rinaldo (Chiho Kawashima und Carolin Ritter). Foto: Balendat

20.01.2012

Zauberin jagt Cheerleader in die Luft

Mit der Kreuzzugsoper „Rinaldo“ eröffnen die Tage Alter Musik der Musikhochschule Nürnberg

Das Orchester sitzt wie vor den Mauern von Jerusalem, die Stufen dahinter führen hinauf wie zum Tempel Salomos: Mit der Kreuzzugsoper Rinaldo eröffnen die „Tage Alter Musik“ der Musikhochschule Nürnberg ihr vielfältiges Acht-Tage-Programm. Georg Friedrich Händel eröffnete mit der Oper seine Londoner Karriere. Die Münchner Händel-Renaissance bot 2000 in David Aldens genialischer Regie riesige Jerusalem-Rutschbahnen und Zauberreiche in Schieflage – wie sollte eine Studentenaufführung im neugestalteten Heilig-Geist-Saal damit nur annähernd konkurrieren können?
Wirbelndes Entrée
Das wollte man natürlich überhaupt nicht, aber am Ende und nach drei Stunden war die Begeisterung über eine einfallsreiche, musikalisch ausgefeilte Aufführung einhellig. Sie ging in der Regie des Flensburger Operndirektors Jan-Richard Kehl, besonders aber unter der musikalischen Leitung von Hartwig Groth auf der Basis der Einstudierung von Anne Röhrig als heitere Kreuzzugs-Clownerie an den Start. Dann entwickelte sie die großen barocken Gefühle und endete mit einem logisch entwickelten Gegenwartsbezug: Die morgenländische Zauberin Armida, zutiefst gedemütigt, jagt mit ihrem Sprengstoffgürtel das verzückt taumelnde Glück der GI-Eroberer und ihrer Cheerleader in die Luft.
Dazwischen entwickelt Kehl in den einfallsreichen Collage- Kostümen von Annette Braun auf den Tempelstufen ein lebendiges Spiel, das sich mit einfachen Mitteln um den Mangel an bühnentechnischen Zauberkunststücken herummogelt. Die Kreuzfahrerheere sind eine lustige Gesellschaft, die ihren Rucksack-Trash auf die heiligen Stufen schmeißt. Mit einem schmuddeligen Amor (Tobias Bencker) hat sich die italienisch gesungene Aufführung eine Art zweisprachigen Conférencier zugelegt, den König von Jerusalem zeigt sie ironisch als zotteligen Halbaffen mit riesigem über der Hose zu tragenden Gemächt. Rinaldo tritt als missmutiger Clown im Landser-Outfit auf.
Alles zusammen war’s ein wirbelndes Entrée, das Publikum war verblüfft, wenn auch ohne rechte Orientierung, worum es denn gehen soll. Aber immer war Zeit und großer Atem für die exquisiten Arien und Duette, in denen sich besonders die drei Frauenstimmen profilieren konnten: Carolin Ritter als Rinaldo, Chiho Kawashima als dessen Geliebte Almirena, besonders Hyunjung Cho als Armida. Gerade die Studenten aus Fernost auf der Besetzungsliste, sonst eher unbeholfen im Spiel, schlüpften durch die Kostüme spielfreudig in neue Identitäten.
Mit Tempo treibt Hartwig Groth das Barockorchester der Musikhochschule in historischer Aufführungspraxis in heftige Emotionen. Prachtvolles Geschmetter gehört genauso dazu wie die magische Atmosphäre in Armidas Reich, fulminant ist der Zugriff auf Instrumentierungsdetails wie das Blockflöten-Vogelgezwitscher bei Almirenas „Angelletti che cantate“, gefühlig packend gelingt die Begleitung zu ihrem berühmten „Lascia ch’io pianga“. Nach jahrelangen eher bescheidenen Versuchen ist die Musikhochschule Nürnberg mit dieser Aufführung in voller Fahrt auf der Schiene „Alte Musik“ und bietet zudem angesichts der Barockabstinenz des Staatstheaters das Händel-Glück, das den Münchnern inzwischen abhanden gekommen ist. (Uwe Mitsching)

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