Landtag

Allürenfreier Politiker: der Freie Wähler Alexander Hold (56). (Foto: dpa)

30.11.2018

Vom TV-Richter zum Polit-Moderator

Im Porträt: Landtagsvizepräsident Alexander Hold (Freie Wähler)

Er war Hauptdarsteller einer Gerichtsshow und einer Gerichtsserie im Fernsehen, ist Talkshow-Stammgast und Ratgeber-Autor. 2017 kandidierte er als Freier Wähler allen Ernstes für das Amt des Bundespräsidenten gegen den klaren Favoriten Frank-Walter Steinmeier. Und Mitte Oktober zog er mit einem Spitzenergebnis von 21,4 Prozent für die FW in den Landtag ein; nach Aufnahme der Koalitionsverhandlungen mit der CSU wurde der ehemalige Richter von den Medien sogleich als möglicher Justizminister gehandelt.

Der Mann muss ja ein Riesen-Ego besitzen. Oder nervige Star-Allüren. Oder beides.
Nun ja – nicht immer treffen Vorurteile ins Schwarze. Alexander Hold, 56 Jahre alt und seit Anfang November Vizepräsident des bayerischen Landtags, wirkt trotz seiner erstaunlichen Vita bodenständig und uneitel. Zum vereinbarten Treffen in einem Münchner Café kommt er mit der Tram, obwohl er als Vizepräsident auch die Fahrbereitschaft des Landtags nutzen könnte. Doch darauf „greife ich kaum zu“, beteuert Hold. „Ich gehe kürzere Wege gern zu Fuß.“ Und in der Stadt seien öffentliche Verkehrsmittel „eh oft schneller“. Demnächst will sich der Kemptener einen Elektro-Roller zulegen, um in München mobil zu sein. Daheim im Allgäu fährt er gern mit dem Rad.

Seit zwölf Jahren ist Alexander Hold Mitglied bei den Freien Wählern, 2008 wurde er in den Kemptener Stadtrat gewählt, 2014 avancierte er dort zum FW-Fraktionsvorsitzenden. Mitte Oktober 2018 zog der Vater zweier Buben im Alter von neun und zwölf Jahren erstmals in den Landtag ein.

Bei den FW erzielte er mit dem drittbesten Gesamtergebnis mehr Stimmen als viele langjährige Abgeordnete seiner Partei.

Für die Freien Wähler ist Hold aufgrund seiner bundesweiten Bekanntheit ein Glücksfall. Bis auf wenige Ausnahmen hatte keine andere Partei einen vergleichbar populären Kandidaten in ihren Reihen. Nicht umsonst verkündete der FW-Parteichef Aiwanger frühzeitig, Hold werde bei der Besetzung der Spitzenposten in der neuen Koalition „natürlich“ berücksichtigt. Dass Aiwanger große Stücke auf den Kemptener hält, war spätestens seit Februar 2017 klar – als Aiwanger Hold zum Bundespräsidenten machen wollte.

Die FW müssen lernen, mit einer Stimme zu sprechen

Die Wende zum Fernseh-Promi kam für Hold im Jahr 2000. Völlig überraschend, wie er versichert. Nachdem er in München Jura, Politologie und Philosophie studiert hatte, war der in Kempten geborene Hold ab 1992 als Staatsanwalt in seiner Heimatstadt tätig, von 1997 bis 2001 als Richter.

Dann, eines Tages, bekam er einen Anruf. Ob er Fernsehrichter werden wolle, wurde er gefragt. Hold glaubte an einen Scherz und legte einfach auf. Das ging so noch zweimal. Beim vierten Anruf hörte er dann doch mal zu. Tatsächlich war es so, dass Sat.1 damals eine Gerichtsshow plante. An der Ausschreibung für das Format beteiligten sich verschiedene Produktionsfirmen. Alle hatten das gleiche Problem: Sie fanden keinen geeigneten Richter, der die Hauptrolle übernehmen können hätte. In seiner Verzweiflung rief ein Mitarbeiter des Produktionsunternehmens Constantin bei Leo Kirch an – einer von dessen Medienanwälten erinnerte sich an Alexander Hold, den er einmal bei Gericht erlebt hatte und empfahl ihn weiter. So nahmen die Dinge ihren Lauf. Für Hold war es der Einstieg in eine zwölfjährige TV-Karriere, für die er sein Amt als Richter aufgab.

Warum er das gemacht hat? Erstens sei er „ein sehr neugieriger Mensch“, sagt Hold. Und zweitens habe er festgestellt, „dass das Bild der Justiz in der Öffentlichkeit stark von dem abweicht, was mein Selbstverständnis ist“. Seine Rolle als „Richter Alexander Hold“ habe ihm die Möglichkeit gegeben, „das richtigzustellen“. Man darf davon ausgehen, dass er als TV-Richter finanziell zumindest nicht schlechter gestellt war denn als Richter am Landgericht.

Lästereien über Holds TV-Engagement halten sich im Landtag übrigens in Grenzen. Selbst politische Gegner räumen ein, dass Holds Gerichts-Show „gut gemacht“ gewesen sei. Sat.1 stellte das Format im Jahr 2013 ein, nach 2040 Folgen. Hold übernahm anschließend andere TV-Engagements, zudem verfasste er juristische Ratgeber für Laien.

Sein politisches Engagement geht auf ein Erlebnis vor zwölf Jahren zurück. Damals wollte Hold in Kempten ein Haus mit einem Flachdach bauen. Doch der Stadtrat lehnte den Entwurf des Architekten ab, Hold ärgerte sich maßlos. Er wurde gezwungen, ein Pultdach zu bauen. „Provinziell“ sei die Begründung gewesen, grollt Hold noch heute. Weil er aber nicht nur meckern, sondern dazu beitragen wollte, dass Entscheidungen künftig anders ausfallen, beschloss er, sich politisch zu engagieren. Seine Wahl fiel auf die FW – „weil ich mich in kein ideologisches Konzept einspannen lassen wollte“, sagt Hold.

Ob er es bedauert, nicht Minister geworden zu sein? Nö, beteuert Hold. „Es gibt viele schöne Aufgaben.“ Gewiss, als Landtagsvizepräsident fungiert er eher als Moderator. „Da besinne ich mich auf meine Kernkompetenzen“, sagt Hold und lächelt: „moderieren und Konflikte lösen.“ Daneben könne er im Fraktionsvorstand, im Rechtsausschuss und im Plenum daran mitwirken, Politik zu gestalten – und auch im Koalitionsausschuss, wo er eines von insgesamt vier FW-Mitgliedern ist. Zentrale Anliegen sind ihm die Themen Mobilität sowie gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Landesteilen.

Große Aufgaben. Interessant wird dabei auch, ob es die bisher heterogenen FW schaffen, künftig Geschlossenheit zu zeigen. Dass hier Lernbedarf besteht, mag Hold nicht bestreiten. „Wir müssen lernen, mit einer Stimme zu sprechen“, räumt er ein. Und auch: sich mit der CSU abzusprechen. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er glaubt, über ausreichend diplomatisches Geschick für künftige Verhandlungen zu verfügen. „Ich glaube, das kann ich.“

Bislang hat das jedenfalls noch niemand dementiert. Sowohl beim Regierungspartner CSU wie auch in den Reihen der Opposition hat Hold einen guten Eindruck hinterlassen. Der FW-Mann, loben die beiden Vizepräsidenten Karl Freller (CSU) und Wolfgang Heubisch (FDP) sowie der SPD-Finanzexperte Harald Güller, wirke „angenehm, kompetent und allürenfrei“.

Kein schlechtes Entrée für einen Landtagsneuling. (Waltraud Taschner)

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