Landtag

Im Münchner Haus der Kunst ist derzeit nicht viel los. (Foto: dpa/Andreas Gebert)

17.07.2020

Auch der Landtag ist ahnungslos

Wolfgang Heubisch (FDP), Chef des Kunstausschusses, wüsste gern, warum es mit der Sanierung des staatseigenen Museums nicht vorangeht

Seit April hat das Haus der Kunst eine neue Leitung. Doch pandemiebedingt hat man wenig gehört von Andrea Lissoni, dem künstlerischen Direktor, und Wolfgang Orthmayr, dem kaufmännischen Direktor. Jetzt stellten sie sich der Presse vor. Lob gab es dabei für den Freistaat, der als Mehrheitsgesellschafter der Stiftung, die das Haus der Kunst betreibt, einen erhöhten Zuschuss zur Verfügung stellte.

„Get closer!“ In meterhohen Buchstaben steht es auf der Fassade des Hauses der Kunst zu lesen: „Treten Sie näher!“ – Soll das ein Witz sein? Eine Einladung zu einem Museumsbesuch in Pandemiezeiten, in denen peinlichst auf Abstand geachtet wird? Aber hier wird niemand veräppelt; es ist vielmehr so, dass die Kunst den Restriktionen ein Schnippchen schlägt. „Get closer!“ bezieht sich auf die Ausstellung Franz Erhard Walther: Shifting Perspectives, und darin kann man jeweils von Donnerstag bis Sonntag an einer „Werkaktivierung“ teilnehmen, bei der man tatsächlich einer fremden Person näherkommen kann, trotz Maske und Mindestabstand.

Die Kunst bringt es fertig! Es liegt aber nicht nur an diesem Kunststück, dass Andrea Lissoni und Wolfgang Orthmayr die Lage ihres Hauses als ganz gut einschätzen. Da ist zunächst mal die finanzielle Situation, die Orthmayr als bereinigt und solide darstellt. Er könne seinem Vorgänger Bernhard Spies nur danken, von dem er „keinerlei Altlasten geerbt“ habe: „Das Buch ist zu, alles ist abgeschlossen.“ Man erinnert sich: Bernhard Spies hatte sich unter anderem daran gestoßen, dass „die Struktur des Aufsichtspersonals mit einem sehr hohen Anteil an geringfügig Beschäftigten und Teilzeitbeschäftigten einen sehr hohen Organisationsaufwand“ erfordert habe und daher „unwirtschaftlich“ gewesen sei. Mittlerweile hat man laut Orthmayr diesen „Unsinn abgestellt“, sprich: mit 19 teilzeitbeschäftigten Mitarbeiter*innen eine gütliche Einigung erzielt und andere dafür aufgestockt. Gleichzeitig sei der Betriebsfrieden wiederhergestellt, weil das angedrohte Outsourcing vom Tisch sei.

Was vermutlich auf das Eingreifen von Ai Weiwei zurückgeht; der Künstler-Weltstar hatte medienwirksam Partei für das Aufsichtspersonal ergriffen. Für die Verhinderung des Outsourcing sei der Betriebsrat sogar für den Betriebsrätepreis nominiert worden. Doch die virusbedingten Einschränkungen trafen natürlich auch das Haus der Kunst: „Wir hatten achteinhalb Wochen lang keinen einzigen Besucher, haben keine einzige Eintrittskarte verkauft, keinen Katalog.“ Seit dem 11. Mai ist das Haus der Kunst wieder geöffnet, mit den bekannten Einschränkungen, doch Orthmayr kommt angesichts des Status quo fast ins Schwärmen: „Diejenigen, die kommen, genießen die Ausstellung, als wäre sie für sie gemacht.“ Der Besucherpegel sei bei 20 bis 25, höchstens 30 Prozent des Üblichen – für die Besucher sei das paradiesisch: „Es gibt Tage, an denen man sich sehr viel Zeit vor einem Werk lassen kann, ohne von einem anderen Besucher gestört zu werden.“

Höchstens 30 Prozent der üblichen Besucherzahlen

Die gewohnten Einnahmen wie die Pacht der Nobeldisco P1 sind derzeit allerdings stark reduziert, da sie am Umsatz orientiert sind. Dass das Haus der Kunst wirtschaftlich trotz alledem noch solide dastehe, liege an einem „Mehrheitsgesellschafter namens Freistaat“, der einen erhöhten Zuschuss zur Verfügung gestellt habe, sodass man noch Rücklagen habe.

Das Haus der Kunst gehört dem Freistaat, betrieben wird es von einer Stiftung, in der wiederum Bayern als Mehrheitsgesellschafter das Sagen hat. Das Museum, das zeitgenössische Kunst zeigt, aber keine eigene Sammlung hat, ist also finanziell nicht allein, aber hauptsächlich vom Landtag als Haushaltsgesetzgeber abhängig – und der hat das renommierte Haus bislang nicht hängen lassen.

Orthmayr zeigte sich optimistisch, „dass wir dieses Jahr mit Ruckeln, aber gut zu Ende bringen werden – außer es gibt eine zweite Viruswelle“. Sein Nachfolger Andrea Lissoni hat da ganz andere Gefühle. Als gebürtiger Italiener ist er mit faschistischer Architektur wohlvertraut. Er empfinde den Bau nicht als „so heavy“, sondern im Gegenteil als „modest“, sprich: bescheiden. „Das Haus der Kunst schaut überhaupt nicht groß aus, sondern gemütlich.“ Er sehe den 175 Meter langen Monumentalbau mehr als Schiff; seine Absicht sei, dieses Schiff zum Fliegen zu bringen – zum Beispiel im September mit der Eröffnung der Ausstellung des britisch-kenianischen Malers Michael Armitage. Vorerst freilich ist der Lack an diesem Schiff ganz schön abgeblättert. Überall bröckelt es, die Schraubzwinge ist das wichtigste Werkzeug im Haus.

Vor drei Jahren hat der britische Stararchitekt David Chipperfield einen Sanierungsplan vorgestellt, die 80 Millionen Euro dafür schienen schon so gut wie bewilligt. Doch bis dato ist nichts passiert.

Warum nicht, das weiß auch Wolfgang Heubisch (FDP) nicht zu sagen. Der stellvertretende Vorsitzende des Landtagsausschusses für Wissenschaft und Kunst vermutet, dass das ganze Sanierungskonzept „noch einmal hinterfragt“ wird. Im Übrigen warte der Kunstausschuss noch auf einen Bericht zur Lage des Hauses der Kunst. Er freue sich darüber, dass die neue Doppelspitze so „mutige Aussagen“ gegenüber der Presse mache. Noch mehr würde er sich indes freuen, wenn sich die beiden neuen Chefs auch mal dem zuständigen Landtagsausschuss vorstellten. (Florian Sendtner)

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