Landtag

Rote Hemden mag er besonders: Martin Stümpfig (49). (Foto: loh)

02.10.2020

Der Zurückhaltende

Im Porträt: Martin Stümpfig, Sprecher für Energie und Klimaschutz bei der Grünen-Fraktion

Martin Stümpfig ist Pragmatiker. Statt nach Konfrontation sucht er nach Kompromissen, statt laut zu werden, setzt der Grüne auf Argumente. Insofern war seine Plenarrede im Juli eine kleine Zäsur. Nachdem CSU und Freie Wähler im Landtag beschlossen hatten, 18 bereits genehmigte Windräder nachträglich zu Schwarzbauten zu erklären, wurde Stümpfig mal richtig laut. „Eine Rede in dieser Schärfe hätte ich früher nicht gehalten“, erzählt der Diplom-Umweltingenieur rückblickend. Das Video findet sich nach wie vor auf der Landtags-Homepage. Ausgeflippt, wie er sagt, ist er allerdings nicht. Aber er hat seine Argumente zugespitzter als sonst vorgetragen.

Den politischen Gegner zur Weißglut treiben, das ist halt einfach nicht sein Ding. Aber ist das überhaupt eine erstrebenswerte Eigenschaft für einen Politiker? Stümpfig meint: nein. Ein Abgeordneter vom Typ harter Hund will der 49-Jährige nicht sein.

Tatsächlich ist Stümpfig einer, der lieber zuhört, als sich selbst reden zu hören. Der sich zurücknimmt und nicht danach giert, ständig im Mittelpunkt zu stehen. Das ist selten in der Politik. Dadurch bleiben aber auch viele seiner Ideen und Argumente ungehört. Obwohl er als Sprecher für Energie und Klimaschutz quasi die DNA seiner Fraktion vertritt, dürfte er außerhalb des Landtags und seines Wahlkreises bisher nur wenigen Menschen bekannt sein. Klassische Pressekonferenzen meidet er. Und bei Pressemeldungen zum Thema Energie und Klimaschutz fällt sein Name oft erst am Ende des Textes. „Die Themen sind natürlich in der Fraktion umkämpft“, räumt Stümpfig ein. Er habe aber nicht das Gefühl, dass ihm andere die Show stehlen wollten. „Es ist zum Beispiel nicht selbstverständlich, dass die Fraktionsvorsitzenden den Fachpolitiker in ihren Meldungen überhaupt erwähnen.“ Er sieht es daher eher als Ehre an.

Im Landtag machte Stümpfig eine Turbokarriere, avancierte 2013 als Neuling gleich zum Vizevorsitzenden des Ausschusses für Wirtschaft, Verkehr, Energie und Technologie. Was er in den letzten sieben Jahren politisch erreicht hat? Stümpfig ist Realist: „Da bleibt nicht viel“, sagt er. Maximal zwei, drei „Pillepalle-Anträgen“ hätte die CSU in der Vergangenheit zugestimmt. Beim Thema Energie und Klimaschutz habe es „null Erfolge“ gegeben. „Das ist massiv enttäuschend und frustrierend“, erklärt er. „So stelle ich mir Politik nicht vor.“ Immerhin hat Stümpfig es im Corona-Frühjahr geschafft, zusätzliche Busse zur Schülerbeförderung durchzusetzen, damit sich die Kinder nicht gegenseitig im Bus anstecken. Typisch Stümpfig: Bei der Pressemeldung der Grünen hatte er in der ersten Version vergessen, sich den Erfolg für die Initiative zuzuschreiben.

Geboren wurde Stümpfig 1970 in Feuchtwangen. Sein Vater führte ein Baugeschäft, ein klassischer Familienbetrieb. Über Politik wurde in der Familie nicht gesprochen. Doch Stümpfigs ältere Brüder nahmen ihn in den 80er-Jahren mit zu den Protesten in Wackersdorf gegen die atomare Wiederaufbereitung. Dort wurde sein politisches Interesse geweckt. Nach dem Abitur studierte Stümpfig Forstwirtschaft in Freising. Sein Wunsch, Förster zu werden, wurde damals allerdings vom Einstellungsstopp der Bayerischen Staatsforsten konterkariert. So absolvierte er ein Aufbaustudium zum kommunalen Umweltschutz in Nürtingen und arbeitete von 2002 bis zur Landtagswahl 2013 als Umweltingenieur und Klimaschutzbeauftragter bei der Stadt Ansbach.

Eine andere Partei als die Grünen kam für Stümpfig nie infrage. „Ich habe schon immer für Umweltthemen gebrannt“, erinnert er sich. Bereits mit 20 Jahren kandidierte er das erste Mal auf einer Kommunalliste, 1996 trat er in die Partei ein. Seitdem passe kein Blatt zwischen ihn und die Grünen: „Meine Ansichten sind fast deckungsgleich mit dem Parteiprogramm.“

Neben dem Klimaschutz setzt sich Stümpfig auch für Fluchtursachenbekämpfung und eine menschenwürdige Asylpolitik ein. Seine Frau hat ihn im Jahr 2000 überredet, mit ihr für zweieinhalb Jahre ins westafrikanische Mali zu reisen. Im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes arbeitete er dort als Dorfberater für nachhaltige Landwirtschaft – das hat ihn geprägt. „Ich kann jedem nur empfehlen, einmal eine solche Erfahrung zu machen“, sagt er.

Auf seiner Webseite gibt’s Rezepte für Wildkräutersuppen

Dass Stümpfig einmal in den Landtag einziehen würde, war nicht von langer Hand geplant. „Ich habe nie an einer politischen Karriere gearbeitet, sondern bin eher reingestolpert“, bekennt er. Begonnen hat alles, als er sich bei der Kommunalwahl 2008 überreden ließ, als Bürgermeister für Feuchtwangen zu kandidieren. „Ich dachte, ich werde ausgelacht“, erinnert er sich. Doch er schaffte es in die Stichwahl, bei der er gegen den CSU-Kandidaten beachtliche 45 Prozent holte. „Danach“, erzählt er offen, „habe ich einfach viel Glück gehabt.“ Just zu dieser Zeit hätten viele regionale Landtagsabgeordnete aufgehört, während gleichzeitig keine Platzhirsche ihren Anspruch kundtaten. Und so kam es, dass er von heute auf morgen Vollzeitpolitiker wurde.

Privat präsentiert sich Stümpfig anders als die meisten Politiker. Auf seiner Webseite veröffentlicht er zwischen seinen politischen Zielen Rezepte für nachhaltige Wildkräutersuppen – sowie auf den Cent genau seine Einnahmen als Landtagsabgeordneter. Ebenso kann man dort Stümpfigs persönliche CO2-Bilanz für Strom, Wärme und Verkehr nachlesen.

In seiner Freizeit spielt er gern Volleyball, joggt, fährt Rad oder besichtigt Windräder – die faszinieren ihn. Die Zeit der gemeinsamen Familienurlaube ist vorbei, seine Tochter ist bereits 30, die anderen beiden Kinder sind 18 und 16 Jahre alt.

Ob er als Landtagsabgeordneter auch in Pension gehen will? Festlegen will er sich da nicht. „Grundsätzlich finde ich es aber gut, wenn man nach einer gewissen Zeit wieder aufhört und den Jüngeren den Vortritt lässt“, sagt Stümpfig. Und außerdem: Wenn’s um sein Steckenpferd Klimaschutz geht, könnten hierbei die Kommunen besonders viel bewirken. Gut möglich also, deutet Stümpfig an, dass er sich irgendwann wieder stärker vor Ort als im Landtag einbringt. (David Lohmann)

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