Landtag

Die Ständige Impfkommission entwickelt gerade eine Strategie, welche Risikogruppen zuerst geimpft werden. (Foto: dpa/Stephan Jansen)

15.05.2020

„Eine Zwangsimpfung wird es nicht geben“

Trotz kleinerer Corona-Hotspots im Südosten Bayerns blickt das Gesundheitsministerium optimistisch in die Zukunft

Weltweit liefern sich laut Staatsregierung 108 Projekte ein Wettrennen um einen Covid-19-Impfstoff – acht davon befinden sich bereits in klinischer Prüfung. Der Gesundheitsausschuss dämpft aber wegen der Nachfrage die Hoffnung auf einen schnellen, flächendeckenden Einsatz.

Aktuell kursieren viele Gerüchte zu einer Zwangsimpfung in Deutschland. Das bayerische Gesundheitsministerium stellte daher bei seinem aktuellen Corona-Bericht im Landtag klar: „Weder auf Bundesebene noch in unserem Haus wird das in Erwägung gezogen“, sagte die Infektionsschutzchefin der Corona-Taskforce, Gabriele Hartl. Denn im Gegensatz zu einer Masernimpfung, wo für eine Herdenimmunität 95 Prozent der Bürger geimpft sein müssen, reiche bei Covid-19 eine Quote von 60 bis 70 Prozent. Das gelinge ohne Zwang. 

Außerdem hat das Ministerium ethische Bedenken bei einer Impfpflicht, weil seltene Nebenwirkungen oft erst nach vielen Jahren zum ersten Mal auftreten. Selbst wenn in zwölf bis 18 Monaten ein Impfstoff gefunden wird, werde dieser zu Beginn nicht in ausreichender Menge verfügbar sein. Daher erarbeitet die Ständige Impfkommission laut Hartl gerade eine Impfstrategie, welche Risikogruppen zuerst geimpft werden. 

Aktuell gibt es nach Ministeriumsangaben weltweit 108 Impfstoffprojekte – acht davon befinden sich in klinischer Prüfung. Diese ist in drei Phasen aufgeteilt: In der ersten wird die Verträglichkeit und in der zweiten die Wirksamkeit an einer kleinen Zahl von Personen untersucht. In der dritten Phase wird beides dann an einem großen Probandenkreis getestet. Um die Corona-Impfstoffsuche zu beschleunigen, dürfen aktuell weltweit Phase eins und Phase zwei zusammengelegt werden. 

Die Impfstoffentwicklung basiert laut Hartl auf abgeschwächten Lebend- oder Totimpfstoffen, die im Körper eine Immunabwehr aktivieren. „Das sind etablierte Verfahren, die wir schon seit Jahrzehnten einsetzen“, erklärte Hartl. Neu seien mRNA- oder DNA-Impfstoffe. Sie sollen im Körper ungefährliche Virusproteine bilden, die ebenfalls einen Immunschutz aufbauen. Allerdings gibt es zu diesem Verfahren noch keine Langzeiterfahrung. „Bisher ist es noch nie zur Zulassung eines genbasierten Impfstoffs gekommen“, sagte Hartl. Ob Menschen nach einer Covid-19-Erkrankung auch ohne Impfung immun sind, sei nach wie vor nicht absolut sicher. 

Die Verdoppelungsrate liegt inzwischen bei 208 Tagen

Simone Kohn, die in der Corona-Taskforce für das Lagebild verantwortlich ist, machte in ihrem Bericht Hoffnung, dass die Situation auch ohne Impfstoff unter Kontrolle bleibt. Zwar gab es bisher in Bayern insgesamt 45 000 Corona-Infektionen und 2200 Todesfälle – 38 000 Menschen seien aber wieder genesen. Aktuell sind 4300 Personen an Covid-19 erkrankt. Die Reproduktionszahl in Bayern, also wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt, liegt derzeit bei 0,97. „Die Zahl der Genesenen übersteigt die Zahl der Neuinfektionen“, resümierte Kohn. Die Verdoppelungsrate spiele zwar keine Rolle mehr, liege aber bei 208 Tagen. Zur Erinnerung: Im März haben sich die Fallzahlen alle 2,7 Tage verdoppelt. 

Im Vergleich ist Bayern laut Kohn aber nach wie vor das am stärksten von Corona betroffene Bundesland – zusammen mit Baden-Württemberg und Hamburg. Betroffen ist vor allem der südöstliche Landesteil rund um Rosenheim, Traunstein und Miesbach. Aber auch dort gibt es lediglich 32 Neuerkrankte pro 100 000 Einwohner. Kürzlich haben Bund und Länder beschlossen, dass erst ab 50 Neuerkrankten wieder strengere Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen gelten. 

Beim Blick über die Grenzen konnte Kohn ebenfalls erfreuliche Zahlen nennen: Weltweit gibt es weniger Neuinfizierte – wenn auch die Infektionsrate mit unterschiedlicher Geschwindigkeit sinkt. Stark ebbt die Verbreitung in Italien, Spanien, Frankreich und vor allem Österreich ab. In den USA sei die Entwicklung allerdings noch unsicher, ebenso in Ländern, „in denen die Exaktheit der Daten nicht gegeben ist“, wie es Kohn umschrieb. Gemeint gewesen sein dürften Länder wie China. 

In der anschließenden Aussprache betonte Ausschusschef Bernhard Seidenath (CSU), dass die Suche nach einem Impfstoff wohl leider noch lange dauern werde. Er sei gespannt, wie sich die höheren Temperaturen auf den Corona-Verlauf auswirken würden. Andreas Krahl (Grüne) forderte, regionale Lockdowns nicht pauschal an der Obergrenze von 50 Neuinfizierten pro 100 000 Einwohner festzumachen, sondern zum Beispiel auch an der Kapazität der Krankenhäuser in der jeweiligen Region. Dominik Spitzer (FDP) sprach sich dafür aus, alle Personen in Pflegeeinrichtungen konsequent zu testen – auch die Besucher*innen. Andreas Winhart (AfD) fragte nach Neuigkeiten der Corona-Antikörper-Studie der Universität München. Dazu lagen dem Ministerium allerdings keine Zwischenergebnisse vor. (David Lohmann)

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