Landtag

Das 365-Euro-Ticket ist nicht geeignet, die Verkehrswende einzuleiten, meinen Experten. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

28.06.2019

Experten: 365-Euro-Ticket würde nicht viel bringen

Eine Anhörung zur Verkehrswende im Landtag zeigt: Günstige Jahresticket führen bei gleichbleibendem Fahrtenangebot kaum zum Umstieg vom Auto auf den ÖPNV

Die von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) favorisierte Einführung eines 365-Euro-Jahrestickets zur Stärkung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Bayern stößt bei Verkehrsexperten auf große Skepsis. Das wurde bei einer Anhörung des Verkehrsausschusses deutlich. Positiv bewertet wurde lediglich die damit verbundene Vereinfachung der Tarifstruktur. Ansonsten betonten mehrere Experten, dass das günstige Jahresticket bei gleichbleibendem Fahrtenangebot im Freistaat kaum zum Umstieg vom Auto auf den ÖPNV motivieren würde. Dies zeigten Erfahrungen in Regionen mit kostenloser ÖPNV-Nutzung. Die Einnahmeausfälle – der Geschäftsführer des Nürnberger Verkehrsverbunds, Andreas Mäder, bezifferte diese allein für seinen Bereich auf 80 bis 90 Millionen Euro jährlich – würden zudem nötige Investitionen in das Nahverkehrssystem erschweren.

„Das 365-Euro-Ticket ist nicht geeignet, die Verkehrswende einzuleiten“, sagte der Landesvorsitzende des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen, Robert Frank. Seine Mitglieder seien „im Kern gegen tarifliche Absenkungen“, da man die Nutzereinnahmen für die Ausweitung der Transportkapazitäten und Qualitätsverbesserungen benötige. Der Geschäftsführer der Münchner Verkehrsgesellschaft, Ingo Wortmann, erklärte, es müssten erst landesweit das Fahrtenangebot, die Qualität der Fahrzeuge und die Pünktlichkeit verbessert werden, bevor man sich einen günstigen Flat-Tarif vornehme. Sinnvoller sei es, ein insgesamt einfacheres und im Idealfall landesweit gültiges Tarifsystem einzuführen. „Wir müssen den Tarif-Dschungel in Bayern lichten“, sagte Wortmann. Zudem brauche es einen Ausbau der Infrastruktur. In den Großstädten bedeute dies mehr Tram- und U-Bahnen sowie dichtere Takte.

Mehr regionale Verkehrsverbünde

Mehrheitlich sprachen sich die Experten für die Schaffung neuer regionaler Verkehrsverbünde im Freistaat aus. Zwar fahre durch die Gründung eines Verbunds noch kein Bus mehr, erklärte Mäder, der einheitliche Tarif im Verbund und die dort vereinbarten festen Qualitätsstandards machten aber das System für Touristen sowie Pendler attraktiver. Er verwies auf entsprechende Erfahrungen bei der Ausweitung des Nürnberger Verkehrsverbunds nach Oberfranken. Monika Steffen vom Landesverband Bayerischer Omnibusunternehmen ergänzte, der Umstieg vom Auto auf den ÖPNV gelinge nur mit deutlich verbesserten Fahrtenangeboten und einem einheitlichen Tarifsystem.

Mehr Engagement forderten die Experten beim Ausbau des ÖPNV im ländlichen Raum. Dieser sei „deutlich schlechter als in anderen Bundesländern“ und biete derzeit „keine Alternative zum Auto“, kritisierte der Heidelberger Nahverkehrsplaner Stephan L. Kroll. Nötig sei eine „Angebotsoffensive“. Erster Schritt könne die Integration der Schülerverkehre in das System des allgemeinen ÖPNV sein. Zudem müssten die Angebote von Zügen, Bussen und Anruftaxis besser aufeinander abgestimmt werden. „Das jetzige Modell des Nebeneinander ist teuer und nicht sehr erfolgreich“, so Kroll. Er plädierte zudem für eine effizientere und bedarfsgerechtere staatliche ÖPNV-Förderung.

Eine bessere Abstimmung der verschiedenen Verkehrsträger untereinander forderte auch Florian Liese von der Bayerischen Eisenbahn-Gesellschaft. Das Konkurrenzdenken im System müsse aufhören. Gerade die Bus-Bahn-Verknüpfung sei „ausbaufähig“. Anders als Regionalzüge führen Busse meist nicht im Takt, es gebe kaum aufeinander abgestimmte Fahrpläne – von durchgehenden Tickets ganz zu schweigen. Liese forderte, die Bahn-Standards auf den Busverkehr auszudehnen. Der Vorsitzende des Taxi-Verbands München, Gregor Beiner, sah eine Lösung für die bessere Anbindung dünn besiedelter Räume im Einsatz von Ruf-Taxis mit ÖPNV-Tarifen. „Wenn ein Bus auf einer Strecke nicht wirtschaftlich betrieben werden kann, sorgt das Taxi für eine bedarfsgerechte Bedienung“, sagte Beiner.

Mehrere Redner verlangten verpflichtende Nahverkehrspläne für die Regionen. „Wenn man eine Verkehrswende will, dann geht es nicht ohne Nahverkehrspläne“, betonte der Nürnberger Mäder. Um mehr Nachfrage zu schaffen, müsse zunächst als Vorleistung das Angebot ausgeweitet werden. Die Erfahrung zeige, dass es zur Etablierung neuer Angebote zwei bis drei Jahre Zeit brauche. (Jürgen Umlauft)

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