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Ob Bayerns Schülerinnen und Schüler länger gemeinsam lernen sollten, bewerten die Sachverständigen im Bildungsausschuss sehr unterschiedlich. Einigkeit besteht dagegen über die Bedeutung früher Förderung. (Foto: dpa/Huizi)

25.10.2026

Länger gemeinsam lernen? Experten uneins über Bayerns Schulsystem

Bildungsausschuss: Anhörung über längeres gemeinsames Lernen

Eine längere gemeinsame Schulzeit bis zur 7. oder gar 10. Klasse kann zu mehr Bildungsgerechtigkeit und Lernerfolgen führen, muss aber nicht. Das ist das Fazit einer Fachanhörung. Verbesserungsbedarf am bayerischen Bildungssystem sahen die Fachleute unabhängig von der Lernzeitdauer trotzdem.

In Bayern sollte mehr in die frühkindliche Bildung investiert werden, um sozial bedingte Ungleichheiten möglichst schon vor dem Schuleintritt zu beheben. Dies sei der entscheidende Hebel, um Bildungsungerechtigkeiten auszugleichen und allen Kindern die Chance auf einen ihren Begabungen entsprechenden Schulabschluss zu ermöglichen. Das war der gemeinsame Nenner einer Anhörung im Bildungsausschuss, in der es um die Bewertung von Modellen für ein längeres gemeinsames Lernen auch nach der vierten Grundschulklasse ging. Die Einbeziehung des Vorschulbereichs könne als Baustein für längeres gemeinsames Lernen aller Kinder verstanden werden.

Befürworter sehen Chancen für mehr Bildungsgerechtigkeit

Zu gegensätzlichen Einschätzungen kam die Expertenrunde allerdings in der Frage einer längeren gemeinsamen Schulzeit über die Grundschule hinaus. Nach Einschätzung von Petra Stanat von der Humboldt-Universität Berlin könne längeres gemeinsames Lernen dazu beitragen, durch soziale Ungleichheiten bedingte unterschiedliche Lernerfolge einzuebnen. Entscheidend dafür sei eine hohe Unterrichtsqualität. Dann könne es gelingen, dass leistungsschwächere Schüler profitierten, ohne dass leistungsstärkere Nachteile erführen. Eine Garantie dafür gebe es aber nicht. Das zeigten unterschiedlich erfolgreiche Modelle in anderen Ländern.

Die Karlsruher Erziehungswissenschaftlerin Gabriele Weigand sagte, längeres gemeinsames Lernen könne eine Chance bieten, in der Grundschule noch nicht erkennbare Potenziale von Kindern zu fördern. In gegliederten Systemen bestehe die Gefahr, diese zu übersehen, „weil sie nicht mehr erwartet werden“.

Der Frankfurter Bildungsforscher Kai Maaz erklärte, eine frühe Trennung von Kindern bringe keine Leistungsvorteile und verfestige tendenziell im System festgelegte Ungerechtigkeiten. Das werde auch nicht durch eine Durchlässigkeit zwischen den Schularten ausgeglichen, weil diese vor allem nach unten gegeben sei. Auf einen Aufsteiger in eine höhere Schulart kämen in Bayern acht Absteiger in eine niedrigere, berichtete Maaz. Dieser Bruch lasse sich durch eine längere gemeinsame Schulzeit vermeiden.

Lehrerverbände warnen vor Strukturreformen

Dagegen sprach sich die frühere Gymnasiallehrerin Frauke Peuker-Hollmann für die „rechtzeitige Trennung“ der Schülerschaft nach ihren jeweiligen Begabungen aus, um sie gezielt wissenschaftlich oder handwerklich fördern zu können. Sprachdefizite oder Kompetenzmängel könnten auch innerhalb des bestehenden Systems behoben werden.

Klar gegen eine längere gemeinsame Schulzeit argumentierte der Vorsitzende des Bayerischen Realschullehrerverbands, Ulrich Babl. Er warnte vor „Gleichmacherei“. Kinder verdienten ein Angebot, das ihren Begabungen gerecht werde, mit klaren fachlichen Anforderungen, individueller Förderung und unterschiedlichen Wegen zu einem erfolgreichen Schulabschluss. Es brauche Qualität, Differenzierung und Durchlässigkeit. Sein Verband setze auf Stabilität im leistungsfähigen bayerischen Schulsystem und lehne „Strukturexperimente“ ab.

Nach Ansicht von Michael Schwägerl, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbands, entstehe Bildungsgerechtigkeit durch frühe Förderung, passgenaue Bildungswege und Aufstiegschancen. „Entscheidend ist nicht, dass alle Kinder möglichst lange dasselbe bekommen, sondern dass jedes Kind die Förderung erhält, die seinem Potenzial entspricht“, so Schwägerl. Vor dem Hintergrund der unklaren wissenschaftlichen „Beweislage“ müssten Strukturreformen gut überlegt sein, zumal sie mit hohen Investitionen und zusätzlichem Lehrerbedarf verbunden seien. Schwägerl plädierte für Verbesserungen innerhalb des bestehenden Systems. (Jürgen Umlauft)

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