Landtag

Brigitte Hochholzer-Ulrich (r.), Leiterin des stenografischen Dienstes im bayerischen Landtag mit der Stenografin Sandra Sterzel. (Fotos: dpa)

22.04.2014

Lebende "Parlamentsdinosaurier"

Hinter den Kulissen des Landtags erleichtern den Parlamentariern viele Menschen die Arbeit. Stenografen schreiben die Reden der Politiker mit. Die eigentliche Arbeit beginnt für die Schreibkünstler aber erst danach.

Auf Horst Seehofers Reden freuen sich die Mitarbeiter des Referats IV im Landtag besonders. "Er redet laut und deutlich - perfekt zum Stenografieren", schildert Brigitte Hochholzer-Ulrich, die Leiterin des stenografischen Dienstes. Wer nur schwer zu protokollieren ist, das sei dagegen Berufsgeheimnis.
Was für Parlamentarier und Zuschauergruppen im Landtag ein langweiliger Graus ist, bietet für ihre Arbeit optimale Bedingungen: Politiker, die ihr Redemanuskript einfach ablesen, ohne Zwischenrufe aus dem Publikum und spontane Einfälle. "Dann ist es ruhig", sagt die 61-Jährige. Zusammen mit zehn Mitarbeitern protokolliert die Stenografin die Reden aller 180 Abgeordneten im Landtagsplenum und in den Ausschüssen.
"Wenn die so richtig vom Leder ziehen, wird es für uns schwer", erzählt Hochholzer-Ulrich. Dann muss sie Widerspruch aus dem Plenum erfassen und an der richtigen Stelle platzieren. Dabei hilft ihr die Stenografie, die viel Übung braucht. Seit dreißig Jahren schreibt Hochholzer-Ulrich Steno - selbst ihre Einkaufszettel.

Eine Stunde braucht es, um zehn Minuten Redezeit aufzuarbeiten


Bis zu 400 Silben pro Minute schaffen geübte Stenografen. Mit Füller kritzeln die Schreibkünstler ihre Notizen auf spezielles, sehr glattes Papier. Alfred Vogel vom Bayerischen Stenografenverband erklärt: Es gibt Zeichen für Konsonanten, typische Buchstabenfolgen oder oft genutzte Wörter. Großbuchstaben, Dehnungsbuchstaben und doppelte Buchstaben haben im Alphabet der Stenografie keinen Platz. Ein zusätzliches Mittel sind dicke und dünne Füllerstriche sowie Hoch- und Tiefstellungen.
Nur für jeweils zehn Minuten sitzen die Stenografen im Landtag an ihrem Tisch vor dem Rednerpult, dann kommt der Wechsel. Die eigentliche geistige Arbeit beginnt im Büro. Dort wird die Stenografie in ein Redeprotokoll umgeschrieben und redigiert. Fundstellen von Gesetzestexten müssen korrigiert und Zitate nachgeprüft werden: Aus dem Halbsatz "die Arbeitslosen halbieren" wird "die Zahl der Arbeitslosen halbieren". Außerdem erstellen die Stenografen ein Inhaltsverzeichnis, entfernen zu starke dialektische Einfärbungen und entwursten Wortschwall um Wortschwall mit Punkten und Kommata. "Manche Politiker bilden regelrechte Wortgirlanden", sagt Hochholzer-Ulrich. Sie muss den Kern der Rede erkennen und herausarbeiten, politisches Interesse ist zwingend.
Um zehn Minuten Redezeit aufzuarbeiten, braucht ein Stenograf eine Stunde. Während einer Plenumsdebatte sind alle Mitarbeiter des Referats IV im Einsatz. Nach circa drei Stunden finden die Abgeordneten das Debattenprotokoll im Intranet. Auch von jeder Ausschusssitzung wird ein "ausführliches, analytisches Verlaufsprotokoll" angefertigt. Keine Sekunde einer langwierigen Debatte dürfen Hochholzer-Ulrich und ihre Kollegen verpassen. "Wir sind die, die immer zuhören", sagt sie. Unheimlich viel Aufwand, "aber wer unsere Dienste einmal in Anspruch genommen hat, will sie nicht mehr missen". Parlamentarier brauchen sie für die Vorbereitung von Reden und Plenarsitzungen oder die Recherche.
Mit Nachwuchsproblemen hat die Steno-Spezialistin noch nicht zu kämpfen. Sie selbst hat Stenografie noch in der Schule gelernt, heute beschäftigt ihr Referat viele Quereinsteiger. "Für Geisteswissenschaftler ist das eigentlich eine schöne Nische", sagt sie. Es winkt eine Verbeamtung, das Gehalt bewegt sich im Rahmen dessen eines Gymnasiallehrers. Mitbringen muss ein Stenograf ein gutes Verständnis für Grammatik und die Bereitschaft, sich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten. "Wir sind im Hintergrund, aber immer dabei", betont sie.
Angst, dass ihre Dienste irgendwann nicht mehr benötigt werden, hat Hochholzer-Ulrich nicht. "Geistig strukturierte und bearbeitete Protokolle kann kein Computer erstellen", erklärt sie und prognostiziert lachend: "Irgendwann werden wir wahrscheinlich im Deutschen Museum als lebende Dinosaurier ausgestellt." (Teresa Tropf, dpa)

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