Landtag

Woher kommt der Strom, wenn der letzte Atomraktor stillgelegt ist? (Foto: Stephan Goerlich)

28.11.2019

Ohne Importe geht es nicht

Wie können der bayerische Stromverbrauch sichergestellt und der Klimaschutz vorangetrieben werden? So unterschiedlich die geladenen Experten im Landtag auch waren, so einhellig ist ihre Meinung

Die Stromversorgung in Bayern wird nach dem Wegfall von Atom- und Kohlekraft nach Ansicht von Experten nicht ohne zusätzliche Energie-Importe kostengünstig und gesichert möglich sein. Mit dieser Einschätzung waren sich am Donnerstag alle im Landtag zu einer Fachanhörung geladenen Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft einig. Um auch nach dem Abschalten der letzten Atomreaktoren im Oktober 2022 die Versorgungssicherheit aufrecht zu halten, seien Gaskraftwerke zwar wichtig. Diese könnten aber nicht langfristig die Versorgung mit kostengünstigem und klimaneutralem Strom sicherstellen, weshalb auch der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter mit Hochdruck vorangetrieben werden müsse.

Andreas Ring von der SWU Energie GmbH betonte, dass die Meinungen über die drohenden Kapazitätslücken "je nach Lobbygruppe" sehr unterschiedlich seien - sie pendle zwischen 1200 und 4000 Megawatt. Fakt sei aber, dass die Gaskraft nur notwendig sei, um "für wenige Hundert Stunden im Jahr Stromausfälle zu verhindern". Er kritisierte, dass es unter den aktuellen Rahmenbedingungen in Deutschland nur mit sehr großer Kraftanstrengung möglich werde, die Gaskraftwerke noch pünktlich bis Oktober 2022 in Betrieb zu nehmen. Die Politik habe sich bei der Energiewende so verhakt, dass nicht nur diese zu scheitern drohe. Auch blockiere dies die notwendige Planungs- und Investitionssicherheit bei Ausschreibungen für den Kraftwerksbau.

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) hatte am Mittwoch in seiner Regierungserklärung gesagt, es gebe keinerlei Versorgungslücke: "Wir haben mehr Gaskraft in der Garage stehen als wir Kernenergie vom Netz nehmen." Im Zweifel - und "wenn's nicht anders geht" - sprach er sich aber auch für "ein paar große" neue Gaskraftwerke sowie den Import von Energie aus anderen Bundesländern aus. Er kündigte zudem einen Ausbau von Photovoltaikanlagen, Wasserkraft, Bioenergie, Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen und Windrädern an.

Auswirkungen der Energiewende

Es mache in der Debatte aber keinen Sinn, den bayerischen Energiemarkt isoliert zu betrachten, betonte Erk Thorsten Heyen, Senior-Vize-Präsident der Wacker Chemie AG. Gerade für die energie-intensive Industrie seien Versorgungssicherheit und preisgünstige Energie existenziell: Alleine bei Wacker seien ansonsten rund 2000 Arbeitsplätze in Gefahr. Als Zielgröße nannte er einen Strompreis für die Industrie von 4 Cent pro Kilowattstunde.

"Früher war es noch das Ziel, Selbstversorger zu sein. Das habe sich mit der Energiewende geändert", sagte Christof Timpe, Leiter des Öko-Instituts. Da im Norden Deutschlands mehr Wind wehe und im Süden Photovoltaik besser funktioniere, sei es "logisch, wenn der Freistaat zum Energie-Importeur wird". Das Energienetz zu den anderen Ländern sei schon jetzt dafür ausreichend.

Um die Ziele des Klimaschutzes ebenso wie die der bezahlbaren und sicheren Energieversorgung gewährleisten zu können, sei der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien und der Übertragungsnetze von größter Bedeutung, sagte Florian Bieberbach von den Stadtwerken München. Thomas Glimpel vom Energieunternehmen RWE ergänzte, dass ohne neue Speichermöglichkeiten die erneuerbaren Energien nicht ausreichten, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Hierfür seien Gaskraftwerke mindestens mittelfristig unverzichtbar - wichtiger sei die ungelöste Frage, welches Gas dafür genutzt werde.
(dpa)

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