Landtag

Die meisten Austauschschüler sind Gymnasiasten, von Realschulen kommen lediglich 13 Prozent, von Mittelschulen sogar nur drei Prozent. (Foto: dpa/Michael)

07.02.2020

Schüleraustausch nur für Reiche

Kein Geld, keine Zeit, komplizierte Förderung: Die internationalen Jugendbegegnungen an bayerischen Schulen sind stark zurückgegangen

Jugendbegegnungen fördern Selbstvertrauen, soziale Kompetenzen und Weltoffenheit. Dennoch nimmt der Schüleraustausch in Bayern ab – vor allem wegen der komplizierten Förderung. Die Staatsregierung plant jetzt, eine Austausch-Stiftung zu gründen – das kommt aber im Landtag bei einer Expertenanhörung nicht gut an.

Das unterfränkische Gymnasium Wiesentheid ist mit rund 500 Schülern nicht besonders groß. Dennoch finden seit 1992 regelmäßig Schüleraustausche mit Tschechien und seit dem Jahr 2000 mit der Ukraine statt. Zusätzlich werden seit 15 Jahren Studienreisen nach Polen angeboten. Die Schule pflegt außerdem Partnerschaften in Frankreich, den USA und Israel. Wie das gelingt? Durch das persönliche Engagement von Studiendirektor Harald Godron.

Obwohl er keine Deputatserleichterung bekommt, kümmert sich Godron jedes Schuljahr um die Organisation. „Das erfordert unglaublich viel Zeit und bindet enorme Ressourcen“, klagte er bei einer Expertenanhörung zum internationalen Jugendaustausch im Europaausschuss. Vor allem die Beantragung der Fördergelder sei ein wahnsinniger Bürokratieaufwand – das schrecke viele Kollegen ab. Dennoch macht er weiter: „Schüleraustausche leisten einen unverzichtbaren Beitrag, um Schüler zu selbstbewussten, vorurteilsfreien und weltoffenen Menschen zu machen.“

Das bestätigte auch Psychologin Heike Abt vom Institut für Kooperationsmanagement in Regensburg. Sie hat in einer Langzeitstudie den Effekt von internationalen Jugendbegegnungen untersucht. Das Ergebnis: Selbst zehn Jahre später berichten die Teilnehmer, dass der Austausch die Selbstsicherheit erhöht, das Interesse an anderen Ländern geweckt und sogar oft den beruflichen Werdegang geprägt hat. Allerdings zeigt die Studie auch: 80 Prozent der Teilnehmer kommen aus wohlhabenden Familienverhältnissen. Außerdem werden die meisten Jugendbegegnungen am Gymnasium angeboten, von Realschulen kommen nur 13 Prozent. „Wer hat, dem wird gegeben“, resümierte Abt.

„Manche Schularten wie die Mittelschule kommen bei den Austauschen fast nicht vor“, bestätigte der Präsident des Bayerischen Jugendrings, Matthias Fack. Er verweist darauf, dass der internationale Jugendaustausch nicht irgendein Gedöns sei, sondern im Sozialgesetzbuch gesetzlich verankert ist. Was ihm ebenfalls bitter aufstößt: Dass Bayern Reiseförderungen immer häufiger ablehnt, wenn bereits der Bund eine finanzielle Unterstützung zugesagt hat. Dadurch fehle zum Beispiel das Geld für Vor- oder Nachtreffen. Auch dass Träger für eine Förderung immer häufiger Eigenmittel in bar vorweisen müssen, mache den Austausch zunehmend schwierig.

„Wer hat, dem wird gegeben“

Nikolas Djukić vom Bayerischem Hochschulzentrum für Mittel-, Ost- und Südosteuropa an der Universität Regensburg kümmert sich um den studentischen und wissenschaftlichen Austausch. Obwohl dieser neben den beruflichen auch positive Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Bayern und den jeweiligen Ländern hätte, fehle es an einer gesicherten dauerhaften Finanzierung. „Teilnehmer müssen daher häufig einen hohen finanziellen Eigenanteil leisten“, klagte er. Das wirke abschreckend.

Florian Siekmann (Grüne) wollte in der anschließenden Fragerunde wissen, wie die Experten zu dem Vorhaben der schwarz-orangen Koalition stehen, eine Stiftung „Bayerisches Auslandsinstitut“ für internationale Schüleraustausche zu gründen. Siekmann freute sich zwar über die 5,6 Millionen Euro, die dafür im Nachtragshaushalt bereitgestellt werden sollen. Die Hälfte davon versickere aber in der Verwaltung. „Ist es daher nicht besser, den bestehenden Akteuren das Geld in die Hand zu geben?“, fragte er.

Studiendirektor Godron sprach sich gegen eine Stiftung aus. Es sei schon jetzt unglaublich schwierig, Fördermittel abzurufen. „Je mehr Parallelstrukturen, desto schwieriger die Förderung“, unterstrich er. Thomas Rudner vom Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch Tandem ergänzte, oftmals schlössen sich verschiedene Fördermittel aus. Die geplante Doppelstruktur sei daher nicht nur für die bayerischen, sondern ebenso für die ausländischen Antragsteller eine Herausforderung. Auch BJR-Präsident Fack war skeptisch, die Regelförderungen an die neue Stiftung zu übertragen. „Wir kennen die Strukturen und Abläufe, bei uns bündelt sich der Verwaltungsaufwand“, betonte Fack.

Bei der Stiftung befinde man sich erst am Anfang eines Dialogprozesses, verteidigte Ausschusschef Tobias Gotthardt (Freie Wähler) den Punkt des Koalitionsvertrags. Er versprach, es werde keine Doppelstrukturen geben. „Das Jugendinstitut dient als Katalysator und Koordinator beim Jugendaustausch, als moderner One-Stop-Shop.“

Markus Rinderspacher (SPD) kritisierte, dass der Schüleraustausch in den letzten Jahren stark rückläufig war – trotz der glänzenden wirtschaftlichen Entwicklung und milliardenschweren Rücklagen im Staatshaushalt. „Dabei brauchen wir in Europa gerade jetzt mehr Austausch denn je“, betonte der Abgeordnete. Rinderspacher forderte, die Lehrpläne zu entschlacken. Die fehlende Zeit ist seiner Meinung nach der Hauptgrund für den Austauschrückgang. (David Lohmann)

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