Das zentrale Frauengefängnis für Bayern liegt an der Münchener Straße in Aichach, einer schwäbischen Kreisstadt in der Nähe von Augsburg. Wer in die Justizvollzugsanstalt (JVA) hinein will, muss an der Wache Handy und Schlüssel deponieren, dann öffnet sich das Tor. Diesen Weg geht des Öfteren Karina Brändlin. Und sie ist dabei nicht alleine: Sie wird von Skipper begleitet, einem schwarzen Flat Coated Retriever. Hund und Frauchen sind ein Team, denn Sozialpädagogin Brändlin vom Münchner Sozialdienst katholischer Frauen bietet in der JVA ein „hundegestütztes Achtsamkeits- und Kommunikationstraining“ für straffällig gewordene Mädchen und Frauen an.
Ihr Vierbeiner ist ein ausgebildeter Therapiebegleithund mit Wesenstestgutachten. Das Gutachten bescheinigt Skipper, dass bei ihm eine gesteigerte Aggressivität ausgeschlossen werden kann. Beste Voraussetzungen also für sein Arbeitsumfeld.
Wie im Inneren eines Klosters
Betritt man das Innere des Gefängnisses, fühlt man sich teilweise an ein Kloster mit Säulen und breiten Gängen erinnert. Und es gibt sogar einen richtigen Kirchenraum mit Orgel und Sitzbänken. Der Gefängnisbau geht zurück auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, als 1904 mit der Errichtung einer Haftanstalt für weibliche katholische Gefangene begonnen wurde 1909 kamen die ersten Häftlinge.
Das Frauenhaus besteht aus vier Flügeln, je drei Stockwerke hoch – ein panoptischer Bau, bei dem vom Schnittpunkt der Flügel aus die Insassen überwacht werden konnten. Die Gänge mit Steinboden sind breit, die einzelnen Stockwerke sind durch Netze voneinander getrennt, hie und da steht ein Fahrradtrainer an der Wand. Zu sehen sind ab und zu einige weibliche Bedienstete der Justiz in Uniformen und durch ein vergittertes Fenster geht der Blick auf ein paar inhaftierte Frauen im Hof.
Die Zellen sind rund 8 Quadratmeter groß, in ihnen stehen ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank. Das Fenster lässt sich öffnen, massive Gitterstäbe verhindern, dass die Bewohnerinnen türmen. Aktuell sind hier 294 Frauen inhaftiert, insgesamt gibt es 432 Zellen, von denen derzeit 390 belegungsfähig sind. Für die inhaftierten Frauen in der JVA Aichach beginnt der Tag um 6 Uhr morgens mit dem Aufschluss. Danach folgt die morgendliche Hygiene – jede Zelle ist mit einem Waschbecken und einer Toilettenschüssel ausgestattet. Gefrühstückt wird im Haftraum, wie hier auch alle Mahlzeiten eingenommen werden, einen gemeinsamen Speisesaal gibt es nicht.
Danach geht es zu den Arbeitsstätten, zum Beispiel in der Küche, der Wäscherei oder im Garten. Der Arbeitslohn beträgt derzeit etwa 2 Euro pro Stunde. Arbeitsende ist um 15.30 Uhr, danach bleiben die Zellentüren am Gang bis 19.30 Uhr geöffnet. Dann wird bis zum Morgen abgeschlossen. Jeden Tag steht eine Stunde Hofgang auf dem Programm. In den Zellen gibt es einen Fernseher und es darf geraucht werden. Die meisten der gefangenen Frauen sind in Einzelzellen untergebracht, es gibt aber auch Zweier- und einige wenige Viererzellen.
Für manche der Frauen ist es eine willkommene Abwechslung, wenn Sozialpädagogin Brändlin mit dem Therapiehund kommt. „Da ging die Tür auf und eine hochtraumatisierte Frau kam herein und hat den Hund umarmt“, erzählt Karina Brändlin. „Das muss der Hund dann aushalten.“ Stichwort: Wesenstestgutachten.
Man lernt viel über sich selbst
Das Kommunikationstraining findet in der JVA nicht im Zellentrakt, sondern im Besucherraum im Verwaltungsgebäude statt. „Wie Menschen mit dem Hund umgehen, sagt viel über deren Persönlichkeit aus“, sagt Brändlin. Sie hat einige Kegel in einer Reihe aufgestellt. Und jetzt geht es darum, mit Skipper an der Leine um diese Kegel herumzugehen. Und zwar so, wie der Mensch es will, und nicht, wie es der Hund gern hätte.
Der reagiert auf die Signale des Frauchens (oder Herrchens), und manchmal klappt diese Kommunikation und manchmal nicht. „Man kann aus dem Umgang mit dem Hund viel über sich selbst und das eigene Verhalten erfahren“, erklärt die Sozialpädagogin. Im Fachjargon heißt das: „Interaktive Übungen mit einem Hund machen Verhaltens- und Kommunikationsmuster sichtbar. Die unmittelbare Reaktion des Therapiehunds ermöglicht eine Arbeit im Hier und Jetzt.“
Das Alter der in der JVA Inhaftierten reicht von 14 bis 80 Jahren. Derzeit sitzen 18 Jugendliche ein, also 14- bis 21-Jährige. 18 der Frauen sind zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Im Frauengefängnis gibt es auch eine Mutter-Kind-Station – ein Neubau neben dem alten Gebäude mit zehn Plätzen. Derzeit sind hier zwei Mütter mit ihren Kindern untergebracht. Das geht, bis die Kinder drei Jahre alt sind, dann kommen sie in eine Pflegefamilie.
Nach ihrem Einsatz im Frauengefängnis fährt die Sozialpädagogin mit Skipper wieder zurück nach München. Dort ist der Therapiehund im Rahmen eines Angebots mit dem Titel „Straffrei mit vier Pfoten“ im Einsatz, es richtet sich an Mädchen und junge Frauen im Alter von 14 bis 20 Jahren, denen diese „Kurzzeitintervention“ von einem Jugendgericht im Rahmen eines Strafverfahrens auferlegt wurde. Im Unterschied dazu ist die Teilnahme der Frauen in der JVA Aichach freiwillig. (Rudolf Stumberger)
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