Leben in Bayern

Das Klosterleben von Claudia Schwarz gestaltet sich mittlerweile schwierig: Der Küchenherd zum Beispiel steht in einem zugigen Gang. (Foto: privat)

16.03.2018

Ausharren hinter schweren Klostertüren

Die Juristin und Nonnenanwärterin Claudia Schwarz hält das Kloster Altomünster besetzt – unbeeindruckt von Gerichtsurteilen und genervten Bürgern

Eine ehemalige Rechtsanwältin zieht juristisch alle Register, um sich gegen ihren Auszug aus dem aufgelösten Kloster Altomünster bei Dachau zu wehren. Am Montag aber ist ihre Klage gegen die Erzdiözese abgewiesen worden. Claudia Schwarz will trotzdem bleiben. Auch wenn viele Menschen im Ort „die Gspinnerte“ loswerden wollen. Ein Besuch bei der Kloster-Besetzerin.

Der Weg in das Kloster Altomünster führt durch einen Nebeneingang. Eine schwere Holztür geht auf, es folgt ein kurzer Gang zu einem kleinen Raum. Claudia Schwarz hat in Erwartung des Besuchs das kahle Zimmer eingeheizt. Eine dürre Kletterpflanze zeugt davon, dass es hier sonst noch kälter ist. Sie ist erfroren. „Ich versuche, mit der Heizung sparsam umzugehen“, sagt Schwarz. Es gibt heißen Tee.

Einst hingen Bilder an den Wänden, von denen nur noch gelbliche Ränder geblieben sind. Auch das Kreuz am Eingang ist verschwunden. Die Kunstschätze, die Bücher und die wichtigsten Reliquien wurden abtransportiert. Zurückgeblieben ist der Altar in der Chorkapelle, alte Schränke mit viel Wäsche und Geschirr, die Töpfe aus der Klosterküche, die schon längst nicht mehr existiert. Und Claudia Schwarz.

Die ehemalige Rechtsanwältin weigert sich, das Kloster zu verlassen. Seit mehr als einem Jahr lebt sie allein in dem großen Gebäude und kämpft vor Gericht für ihren Traum von einem Leben als Nonne in Altomünster. „Ich gehe den Weg, den Gott mir aufgetragen hat“, sagt sie. Das Erzbistum München und Freising, das seit Mai 2017 offiziell Eigentümer des Klosters ist, will Schwarz zur Räumung zwingen. Die Kirche gegen die Frau, die Nonne werden will. Vor dem Landgericht München II hat das Erzbistum jetzt einen Etappensieg errungen. Das Gericht wies die Klage, mit der sich Schwarz gegen den Auszug gewehrt hatte, ab.

Im Dezember 2015 hatte der Vatikan die „unvermeidliche Auflösung“ des Klosters beschlossen. Dort, wo mehr als 500 Jahre der Birgittenorden zu Hause war, lebte zu diesem Zeitpunkt nur mehr eine Nonne des Konvents, die Priorin Apollonia Buchinger. Nach Kirchenrecht war die Ordensgemeinschaft damit nicht mehr gegeben. Die Priorin, die sich ebenfalls gegen die Auflösung wehrt, ist mittlerweile ausgezogen.

Schwarz ist eine große, schlanke Frau. Ihre roten Haare sind zusammengesteckt, sie trägt alte Stiefel, Cordrock und Pullover. Die 39-Jährige spricht viel und schnell. Sie selbst bezeichnet sich als Nonnenanwärterin in Wartestellung. Für die Erzdiözese ist sie dagegen eine Hausbesetzerin, die verhindert, dass längst überfällige Schritte für die Zukunft des Klosters in die Wege geleitet werden. Schwarz hat den Widerspruch gegen die Auflösung formuliert, den ihre ehemalige Priorin beim Vatikan eingereicht hat. Die Juristin will ausharren, bis die Apostolische Signatur, der höchste Gerichtshof der römischen Kurie, eine endgültige Entscheidung über das Schicksal des Klosters getroffen hat.
Es hängt ein erdrückendes Schweigen in den Räumen und Gängen des Klosters. Der Putz blättert, Risse ziehen sich über Wände, und in den Wirtschaftsräumen wachsen Schimmel und Algen. Das Erzbistum will das Gebäude renovieren und als geistlichen Ort erhalten. Es ist von einer Investition in zweistelliger Millionenhöhe die Rede. „Die Sanierung ist notwendig“, sagt auch Schwarz. „Die kann der Orden selbst durchführen.“ Ihr eigenes Leben im Kloster finanziert sie über Erspartes.

Telefon und Internet: Die Leitungen sind gekappt

Die Regeln der Birgitten bestimmen ihren Tag, der um 5.40 Uhr mit einem Psalm beginnt. Sie hält die Speisevorschriften ein, liest aus dem Totenbuch, besucht täglich die Messe und singt und betet sechsmal am Tag in der Chorkapelle. Klausur und strikte Alltagsregeln des Ordens sind genau das, was Schwarz suchte, als sie Nonne werden wollte.

Schwarz stammt aus Egling bei München – und aus keiner sehr frommen Familie. Die religiöse Erziehung übernahm der Pfarrer ihres Heimatorts. Ihre Berufung habe sie mit Mitte 30 erlebt, erzählt sie. Im Oktober 2015 zieht sie in das Kloster in Altomünster ein. Zwei Monate später fällt die Entscheidung zur Auflösung. Der Vatikan setzt eine Ordensfrau ein, die die verbliebenen Bewohnerinnen auf die Auflösung vorbereiten soll. „Es war eine Razzia“, sagt Schwarz. „Ohne Vorwarnung wurden Konten gesperrt und später auch das Arbeitszimmer abgeschlossen.“ Mit der Priorin richtete sie sich auf einer Fensterbank in einem Gang einen Behelfsarbeitsplatz ein, mit Telefon, Internet und Faxgerät.

Das Telefon steht noch dort, aber es funktioniert nicht. Schwarz zeigt, wo Arbeiter die Leitung gekappt haben. Bei Nachbarn darf sie das Internet nutzen. Das Ehepaar steht ihr mit ein paar weiteren Altomünsterern zur Seite. Jeden Montag trifft sich der Unterstützerkreis in der Küche der Nachbarn, um für den Erhalt des Klosters zu beten. Mit dabei Beate Kreindl, die in Wahrheit anders heißt. „Ich finde es unfassbar, wie die Kirche mit den Schwestern und Frau Schwarz umgeht“, sagt sie. Ihren echten Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Sie habe Angst vor Anfeindungen und davor, dass ihr die Reifen aufgestochen werden, sagt sie. „Passiert ist zwar noch nichts, aber man weiß ja nie.“

Der Klosterstreit ist auch einer, der in der Gemeinde Altomünster geführt wird. Jeder auf der Straße angesprochene Passant hat eine Meinung. Auch wenn die Befragten teilweise Sympathien für Schwarz hegen, so finden die meisten doch, dass „die Gspinnerte“ endlich ausziehen soll. „Sie führt einen Kampf, den sie nicht gewinnen kann“, sagt eine ältere Dame.

So sieht es auch Anton Kerle, der Bürgermeister des Ortes, der früher auf Versammlungen laut gegen Schwarz polterte, sich mittlerweile aber diplomatischer zeigt. „Das ist eine innerkirchliche Angelegenheit, in die wir uns nicht einmischen“, sagt er. Er bedaure, dass mit der Auflösung des Klosters eine gerade für den Ort sehr wichtige Tradition zu Ende gehe. „Aber die Zeiten haben sich geändert. Geistliches Leben findet immer weniger im Kloster statt. Dieser Realität sollte man ins Auge sehen.“

Zur Wirklichkeit dieses Streits gehört jedoch auch, dass es neben der geistlichen Komponente auch eine sehr weltliche gibt. Es geht dabei um ein Baugebiet mit 40 Bauplätzen, das das Kloster gemeinsam mit der Gemeinde erschließen wollte. Das Gelände gehörte zur Hälfte dem Kloster, zur anderen Hälfte gehört es der Gemeinde. Diese Pläne liegen, seit Schwarz gegen die Auflösung des Klosters kämpft, auf Eis. „Wir warten eine endgültige Klärung des Verfahrens ab, bis dahin machen wir keine Rechtsgeschäfte mit dem ehemaligen Klosterbesitz“, sagte eine Sprecherin des Erzbistums.

„Baugelände ist knapp“, sagt der Bürgermeister. „Es ist doch klar, dass die Leute in Altomünster nicht erfreut sind, dass wir hier nicht weiterarbeiten können.“ Aber wie gesagt: Der Streit sei eine kirchliche Angelegenheit. „Wir können jetzt nur abwarten.“

Schwarz blickt auf ihre Armbanduhr. Die Zeit des Mittagsgebets ist bereits vorbei. Sie werde das nachholen, genauso wie das Mittagessen. Nudeln mit Pesto will sie sich später auf dem Herd zubereiten, der in einem zugigen Gang vor dem Spülraum steht. Die eigentliche Küche des Klosters gibt es nicht mehr. Sie sollte renoviert werden, was aber vom Bistum nach dem Vatikan-Dekret gestoppt wurde.

In einem internen Schreiben von Mitte Mai 2017 warnt das erzbischöfliche Ordinariat die Pfarreien in München und Umgebung davor, Claudia Schwarz Hilfe zuteilwerden zu lassen. Insbesondere solle ihr keine kirchliche Wohnung angeboten werden. Einen Kommentar zu dem Schreiben lehnte das Bistum ab.

Das Erzbistum könnte nun ein Zwangsgeld verhängen

Schwarz sagt, dass neben ihr noch fünf weitere Frauen bereit sind, in den Birgittenorden einzutreten. „Dem Erzbistum sind keine fünf Frauen bekannt, die in den Birgittenorden eintreten wollen“, sagt dagegen die Bistumssprecherin. „Davon abgesehen: Damit eine Frau in eine Gemeinschaft, die aus mindestens drei Schwestern bestehen und eine Oberin haben muss, eintreten könnte, muss diese überhaupt existieren. Das ist in Altomünster nicht der Fall.“ Rückendeckung erhielt das Erzbistum vergangene Woche von der Deutschen Ordensoberenkonferenz (DOK), die Schwarz scharf kritisierte. Durch ihr Verhalten, so die Ordensoberen, schädige sie das Ansehen der Ordensgemeinschaften in Deutschland.

Schwarz hat in einer Reihe von Gerichtsprozessen für ihr Leben im Kloster gestritten. Vor dem Verwaltungsgericht München hatte sie Mitte Februar durchgesetzt, trotz teils mangelhaften Brandschutzes bleiben zu können. Sie zog dazu in eine andere Zelle. Vor dem Amtsgericht Dachau erkämpfte sie zuvor gegen die Erzdiözese, dass ihr Aufenthalt nicht gestört werden dürfe. Am Montag ging es vor dem Münchner Landgericht nun einmal mehr um die Frage, ob Schwarz, wie vom Erzbistum gefordert, das Kloster räumen muss. Sie hatte sich in einem vor Gericht geschlossenen Vergleich dazu verpflichtet, sollte der Vatikan ihren Widerspruch gegen die Auflösung negativ bescheiden. Bekannt ist bisher nur, dass die Apostolische Signatur die Klage in einem Vorentscheid abgelehnt hat – wegen zu geringer Erfolgsaussichten. Dagegen haben die ehemalige Priorin und Schwarz erneut geklagt.
Aus Sicht des Erzbistums allerdings waren mit dem Vorentscheid die Bedingungen des Vergleichs erfüllt. Schwarz solle ausziehen. So urteilte jetzt auch das Landgericht.

Das Erzbistum München und Freising prüft nach diesem Urteil „die nächsten Schritte“. Denkbar sei es, vor Gericht ein Zwangsgeld gegen Schwarz zu beantragen, um sie zum Auszug zu zwingen. Schwarz ihrerseits hat angekündigt, in Berufung zu gehen. Sie glaubt noch immer an die Zukunft der Birgitten in Altomünster. So unwahrscheinlich diese auch sein mag. „Mein Vertrauen in Gott ist in all dieser Zeit nur noch größer geworden“, sagt Claudia Schwarz. Sie lächelt, verabschiedet sich und schließt die Klostertür. Der Streit um das Kloster ist noch nicht zu Ende.
(Beatrice Ossberger)

Bilder (von oben):
Viele glauben, dass Claudia Schwarz einen aussichtslosen Kampf führt. Sie nicht.  (dpa)
Überall stehen Schränke herum. (privat)
Die alte Zelle von Schwarz ist zugenagelt. (privat)

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