Leben in Bayern

Die Rundhölzer gehören zur Grundausstattung der Maibaumdiebe. Mit ihrer Hilfe lassen sich fremde Maibäume geräuschlos verladen. (Foto: Gnau)

24.04.2026

Maibaum Hunters: Brauchtumspflege am Rande der Legalität

Der Maibaumklau erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit – in einer TV-Reihe erzählen erfahrene Diebe, worauf es dabei ankommt

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie es wieder tun werden. Im zivilen Leben sind sie Personalberater, Veranstaltungstechniker, Schreiner oder Landwirte. Doch in den Tagen und Nächten zwischen März und Mai werden sie zu Strategen, zu Geheimbündlern, zu Anschleichern und Auskundschaftern und schlussendlich: zu Dieben.

An einem Abend Ende März sitzen Christoph Axenbeck, Maximilian Westarp, Felix Karsch und Franz Leitner im Vereinsheim des Unterföhringer Burschenvereins. Noch ist alles locker. Aufwärmphase. Als besonders gewitzte Maibaumdiebe gelten sie spätestens, seit ihnen vor neun Jahren der Coup gelungen ist, gemeinsam mit Kollegen aus Neufinsing und Ismaning das Exemplar für den Münchner Viktualienmarkt zu stehlen.

Die Kamera ist bei jedem Diebstahl dabei

Nun werden die Unterföhringer dadurch sogar zu Fernsehprotagonisten. In einer neuen Serie des Bayerischen Rundfunks messen sie sich mit Burschen aus Feldmoching, Oberschleißheim und Hochbrück, in der hohen Kunst des Maibaumdiebstahls. In dem Format mit dem etwas reißerischen Titel Maibaum Hunters versucht der BR, den Reiz dieses ganz speziellen bayerischen Brauches authentisch erlebbar zu machen. Dabei begleitet neben einem Kameramann je ein Internet-Influencer mit der Handykamera die einzelnen Diebesteams, die selbst mit tragbaren Minikameras ausgestattet sind.

Die Erfahrung war für alle Beteiligten etwas Neues, auch für den BR ist es ein Experiment. Das Ergebnis sind fünf unterhaltsame, je halbstündige Folgen, die in der Mediathek zu sehen und am 30. April im Fernsehen ausgestrahlt werden. Auch wenn die Maibäume für die Serie vom BR gestellt wurden, der Dramaturgie zuliebe kleine Wettbewerbe eingebaut wurden und die Drehzeit statt im März im Oktober lag, wird für jeden Zuschauer deutlich, wie ernst die Burschen das Maibaumstehlen nehmen.

Das führte während des Drehs auch manches Mal zu Meinungsverschiedenheiten, verrät Westarp. „Ich glaube, den Produzenten war nicht bewusst, dass das Maibaumstehlen für uns fast olympisch ist. Da steckt viel Ehre dahinter und Ehrgeiz.“ Ob die Aufnahme dabei leidet oder nicht, wird für einen passionierten Maibaumdieb da rasch einmal zweitrangig.

Ja, der Einsatz ist hoch. Maximilian Westarp hat mit 16 Jahren seinen ersten Baum gestohlen. Seither lässt ihn die Versuchung nicht mehr los. Der heute 35-Jährige kann kaum mehr zählen, wie oft er schon im Flecktarn durch ein Feld gerobbt ist, um sich möglichst unbemerkt einem fremden Maibaum zu nähern. Ein nicht unerheblicher Teil des Jahresurlaubs geht regelmäßig im Frühjahr drauf, für Nachtschichten und Planungsrunden. „Ich kann es mir eigentlich gerade nicht so gut leisten, aber na ja“, sagt Westarp und grinst. Man muss eben Prioritäten setzen.

Christoph Axenbeck, 27, hat sein erstes Auto einst wieder verkauft, um für das Geld einen Unimog zu erwerben. Mit dem allradgetriebenen Kleinlaster lässt sich ein Baum transportieren, auch durch unwegsames Gelände. In diesen Nächten parkt der Unimog in der Garage neben dem Vereinsheim, gleich neben dem Nachläufer, eine Anhängervorrichtung, die die Burschen mithilfe des örtlichen Schmieds eigens für den Baumtransport umgebaut haben. „Was wir allein an Hirnschmalz in unsere Nachläufer gesteckt haben“, sagt Westarp. Und Geld, nicht zu vergessen.

Nachtsichtgerät und Störsender im Einsatz

Manche Burschenvereine haben inzwischen technisch aufgerüstet: Nachtsichtgeräte, Handystörsender oder Drohnen machen Maibaumdieben das Leben schwer. Ob das Zurückgreifen auf solche modernen Hilfsmittel noch von der Tradition gedeckt ist, an der Bewertung scheiden sich die Geister. „Gegen ein Nachtsichtgerät hast du kaum eine Chance, dich anzuschleichen. Das ist eigentlich nicht fair“, sagt Westarp.

Der ungeschriebene Codex der bayerischen Maibaumdiebe, er muss immer wieder neu verhandelt und womöglich auch nachjustiert werden. Auf ihre eigenen Geheimwaffen wollen die Unterföhringer schließlich auch nicht verzichten. Der Bulldog mit Baumkralle aus dem Fuhrpark von Franz Leitner ermöglicht Rekordzeiten beim Aufladen eines Baumes. Diebe, die keinen Landwirt unter sich haben, sind da klar im Nachteil.

Doch warum tut man sich das überhaupt an in Zeiten schier unendlicher Möglichkeiten, sich unterhalten zu lassen? Durchwachte Nächte, anschleichen durch feucht-kaltes Gebüsch, waghalsige Transporte über Straßen und Wege, sich an althergebrachte Regeln und Gebräuche halten? „Wenn man es schafft, eine Idee zu finden, wie man die Wachen überwindet, und dann so einen 35 Meter langen Baum mit 3 bis 4 Tonnen heimzubringen – das ist so ein Kick“, sagt Axenbeck.

Der Moment, wenn der gestohlene Maibaum die Gemeindegrenze überschreitet und der Diebstahl damit offiziell als gelungen gilt – „das ist pure Freude“, bekräftigt Felix Karsch. „Andere gehen zum Paintball, wir gehen zum Maibaumklauen“, sagt Axenbeck. Hinzu kommt der Reiz, an der Grenze zur Legalität zu operieren, gedeckt durch den gesetzlichen Rahmen der Traditionspflege. „Da darf man noch mal Spitzbub sein“, sagt Westarp und grinst. 

Ob das auch Fernsehzuschauer aus Köln oder Hannover so nachvollziehen können? Da sind sich die Burschen in Unterföhring nicht sicher. Immerhin, Untertitel wird die Produktion nicht aufweisen. Für Axenbeck und seine Kollegen steht die Wirkung nach innen ohnehin eher im Fokus.

Nicht zuletzt ist so ein Maibaumklau schließlich auch eine gemeinschaftsbildende Maßnahme. So stolz wie auf den Fotos von 2022, als es den Unterföhringer Burschen gelang, den Baum der Nachbarn aus Ismaning zu stehlen, war der Unterföhringer Bürgermeister selten zu sehen. Wird der Baum dann von der bestohlenen Kommune ausgelöst, meist durch ein Lösegeld in Form einer zünftigen Brotzeit in fester und flüssiger Form, feiert der ganze Ort.

Gegen das Klischee

Damit arbeiten die Burschen auch gegen das Klischee an, dass der Burschenverein doch vor allem eine Tarnkappe für Sauftouren und Partys sei. Natürlich geht es auch ums gemeinsame Feiern, sagt Axenbeck. „Aber wir wollen als Burschenverein auch etwas für die Ortsgemeinschaft anbieten, der Gemeinde etwas zurückgeben.“ Am Karfreitag organisieren die Burschen zum Beispiel ein Steckerlfischgrillen für die ganze Gemeinde. Sie unterstützen die Bewohner des Seniorenheims, sammeln Spenden für krebskranke Kinder und haben sich in der Ukrainehilfe engagiert. 

Als die Burschen an diesem Märzabend das Vereinsheim verlassen, setzt gerade leichter Schneefall ein. Die Dunkelheit bricht an. Mit fachmännischem Griff prüft Axenbeck in der Garage noch einmal die schwarzen Spanngurte des Nachläufers auf ihre Festigkeit. Daneben liegen mehrere lange Rundhölzer. Mit den Stangen lässt sich ein liegender Maibaum geräuschlos anheben und – zum Beispiel auf einen vorbereiteten Nachläufer – verladen. Axenbeck, Westarp und Leitner wechseln einen Blick stiller Einigkeit: Die Voraussetzungen stimmen. Die Unterföhringer Burschen sind bereit für ihren nächsten Einsatz.

Am nächsten Morgen vollkündet Christoph Axenbeck den Vollzug. In der Nacht haben die Unterföhringer Burschen in Bogenhausen ihren ersten Maibaum des Jahres gestohlen. (Irmengard Gnau)
 

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