Leben in Bayern

Da hatten sie gerade die Schrecken der NS-Zeit überstanden: die Familie Höllenreiner im Jahr 1946. Doch viele Familienmitglieder waren zuvor im KZ gestorben. (Foto: Höllenreiner)

15.05.2026

Das ewige Z: Sie wollen nicht mehr schweigen

Sie heißen Fröhlich, Landsberger, Höllenreiner, Auschwitz hat sie geprägt – ein Besuch bei Sinti in Ingolstadt, die keine Lust mehr aufs Verstecken haben

Der Moment, in dem die Mauer der jahrzehntelangen Verdrängung in sich zusammenfiel, kam, als Robert Berg vor zwei Jahren noch einmal in Auschwitz war. Mit seinen beiden ältesten Söhnen ist er hingefahren. An den Ort, an den er als Vierjähriger verschleppt wurde. Aus einem einzigen Grund: weil er Sinto war. Vielleicht würden sie ja etwas verstehen, dachte Robert Berg sich. Was genau? Schwer zu sagen. Wie viele Holocaust-Überlebende hatte er es stets vermieden, über die schlimmsten Erfahrungen seines Lebens zu sprechen.

Erinnerungen ans „Zigeunerlager“

Zunächst habe er das Lager nicht wiedererkannt, sagt Berg. Sie seien zwischen den Baracken hindurchgegangen, die bis zu seiner Auflösung im August 1944 das sogenannte Zigeunerlager bildeten. Doch dann habe er plötzlich einen Stacheldrahtzaun gesehen, dahinter eine weitere Baracke. „Auf einmal habe ich alles wieder vor mir gesehen.“ Diese Baracke, das weiß Robert Berg in diesem Augenblick, war die Küche für die SS. „Ich habe einen Schweißausbruch bekommen und am ganzen Körper gezittert.“

Berg wusste sofort, dass er in dieser Küche schon einmal gewesen war. Im Winter 1943/44 war das. Da zwängte sich der Bub durch den unter Starkstrom stehenden Stacheldrahtzaun. Hätte er einen der Drähte berührt, wäre das sein Tod gewesen. Hinter dem Zaun waren es nur wenige Meter bis zur Küche, ein Fenster stand offen. Robert kletterte hinein, auf dem Herd stand ein Topf mit großen Fleischstücken darin. Er fand eine Gabel und einen Jutesack und stopfte so viel Fleisch hinein, wie er tragen konnte, als plötzlich ein Wachmann hinter ihm stand.

„Er hat mich gefragt, was ich hier mache, und ich habe gesagt, dass ich Hunger habe. Dann hat er mir eine Ohrfeige gegeben und gesagt: Komm nie wieder, sonst erschießen sie dich.“ Daraufhin hat er den Fünfjährigen zurückgeschickt – samt Sack. In der Baracke, in der sie untergebracht waren, gab Robert das Fleisch seiner Mutter. „Da sind die anderen Häftlinge auf meine Mutter zugekommen wie die wilden Tiere. Sie wollten auch etwas haben. Aber es war natürlich viel zu wenig.“ Am Ende verriet einer der Mithäftlinge die Mutter. Zur Strafe musste sie die ganze Nacht in ihrer dünnen Kleidung draußen im Schnee stehen. Robert hörte sie dort wimmern. Jahre später mussten ihr als Folge der Erfrierungen ein Bein sowie Finger und Zehen amputiert werden.

Robert Berg sitzt am Küchentisch einer Bekannten in Ingolstadt und gibt noch einen Löffel Zucker in seinen schwarzen Kaffee. Für seine 87 Jahre ist er in sehr guter Verfassung. Noch immer geht er seiner Arbeit nach. Schrotthändler sei er, sagt er.

Berg heißt in Wirklichkeit anders. Seinen echten Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen. Er möchte aber, dass seine Geschichte gehört wird. Immer mehr Sinti wollen an die Öffentlichkeit gehen, ihre Geschichten erzählen. Und zugleich setzen viele darauf, dass ihnen ein Leben in der Verborgenheit ein wenig Sicherheit gibt. Nur nicht auffallen. Aber das ändert sich nun langsam.

Berg besucht inzwischen regelmäßig Schulklassen, erzählt dort seine Geschichten. Schließlich ist er einer der letzten Sinti, die den Holocaust erlebt haben. Wenn die Schüler ihn darum bitten, und das tun sie meistens, krempelt Robert Berg den linken Ärmel hoch, zeigt seine Tätowierung: Z-5648 lautet die Nummer. Z wie „Zigeuner“.

Andere Sinti, die sich ebenfalls in Ingolstadt niedergelassen hatten, sind längst tot. Hugo Höllenreiner etwa, einer der ersten, die an die Öffentlichkeit gegangen sind, oder auch Karl Fröhlich. 

Manchmal muss Berg weinen. Zum Beispiel, wenn er von drei seiner Geschwister erzählt, die in Auschwitz an Typhus gestorben sind. Oder vom Vater, der im Herbst 1944 von der Familie getrennt und nach Bergen-Belsen gebracht wurde, wo er unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Wenn ihm die Tränen kommen, ist ihm das immer sehr unangenehm. Als ob er es wäre, der sich schämen müsste. Aber so ist das mit der Scham. Sie befällt nur allzu gern die Falschen.

Schreckliche Erfahrung: das ewige Z

Sinti und Roma sind eine anerkannte nationale Minderheit in Deutschland. Die Anwesenheit von Sinti in Deutschland ist bereits seit dem 15. Jahrhundert dokumentiert, die ersten Roma sind vermutlich im 19. Jahrhundert eingewandert. Wie die Juden wurden auch Sinti und Roma über die Jahrhunderte Opfer von Diskriminierung, die schließlich im Genozid durch die Nazis gipfelte. Auf bis zu 500.000 schätzt man die Zahl der Ermordeten.

Heute leben in Deutschland laut Schätzungen wieder 60.000 Sinti. Auch die Jüngeren von ihnen können viel über das Schicksal ihrer Familien erzählen. Die Erfahrung des Holocausts hat sie alle geprägt, egal welcher Generation sie angehören. Jeremy Landsberger etwa, 34 Jahre alt und Enkel von Erich Landsberger und Karl Fröhlich.

Er könnte erzählen, wie Erich Landsberger, der Vater seiner Mutter, Opfer der brutalen Menschenversuche von Josef Mengele wurde oder wie Karl Fröhlich, der Großvater väterlicherseits, sechs Jahre lang von einem KZ ins nächste kam, nachdem er mit 15 Jahren als „Arbeitsscheuer“ verhaftet wurde – ironischerweise an seinem Ausbildungsplatz, einer Gärtnerei.

Oder Laura Höllenreiner, 39, und ihr Sohn Wesley, 15. Sie könnten von ihrem Großvater respektive Urgroßvater Hugo Höllenreiner erzählen. Laura ist bei ihm aufgewachsen. Normalerweise habe er nie kurze Hosen getragen, aber einmal habe sie seine Beine gesehen, total vernarbt bis zu den Knien. Der Hintergrund: Als Kind habe ihr Vater in Auschwitz bei der Entsorgung der Leichen mithelfen müssen. „Drei Jahre lang ist er bei eisiger Kälte barfuß im Massengrab gestanden. Und oft ist er ausgerutscht, hingefallen, und da hat er sich an den Zähnen der Leichen geschnitten.“

36 Familienmitglieder haben die Höllenreiners in Auschwitz verloren. Und das sind nur diejenigen, die auch tatsächlich Höllenreiner hießen. Auf einer Tafel in der Gedenkstätte hat Wesley sie gezählt.

Ja, sie könnten viel von früher erzählen. Aber sie wollen auch über die Gegenwart sprechen. Menschen wie Jeremy Landsberger wollen sich nicht mehr verstecken. „Wir sind lange genug ruhig geblieben“, sagt Jeremy, Sohn von Jakob Fröhlich und Erika Landsberger. „Ich möchte dazu beitragen, dass die Leute erkennen, dass wir hier seit 600 Jahren dazugehören. Was ist das Kriterium, dass man sich als deutsch betiteln darf? Ich meine, 600 Jahre sollten genug sein.“

Jeremy Landsberger hatte in seinem Leben auch immer wieder mit Bedrohungen zu tun, mit rassistischen Beschimpfungen. Und selbst wenn es manchmal nur unterbewusst oder vermeintlich scherzhaft sei, würden Sinti immer wieder als Menschen zweiter Klasse eingestuft. Und dann dieser eine Satz, der immer wieder fällt: „Euch hat man vergessen zu vergasen.“ Den Spruch hören Sinti noch heute regelmäßig.

Laura und Wesley Höllenreiner haben es sich zur Aufgabe gemacht, an die Verbrechen zu erinnern, die die Nazis an Sinti und Roma begangen haben. Schon als Kind hat Laura ihren Großvater oft begleitet, wenn er durch die Schulen gezogen ist. Heute fühlt sie selbst sich verpflichtet zu erzählen. „Ich will das bezeugen, so lange ich lebe. Was meine Leute mitgemacht haben in der Lagerzeit.“

60.000 Sinti leben wieder in Deutschland

Seit knapp einem Jahr gibt es in Ingolstadt eine Hugo-Höllenreiner-Straße. Eine schöne Straße. Viele Bäume, direkt an der Donau. Für Laura und Wesley ist es eine große Befriedigung. Ein Stück mehr Sichtbarkeit. Jeremy Landsberger und seine Familie wünschen sich, dass auch nach seinem Großvater Karl Fröhlich eine Straße benannt wird. Grüne und Linke haben dazu im Stadtrat bereits einen Antrag gestellt. „Wenn eines Tages Menschen durch eine Straße mit seinem Namen gehen oder fahren, werden einige von ihnen fragen: Wer war Karl Fröhlich? Und das ist eine wichtige Frage. Denn sie führt zu einer Geschichte, die mahnt, die Augen offenzuhalten gegenüber Ausgrenzung, gegenüber Diskriminierung, gegenüber jedem Angriff auf die Würde des Menschen.“ (Dominik Baur)
 

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