Leben in Bayern

Der ehrenamtliche Seelsorger Friedbert Rüb im Gespräch mit Rosemarie Jahn. Die 83-Jährige lebt in einem Pflegeheim in Karlstadt. (Foto: Pat Christ)

11.01.2019

Das schönste Geschenk: Ein bisschen Zeit

In einem Pilotprojekt der Diözese Würzburg kämpfen ehrenamtliche Seelsorger gegen Einsamkeit in Pflegeheimen und Kliniken

In Unterfranken kompensieren ehrenamtliche Seelsorger, was mangels Personal weder von pflegerischer noch von theologischer Seite mehr geht: Sie sprechen mit Pflegebedürftigen und Kranken über existenzielle Fragen, nehmen Ängste – und sind einfach da. 2016 startete das ehrgeizige Projekt. Die Nachfrage ist so groß, dass jetzt neue Ehrenamtliche ausgebildet werden.

Vor Kurzem war Rosemarie Jahn in einiger Aufregung. Es hatte einen Konflikt in der Familie gegeben. „Ich stand vor einer ziemlich schwierigen Entscheidung“, sagt sie. Die 83-Jährige lebt in der Herold-Stiftung, einem Pflegeheim in Karlstadt im Kreis Main-Spessart. Mit wem sollte sie über ihr Problem reden? Rosemarie Jahn hat kaum noch Menschen, denen sie sich anvertrauen kann. Da fiel ihr Friedbert Rüb ein. Der neue ehrenamtliche Seelsorger im Karlstadter Heim.

Seit 60 Jahren gibt es zwar die Telefonseelsorge mit über 8000 Ehrenamtlichen, an die man sich in einer Krisen- oder Notsituation wenden kann. Aber was, wenn man sich wie Rosemarie Jahn nach einem konkreten Gegenüber sehnt, nach jemandem, dem man in die Augen schauen kann? Bei dem sie sich, ohne dass es unangenehm wäre, auch längere Gesprächspausen leisten könnte. Viele Bewohner in Pflegeheimen, aber auch ältere Menschen in Krankenhäusern leiden darunter, dass da niemand „zum Anfassen“ ist, mit dem sie ernster reden können.

Das brachte den Würzburger Altenheimseelsorger Wolfgang Zecher auf die Idee zu einer ehrenamtlichen Seelsorge für Altenheime und Kliniken. Bei seinem Projekt lernen Freiwillige, wie sie Menschen in Not verstehen können. Geschult wird ein halbes Jahr, in dem sechs Module jeweils an einem Wochenende abgeleistet werden. Die angehenden Seelsorger setzen sich dabei mit ihren eigenen Krankheitserfahrungen und mit ihren Altersbildern auseinander. Sie lernen, zuzuhören und Botschaften zu unterscheiden. Daneben leisten sie ein 50-stündiges, begleitetes Praktikum ab. Das Pilotprojekt der Diözese Würzburg begann im Herbst 2016. Mit großem Erfolg. Auch bei den Nachfolge-Kursen war das Interesse weit größer als das Platzangebot.

Was ist Übertreibung und was wahr? Immer wieder, sagt der ehrenamtliche Seelsorger Friedbert Rüb, der seit September 2018 als Seelsorger im Karlstadter Heim aktiv ist, wird man mit heiklen Situationen konfrontiert. Neulich plauderte er im Heim leichthin mit einem Mann. Es ging um nichts besonders Tiefsinniges. Da äußerte der Senior unvermittelt: „Ich werde sterben.“ Rüb war im ersten Moment irritiert. Hatte der Mann das gesagt, ohne zu wissen, wovon er spricht? Oder steckte mehr dahinter? Rüb ließ sich auf ein Gespräch ein. „Später war ich sehr froh, dass ich seine Äußerung ernst genommen habe“, erklärt er. „Denn zwei Wochen später war der Mann tot.“

Die Schwestern rennen von Zimmer zu Zimmer

Bei ihren Einsätzen im Heim treffen die Seelsorger, wenig verwunderlich, sehr oft Menschen mit einer Demenz. Gerade diesen Senioren helfen spirituelle Angebote gut, sagt Rüb. Das hat er inzwischen oft feststellen können. Selbst hochgradig unruhige Senioren werden plötzlich still, wenn sie hören, wie der Seelsorger das Vaterunser betet oder ein Kirchenlied singt, das ihnen seit der Kindheit vertraut ist. Demenzkranke, die kaum noch sprechen, beten plötzlich einzelne Worte mit. Oder stimmen in ein Lied, das er singt, ein.

In puncto Seelsorge sei er ein blutiger Anfänger gewesen als er vor eineinhalb Jahren in den Ausbildungskurs einstieg, sagt Rüb. Dabei ist der 62-Jährige ausgebildeter Krankenpfleger. Lange leitete er die Altenpflegeschule in Marktheidenfeld. Was das rein Pflegerische anbelangt, ist er ein ausgewiesener Profi. Während des Kurses aber musste auch Rüb in die Rolle eines Praktikanten schlüpfen: Im Würzburger Juliusspital lernte er, mit kranken Menschen seelsorgerlich umzugehen. Wofür er, erfuhr Rüb, viel bisher verstecktes Talent hat.

Während die Schwestern von Zimmer zu Zimmer rennen, bringen die ehrenamtlichen Seelsorger das mit, was in Heimen und in vielen Kliniken inzwischen so rar ist: Zeit. Diese Zeit nimmt sich auch Sabine Wollein an jedem Dienstag. Zwei bis drei Stunden lang spricht sie dann mit einigen der 80 Bewohner des Seniorenwohnstifts in Erlenbach am Main im Kreis Miltenberg. „Manche Senioren können ihr Zimmer kaum noch verlassen“, erzählt sie. Wollein setzt sich ans Bett und beginnt ein Gespräch. Oft geht es um „tiefe“ Themen, sagt sie. Um Zukunftsängste. Um Trauer und Tod. Worauf die Seelsorgerin durch den Ausbildungskurs gut vorbereitet wurde.

Gedanken sind besonders dann quälend, wenn man sie alleine stundenlang im Kopf hin und her wälzt. Rüb und Wollein lenken die Senioren ab – oft durch ihre pure Anwesenheit. Dafür, sagt Wollein, seien die Bewohner zutiefst dankbar. Manche können es gar nicht fassen, dass die Erlenbacherin das, was sie so professionell leistet, ohne Bezahlung macht. Eine alte Dame, der sie erklärte, dass dies ihr Ehrenamt sei, hat ihr sogar angeboten, für sie zu sammeln, erzählt die Pfarramtssekretärin und schmunzelt.

Demenzkranke brauchen dringend menschliche Nähe

Gerade Menschen mit Demenz sind darauf angewiesen, dass jemand persönlich erscheint und sich um sie kümmert. Wollein widmet sich darum mit besonderer Aufmerksamkeit jenen Senioren, die an Altersverwirrtheit leiden. „Eine demente Bewohnerin nimmt mich gerne an der Hand und wir laufen eine Runde“, erzählt sie.

Dass reine menschliche Nähe offensichtlich guttut, erfuhr auch Ursula Sörgel während ihres Seelsorge-Praktikums in der Würzburger Uni-Hautklinik. Auf der Isolierstation traf sie Menschen, die an schweren Formen von Hautkrebs litten und damit rechnen mussten, bald zu sterben. Kontakt zu ihnen aufzubauen, fiel Sörgel nicht schwer. Ihre offene, unkomplizierte Art wurde von den Kranken als wohltuend erlebt. „Endlich friere ich nicht mehr“, sagte ihr eine Patientin, die an einem schlimmen Hautausschlag litt, zum Abschied. „Eigentlich hatten wir nur über Banalitäten geredet“, so Sörgel. Doch die Frau war unglaublich dankbar gewesen, dass sich ein fremder Mensch Zeit für sie genommen hatte.

An welchem Nachmittag sie ins Heim oder in die Klinik gehen und wie viele Stunden sie zugange sind, entscheiden die ehrenamtlichen Seelsorger selbst. Rein praktisch, betont Ideengeber Wolfgang Zecher, unterscheidet sich die Arbeit der Ehrenamtlichen kaum von jener ihrer hauptamtlichen Kollegen. Die Freiwilligen agieren weitgehend selbstständig: „Indem sie etwa für einen Wohnbereich oder für eine Station in der Klinik verantwortlich sind.“

Friedbert Rüb zum Beispiel ist seelsorgerlich unter anderem für die beschützende Station für Demenzkranke zuständig. Mit seinem hauptamtlichen Kollegen arbeitet er auf Augenhöhe zusammen. In den vergangenen Monaten erwies sich, wie gut Wolfgang Zecher daran tat, hauptamtlichen Seelsorgern in Kliniken und Heimen ehrenamtliche Kollegen zur Seite zu stellen. Die Freiwilligen, die nach Abschluss der sechs Kursmodule ein Zertifikat erhalten, finden viele offene Türen für ihr Engagement. „Wir Hauptamtliche können die Nachfrage nach Seelsorge in den Kliniken und Heimen nicht mehr decken“, erklärt Zecher. Denn auch Pfarrer und Pastoralreferenten haben immer weniger Zeit. Klassische Besuchsdienste veralten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen in der Begleitung von alten Menschen. Ganz besonders im Pflegeheim. (Pat Christ)

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