Leben in Bayern

Ein Kiebitz stolziert über eine Wiese. Kiebitze sind Bodenbrüter und stark gefährdet. (Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB)

04.06.2019

Der Gesang der Wiesenbrüter verstummt

Kiebitz, Uferschnepfe und Großer Brachvogel legen ihre Nester in feuchten Wiesen an - davon gibt es jedoch immer weniger. Die Folge: Ihr Gesang verstummt zusehends. Können Tierschützer ihr Aussterben noch verhindern? Sie versuchen es jedenfalls

Es ist das reinste Vogelkonzert, das an diesem frühen Morgen über dem Acker erklingt. In der Dämmerung zwitschert es von überall her, mal kurz und schrill, mal langgezogen. Verena Auernhammer vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) in Bayern ist wieder einmal mitten in der Nacht aufgestanden und mit ihren Helfern zu der Wiese im mittelfränkischen Altmühltal nahe der Gemeinde Muhr am See gefahren. Sie will dort nach den Vögeln suchen, deren Stimmen immer seltener in dem morgendlichen Konzert zu hören sind: die Wiesenbrüter.

Diese Vögel - zu ihnen zählen unter anderem Kibitz, Uferschnepfe und Großer Brachvogel - tummelten sich in Deutschland vor einigen Jahrzehnten noch zahlreich im Gras. Sie richten ihre Nester am Erdboden ein, am liebsten gut versteckt im hohen Gras feuchter Wiesen. Als zusätzlichen Schutz in dieser Lage hat die Natur die Eier vieler Arten in Tarnfarben wie Braun, Beige und Dunkelgrün gestaltet.

Dieser Schutz jedoch reicht nicht mehr. Der Bestand der Wiesenbrüter ist dramatisch gesunken. Deswegen helfen Menschen wie Verena Auernhammer nach. In einem speziellen Projekt sind sie und ihr Team in den vergangenen Wochen erstmals mit einer Drohne, an die eine Wärmebildkamera angebracht ist, über die Äcker geflogen. Das Ziel: die Nester der Wiesenbrüter aufspüren und dort Schutzzäune gegen Raubtiere montieren. Eine Wildtierkamera im Nest soll Aufschluss darüber geben, wie sich die Brut entwickelt.

Bestand ist dramatisch gesunken

Etwa 15 Nester des Großen Brachvogels haben die Vogelschützer auf diesem Weg entdeckt. Dabei werfe vor allem die Entwicklung der Uferschnepfe noch "große Fragen" auf, sagt Auernhammer. Sie ist in großer Sorge um die Tiere. "Wenn eine Art verschwindet, zeigt das an, dass mit dem Lebensraum etwas nicht stimmt."

Und die Wiesenbrüter drohen tatsächlich zu verschwinden. Die Anzahl der Uferschnepfen und Kiebitze hat nach Angaben des Vogelkundlers Lars Lachmann vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) zwischen 1990 und 2009 um etwa 75 Prozent abgenommen. Der Bestand des Großen Brachvogels ist um etwa 35 Prozent gesunken.

Auf der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands werden Uferschnepfe und Großer Brachvogel als "vom Aussterben bedroht" geführt. Der Kiebitz gilt als "stark gefährdet". Alle diese Arten sind Lachmann zufolge vor allem in Nordwestdeutschland verbreitet. In Bayern seien sie extrem selten geworden, erklärt der Ornithologe. Dort werden sieben von neun wichtigen Wiesenbrüter-Arten auf der Roten Liste als "vom Aussterben bedroht" eingestuft, die anderen beiden als "stark gefährdet".

Hauptproblem: Verlust des Lebensraums

Das Hauptproblem ist der Verlust ihres Lebensraums. So wird Grünland immer häufiger in Ackerland umgewandelt, etwa für den Anbau von Mais als Tierfutter oder für Biogasanlagen. "Der Wiesenanteil ist auf ein kritisches Niveau gesunken", sagt Kai Frobel vom Bund Naturschutz (BN) in Bayern. Zudem würden Wiesen zu oft und zu früh im Jahr gemäht. "Der Traktor kommt viel zu früh - Wiesenbrüter haben gar keine Chance, ihr Nest anzulegen", kritisiert Frobel.

Die Folgen beider Entwicklungen: mehr Einheitsgräser, weniger bunte Blüten, kaum Futter für die Vögel. Ganz zu schweigen von den Folgen für die Insektenvielfalt, die immer weiter schwinde.
Was also tun, um das Aussterben der Wiesenbrüter zu verhindern? Der Nabu fordert eine neue Agrarpolitik, die Landwirte auch dafür belohnt, Gemeingüter wie Naturschutz und Vögel zu erhalten, wie Lachmann erklärt. Feuchtwiesen, in denen Wiesenvögel gerne brüten, seien derzeit für Bauern wirtschaftlich kaum interessant, weil Viehrassen auf energiereiches Futter wie Mais oder Soja angewiesen seien und das Heu von den Wiesen nicht mehr fräßen.

Zudem gibt es neben dem LBV-Projekt im nordbayerischen Altmühltal noch andere Initiativen in Deutschland. In Schleswig-Holstein etwa suchen Ehrenamtler Flächen schon seit Jahren nach Wiesenvögeln ab. Entdecken sie dabei brütende Kiebitze oder Uferschnepfen, wenden sich die Helfer an den zuständigen Landwirt und bieten ihm eine Ausgleichszahlung an, wenn er die Stelle bei der Bewirtschaftung auslässt oder verschiebt.

Die Rechnung zahlt das Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes. Die Entschädigung liegt nach Angaben eines Ministeriumssprechers zwischen 150 und 350 Euro pro Hektar und Jahr - je nach Anzahl der Brutpaare auf der Fläche.

Die Bauern kennen ihre Verantwortung. "Die Landwirte wissen um die Notwendigkeit, etwas für die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft zu tun", sagt der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, Bernhard Krüsken. Für einen Schutz der Wiesenvögel brauche es aber das nötige Grünland. Seit 2013 hätten die Grünlandflächen zugenommen. "Das kann nur verstetigt werden, wenn die Betriebe Grünland über Milch- und Fleischerzeugung nutzen können und Naturschutzmaßnahmen flexibler und weniger bürokratisch gestaltet werden", erklärt Krüsken.

Die Landwirte haben nach Angaben des Verbands deshalb im vergangenen Jahr mehr als 200 000 Kilometer Blühstreifen als Nahrung und Lebensraum für Bienen und Insekten angelegt. Weitere Beispiele seien sogenannte Lerchenfenster oder Feldvogelinseln zum Schutz der Bodenbrüter. Solche Inseln sind Flächen, die brachliegen und auf denen der Bauer auf Düngung und Pflanzenschutz verzichtet.
(Wera Engelhardt, dpa)

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