Zum Leben in Bayern gehört es unbedingt dazu – das Vereinsleben. Gibt es im Freistaat doch nach Angaben des Familienministeriums knapp 93 000 Vereine, und diese Zahl ist in den vergangenen Jahren sogar gewachsen. „Bayern ist Ehrenamtsland. Hier schlägt das Herz unseres Sozialstaats“, befand dann auch Ulrike Scharf, bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales, bei der Vorstellung des ZiviZ-Survey 2023. Demnach sind 41 Prozent der Menschen über 14 Jahren im Freistaat ehrenamtlich engagiert, das entspricht 4,7 Millionen Bürgerinnen und Bürgern.
Einen Löwenanteil machen dabei die Sportler aus, die Mitglied in einem Sportverein sind. Aber die Themen, mit denen man sich in geselliger Runde beschäftigt, sind vielfältig. Bayern ist zum Beispiel das Land mit den meisten Fotoklubs, geht man jedenfalls nach der Statistik des Deutschen Verbands für Fotografie e.V, der Dachorganisation für Amateur-Fotoklubs und Fotovereine. Und dort Mitglied ist auch der Fotoklub Sezession Münchener Lichtbildner, einer der ältesten Fotoklubs überhaupt.
Präsentationsraum im Keller
Ein Besuch beim Verein in Untergiesing in München. Das „Atelier“ der Lichtbildner liegt ein wenig versteckt, man muss am Biergarten einer Traditionsgaststätte vorbei eine Treppe zu einer Kellertür hinabsteigen, um in die Klubräume zu gelangen. Die sind eher niedrig, wie es in den Kellern eines Wohnhauses halt so ist. Und an den Wänden laufen die Heizungsrohre entlang. Dafür ist die Miete günstig und man hat Platz.
Da ist der große Präsentationsraum, in dem die Bilder der Mitglieder gezeigt und besprochen werden. Dann ist da noch der Raum mit einem langen Tisch und ein digitaler Arbeitsplatz mit Computer und Drucker. Hier war früher die Dunkelkammer des Vereins, aber die analoge Fotografie haben sie schon seit Längerem aufgegeben.
An diese Zeiten erinnern noch die alten Fotokameras, die in einer Glasvitrine ausgestellt sind, darunter echte Oldtimer im Großformat mit Balgen. Aber wer tummelt sich jetzt hier unten, zwischen den Fotografien, die an den Wänden hängen? Da ist zum Beispiel Christoph Stempfhuber, der Vorsitzende des Vereins. Für ihn steht nicht die Technik, sondern das Bild im Vordergrund – schließlich würden heute jeden Tag über das Smartphone Millionen von Bildern erstellt, die freilich auch schnell vergessen werden: „Das Bild soll länger im Gedächtnis bleiben“, ist sein Credo.
Und da ist auch Norbert, der gerade die Bilder für eine Ausstellung zusammenstellt. Der Verein hat derzeit an die 30 Mitglieder, wovon 15 aktiv sind, darunter auch drei Frauen. Der Jahresbeitrag beträgt 150 Euro. Man trifft sich jeden Donnerstagabend hier im Klub, macht Bildbesprechungen oder plant gemeinsame Ausflüge. Freilich, die meisten Mitglieder sind älter und es fehlt der Nachwuchs – das Problem vieler Vereine.
Stempfhuber, von Beruf Elektriker, ist 67, auch Norbert hat die 60 schon etwas länger überschritten. Das jüngste Mitglied ist um die 30 Jahre alt, freilich ein „Ausreißer“, wie Norbert erklärt. Besonders stolz ist man hier auf die lange Tradition des Vereins. Die Geschichte der Sezession Münchener Lichtbildner, kurz SML, ist auch ein Stück Münchner Kulturgeschichte und ein Stück Geschichte der Fotografie.
Seine Wurzeln hat der Klub in der 1904 gegründeten Münchener Gesellschaft zur Pflege der Photographie, bis in diese längst vergangene Zeit vor dem Ersten Weltkrieg reichen auch die ältesten Fotografien im Archiv des Vereins. Diese fotografische Gesellschaft zählte bald zu den führenden in Deutschland und setzte ihren Schwerpunkt in der Studiofotografie.
Ein prominenter Mäzen half dem Verein
Eine Gruppe engagierter Mitglieder der Gesellschaft – darunter auch eine für diese Zeit ungewöhnliche Frau, die Chemikerin und Fotografin Elisabeth Ernst –, die nicht mehr nur im Atelier, sondern vor allem im Licht der Natur Bilder gestalten wollten, löste sich aus der Münchener Gesellschaft zur Pflege der Photographie und gründete im Jahr 1930 die Sezession Münchener Lichtbildner. Dank ihres Mäzens, des bekannten Münchener Fotografen Karl Steinhäusser, besaß die Sezession eigene Atelierräume und machte bald durch eigene Ausstellungen und Publikationen, vor allem aber durch nationale und internationale Auszeichnungen von sich reden.
1934 wurde eine „Wiedervereinigung“ mit der Münchener Gesellschaft zur Pflege der Photographie versucht, die sich jedoch noch im selben Jahr nach inneren Kämpfen und wegen gegensätzlicher Ansichten auflöste. Sie ging schließlich 1935 in der Sezession vollständig auf.
Zunächst hatte der Klub ein eigenes Atelier in der Kaufinger Straße, zwei Jahre später zog er in die Herzogspitalstraße um. Weitere Jahre später war München durch Fliegerbomben zerstört, vom Klub konnte nur das Archiv gerettet werden. 1948 fanden sich die überlebenden Mitglieder wieder zusammen, unter ihnen der Kunsthändler Otto Boehler, der in seiner Galerie am Karolinenplatz die erste Nachkriegsausstellung des Klubs zeigte. In den 1950er- und 1960er-Jahren konnte die Sezession viele Auszeichnungen holen und Ausstellungen ausrichten.
Aktuell haben die Klubmitglieder auch eine Ausstellung ausgerichtet: 95 Jahre Sezession Münchner Lichtbildner – eine fotografische Zeitreise. Noch ein paar Jahre, und dann kann der Klub sein 100-jähriges Bestehen feiern. „Bis dahin“, sagt Vereinsvorsitzender Stempfhuber, „sind auch gerne noch neue Mitglieder willkommen.“ (Rudolf Stumberger)
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