Leben in Bayern

Die Jähnigs mit ihrem Baum – seit dem ersten Advent steht er. (Foto: Bäumel-Schachtner)

06.12.2018

Die ewige Tanne

Seit 1975 feiert ein Rentnerpaar mit demselben Weihnachtsbaum

Wenn in dem kleinen Bayerwald-ort Obermühlbach die Nacht langsam hereinbricht, bullert in der gemütlichen Stube von Erika und Klaus Jähnig der Kaminofen vor sich hin. Der Wohnraum ist in ein sanftes Kerzenlicht getaucht. Denn in der Ecke erstrahlt schon seit dem ersten Advent ein Christbaum.

Es ist ein ganz besonderer Christbaum, ein Unikat, das es mit Sicherheit kein zweites Mal auf der Welt gibt, auch wenn er aussieht wie eine üppig geschmückte Tanne. Denn wer näher herantritt, sieht: Kugeln und Figuren sind nicht an Tannenzweigen festgemacht. Sie stecken an kunstvoll zusammengeschraubten, grün angestrichene Dachlatten. Klaus Jähnig hat sie in Pyramidenform angeordnet – und zwar bereits 1975. Seitdem ist der Baum der ganze Stolz des Rentnerehepaars.

Das Ehepaar hatte sich auf Teneriffa kennen- und lieben gelernt, Geheiratet wurde 1974. Frohgemut war man in die Eigentumswohnung im siebten Stock im Landkreis Moers im Rheinland gezogen. Und dann kam das erste gemeinsame Weihnachten. Ein schöner Christbaum sollte die Wohnung schmücken. Ein großer. Der Baum, den Klaus Jähnig kaufte, reichte vom Fußboden bis an die Decke und stand in einem steinernen Gefäß, in das man Wasser gießen konnte. Von der Mutter hatte er noch einen alten Koffer voller Christbaumschmuck. Auch eine kleine Holzkrippe war dabei.

Plötzlich dampfte es unter dem Weihnachtsbaum

Es hätte alles so schön sein können. Doch im Landkreis Moers herrschte 1974 um die Weihnachtszeit herum bittere Kälte. Die Fußbodenheizung in der Wohnung lief daher auf Hochtouren. Und es dampfte im Wassergefäß des Baums. Nach nur drei Tagen rieselten die ersten Tannennadeln auf den Teppichboden, erzählt der heute 77-Jährige. Bald stand nur noch ein trostloses Gerippe in der Wohnung. „Noch Monate danach saugten und zogen wir Tannennadeln aus dem Flor des Teppichs.“

Also beschlossen die Frischvermählten, dass nie wieder ein Weihnachtsbaum in ihr Haus kommen sollte. Aber Weihnachten ohne Christbaum? Das wollten die Jähnigs auch nicht. Und die Idee zum ewigen Weihnachtsbaum war geboren. Ein altes Drehbankfutter dient als standfester Christbaumständer, eine runde Stange als Stamm und aus Dachlatten entstanden Äste. „Ich besaß nur eine Bohrmaschine und eine Fuchsschwanzsäge, mehr brauchte ich nicht“, erklärt Klaus Jähnig.

Am 21. Dezember 1975 stand der Baum zum ersten Mal im Wohnzimmer der Jähnigs. Und 20 weitere Jahre feierten sie mit ihm ganz ohne Nadel-Trauma im Rheinland glanzvolle Feste. Dann machten sich Erika und Klaus Jähnig mit ihm auf in ihr neues Zuhause im Bayerischen Wald.

Bis die Tanne aus Dachlatten in glitzert und funkelt, vergehen jedes Jahr viele Stunden. Glitzernde Vögelchen sitzen dann in den Ästen, Engelsfiguren gibt es und auch einen uralten kleinen Schneemann aus Jähnigs Kindheit. Ja, der Baum habe sich verändert im Laufe der Jahrzehnte, erzählt er. Der früher an der Spitze befestigte Leuchtstern zum Beispiel habe längst seinen Geist aufgegeben, er wurde durch einen Strohstern ersetzt. Auch vieles andere ist kaputtgegangen, manche Dinge haben Erika und Klaus Jähnig neu für sich entdeckt. Doch eines blieb immer gleich: Der Baum nadelt nicht.
(Melanie Bäumel-Schachtner)

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