Leben in Bayern

Johannes Haas und Mike Schmitt vor ihrem neu errichteten Whisky Warehouse. 2500 Liter Hochprozentiges lagern bereits in Fässern. (Foto: Pelke)

01.10.2021

Die fränkischen Highlander

Ein Brauer und ein Brenner: Zwei Freunde aus der Fränkischen Schweiz wollen mit ihrem Whisky die Schotten das Fürchten lehren – und das ganz Dorf fiebert mit

Ein Dorf, zwei Freunde, ein Plan: Whisky komplett aus heimischen fränkischen Zutaten herstellen. Wenn sich Johannes Haas und Mike Schmitt sehen wollen, brauchen sie nur drei Meter über die Straße zu gehen. Auf der einen Seite hat „der Mike“, wie sie hier sagen, seine Brauerei, auf der anderen Seite „der Hannes“ seine Edeldestille. Noch bevor die halbe Welt über Craft Beer und Start-ups gesprochen hat, waren die beiden Nachbarn schon auf den Trichter gekommen, das sie doch was Originelles zaubern könnten.

Und zwar nicht, indem sie der Hipster-Herde in die glitzernde Großstadt folgen – sondern in ihrem malerischen Dorf in der Fränkischen Schweiz: in Pretzfeld mit der schmucken Kirche, dem alten Schloss, dem kleinen Fluss namens Trubach und den schroffen Felsen zwischen den bewaldeten Steilhügeln. Das Dorf mit ihrer Brauerei und Brennerei. Und Mikes Bierkeller oben auf dem Berg. Und den Zehntausenden Obstbäumen von Hannes an den Hängen – mit so verheißungsvollen, weil fast vergessenen Sortennamen wie Gute Luise oder Reneklode.

Und nun steht unten im Tal neuerdings auch ihr gemeinsames „Whisky Warehouse“ – mit dem typischen Pagodendach, das für ausreichend Luftzirkulation sorgt. Und es macht sich ausnehmend gut, dieses stilechte Whiskylager zwischen den romantischen Streuobstwiesen und den steilen Bergfelsen. Sogar an einen künstlichen Bachlauf für die passende Luftfeuchtigkeit im Warehouse haben die beiden Freunde gedacht. Ganz nach dem Motto: Wenn, dann gscheit.

Sogar im Kirchturm dürfen zwei Fässer lagern

„Mein Vater hat uns eigentlich auf die Idee mit dem komplett einheimischen Whisky gebracht“, erinnert sich Hannes an den feuchtfröhlichen Frühschoppen zurück, bei dem Georg Haas den Anstoß zur nachbarschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Brauer und Brenner gegeben hat. Und damit auch für die Idee für die „Pretzfelder Whisky Connection“. „Der Mike hat Spaß am Bierbrauen. Mir gefällt das Schnapsbrennen. Gemeinsam machen wir jetzt Whisky“, fasst Hannes die Unternehmung knapp zusammen. UmsGeldverdienen geht es den Freunden in erster Linie nicht. Sondern um die Gaudi. Und das Ziel, den Schotten eine lange Nase zu zeigen.

Haas und Schmitt haben in all den Jahren der Nachbar- und Freundschaft gemeinsam schon viel erlebt. Nicht nur auf all den Grünen Wochen, wo sie als Genuss-Botschafter waren. Auch die berühmten Kirschenfeste im Pretzfelder Kellerwald oberhalb des Dorfes haben sie natürlich zusammen unsicher gemacht. Ihr Antrieb? Daraus machen die fränkischen Burschen keinen Hehl. „Wir saufen auch gerne mal was.“

Logisch, dass die beiden Freunde auch schon gemeinsam durch Schottland getingelt sind. Vom Whisky dort aber waren sie enttäuscht. „Das Zeug kann man nicht saufen, was da rausläuft“, erklärt Hannes auf seine direkte Art. Mike lacht, nickt und erklärt: Die Schotten würden nicht wirklich auf die feinen Nuancen zwischen dem ungenießbaren Vor- und Nachlauf achten. „Wir haben beim Obstbrand ein ganz anderes Qualitätsniveau. Bei uns kann man schon den Rohbrand trinken.“ Die Schotten dagegen hätten ihr „Gebräu“ aus purer Not jahrzehntelang ins Holzfass packen müssen, damit der Schnaps nach langen Jahren der Reifung endlich genießbar werde.

So lange wollen Johannes Haas und Mike Schmitt nicht warten. Nach genau drei Jahren und einem Tag soll ihr Feuerwasser aus ihren Holzfässern fließen. Die haben sie überall im Ort zum Lagern eingekellert. Sogar im Kirchturm von St. Kilian dürfen zwei Fässer mit dem Segen des Pfarrers heranreifen.

Es geht nicht um Profit, sondern um die Gaudi

Um die Schotten noch etwas zu necken, haben Hannes und Mike sich für das Ergebnis übrigens einen hübschen angelsächsischen Namen ausgedacht: „Longmile“. Der Name ist schnell erklärt. Die Gerste wächst auf der nahen Anhöhe Feuerstein. Dort beackert ein befreundeter Bauer das Feld, das den Flurnamen „Lange Meile“ trägt.

Die Gerste wird dann in einer kleinen Mälzerei in Zirndorf bei Fürth vermälzt. Aus der stellt Mike Schmitt die fränkische Whiskywürze her. Rund zwölf Tonnen der Braugerste vom Feuerstein hat der Bauer bislang geliefert, daraus sind zehn Tonnen Malz geworden, aus denen 30 000 Liter Whiskywürze gekocht wurden. Das Endergebnis: 2500 Liter Hochprozentiges, das nun in den alten Bourbon-, Rum- und SherryHolzfässern lagert. „Wir haben uns entschieden, dass wir nicht auf Masse machen, sondern nur kleine Mengen in Topqualität herstellen“, erklärt Hannes. „Dieser Whisky ist total unsere Heimat“, freut sich Mike, während er mit Hannes vor dem Warehouse mit dem tibetanisch anmutenden Schornstein sitzt. Natürlich mit einem Glas in der Hand.

Über so viel altmodischen Lokalpatriotismus statt neumodischer Profitgier dürften sich nicht nur Befürworter wirtschaftlicher Regionalkreisläufe freuen. Heimat – das ist für die Bewohner*innen von Pretzfeld ein hohes Gut. „Ich bin überall auf der Welt gewesen, aber in Pretzfeld ist es am schönsten“, betont Schorsch Haas, Vater von Hannes. Er freut sich, dass die „Jungs“ die Whisky-Fachwelt gemeinsam „a weng“ aufmischen wollen. Zumal das Brennen seit Generationen ganz tief im Haas-Blut steckt.

Schon seit 1901 betreibt die Familie die Brennerei. Nach dem Krieg hat Hannes’ Vater den Hof von den Eltern übernommen. In der schweren Anfangszeit setzte man gezwungenermaßen noch mehr auf Quantität als auf Qualität. Vor allem stark und ergiebig sollte das Gebräu sein. Da wurde der Brennofen schon auch mal heimlich in der Nacht angeschmissen, um mit dem Erlös nach dem Krieg den kaputten Hof wieder herrichten zu können.

Die Begeisterung fürs Brennen hat sich auf Sohn Hannes übertragen, der den Betrieb konsequent auf Qualität geeicht hat. Mit Bränden aus alten Obstsorten, die er rund um den Kirchturm auf den Feldern zwischen den Felsen anbaut, hat er bald auch für Aufsehen in der Kennerszene gesorgt. Mittlerweile steht schon die nächste Generation in den Startlöchern.

Dem unwiderstehlichen Ruf des Genusses folgen immer mehr Gäste, die ins kleine Pretzfeld in der Fränkischen Schweiz pilgern. Vielleicht kommen bald ja sogar mal Schotten vorbei, um ihren Hut vor dem fränkischen Feuerwasser zu ziehen. Wäre doch schön, wenn beim Anstich des ersten Fasses ein Besucher einen Dudelsack erklingen ließe. Was auf jeden Fall geplant ist: ein schottisches Hochlandrind auf dem Grill zu legen. Angusrinder nämlich leben und grasen auf dem Feuerstein bereits.
(Nikolas Pelke)

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