Leben in Bayern

Sarah, geflohen aus Syrien, übt mit ihrer Geigenlehrerin Anna Mavrommatis für einen Auftritt – Corona war da noch kein Thema. (Foto: Pat Christ)

08.05.2020

Die Geige blieb auf der Flucht zurück

Mutmacher aus Bayern: Dank eines Würzburger Vereins können auch Kinder und Jugendliche aus armen Familien ein Instrument erlernen – gerade in der Corona-Krise eine wichtige Abwechslung

Regulären Musikunterricht könnten sie sich nicht leisten. Dank des Würzburger Musikschulvereins WiMu aber erhalten auch Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien und prekären Verhältnissen Unterricht. Die Corona-Krise kommt den Musiklehrer*innen dabei mächtig in die Quere. Sie bieten zwar Onlinetutorials an, doch in manchen Familien gibt es nur ein einziges Handy.

Nach der Flucht aus einem Kriegs- oder Krisenland mangelt es zunächst an allem. Die Wohnverhältnisse sind schwierig, neue Kleidung meist unerschwinglich, oft fehlt auch das Geld für öffentliche Verkehrsmittel. Kulturelle Bedürfnisse fallen da hinten runter. Doch Studierende der Hochschule für Musik in Würzburg haben die Not der Kinder in Flüchtlingsunterkünften erkannt – und sind mit viel Engagement und Idealismus darangegangen, diesen Kindern mittels Musik zu helfen.

Angeregt von dem Würzburger Jazzmusiker Jonas Hermes, gingen die Studierenden der Musikhochschule in eine Notunterkunft für Flüchtlingsfamilien, um mit den dort lebenden Kindern Musik zu machen. Die Kinder sollten dadurch abgelenkt werden von dem, was sie an Angst und Beengtheit jeden Tag erlebten. Und was an schlimmen Erinnerungen in ihnen wühlte. Aus diesem Engagement ist vor fünf Jahren der solidarische Musikschulverein Willkommen mit Musik (WiMu) entstanden. Er ermöglicht es auch jungen Menschen aus armen Familien, ein Instrument zu erlernen. 53 Kinder und Jugendliche erhalten derzeit Einzelunterricht.

Mehr als Musik: Die Lehrer haben stets ein offenes Ohr

Da ist zum Beispiel Sarah aus Syrien, die mit zehn Jahren begonnen hatte, in ihrem Heimatland Geige zu üben. Jede Woche machte sich das Kind auf den etwa einstündigen Weg in die Musikschule, wo sie lernte, arabische Stücke mit der Violine zu spielen. Dann brach der Krieg aus. Alles war abrupt zu Ende. „Meine Eltern wollten mich den langen Weg nicht mehr machen lassen“, erzählt Sarah. Zwei lange Jahre, bis sie nach Würzburg kam, konnte das Mädchen nicht mehr Geige üben.

Sarah ist es letztlich zu verdanken, dass aus der Initiative WiMu eine Institution geworden ist. Das Mädchen ging auf die Würzburger Mönchbergschule, wo sehr viele Kinder aus Fluchtfamilien unterrichtet werden. Seit 2015 sind WiMu-Musiklehrer*innen an dieser Schule aktiv. Irgendwann erzählte Sarah WiMu-Koordinator Jonas Hermes von ihrem Geigenunterricht in Syrien. Wie sehr sie den vermisse. Und dass ihre Eltern ihr in Deutschland leider keinen Musikunterricht finanzieren können. Daraufhin erweiterte WiMu seine Gruppenangebote durch Einzelunterricht. Im Mai 2015 begann Sarah, ihr Geigenspiel bei WiMu-Lehrerin Anna Mavrommatis weiterzuentwickeln.

Seit einem Jahr ist WiMu eine gemeinnützige Organisation mit einem breit gefächerten Angebot: Gesang, Gitarre, Klavier, Kontrabass, Schlagzeug und Geige. „In 75 Prozent der Fälle wird der Einzelunterricht von uns bezuschusst“, sagt Stephan Becker, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. Regulär kostet der Unterricht, einmal wöchentlich eine Stunde, 90 Euro im Monat. Es gibt jedoch gestaffelte Preisnachlässe. Kinder aus sehr armen Familien zahlen lediglich zehn Euro pro Monat. Der WiMu-Zuschuss wird über Spenden, Sponsoren und öffentliche Fördermittel finanziert.

Die wöchentliche Musikstunde ist ein Lichtblick gerade für Kinder, die sehr beengt in einer Unterkunft für Flüchtlinge wohnen. Und sie sind hochmotiviert. „Selbst wenn die Eltern nicht hinterher sind, erscheinen die Kinder pünktlich zum Unterricht, außerdem üben sie zu Hause, das hat mich von Anfang an fasziniert“, sagt Becker, der eine Schule im Landkreis leitet. Inzwischen engagieren sich die ersten Kids aus der Anfangszeit sogar ehrenamtlich in der Musikschule oder dem Verein.

Und auch das Engagement der WiMu-Mitglieder geht weit über das Musikalische hinaus. Die Musiker*innen, Sozial- und Sonderpädagog*innen standen und stehen den Kindern und Jugendlichen in schwierigen Situationen bei. Zum Beispiel, wenn Angst vor einer Abschiebung aufkommt. Sie haben ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der jungen Migrant*innen. Natürlich auch für alles, was die jungen Menschen aktuell in der Corona-Krise plagt. Trotz Ausgangsbeschränkungen wird alles versucht, um die Musikschüler zu unterstützen. „Das ist im Moment unsere Hauptbeschäftigung“, sagt Becker.

Wer von Hause aus sehr kreativ ist, hat es in diesen Zeiten der Ausgangsbeschränkung etwas leichter als Menschen, die sich, mangels Hobby, nun zum Nichtstun verdammt fühlen. Auch die WiMu-Kinder profitieren davon, dass sie ein Instrument spielen können oder gelernt haben, mit einfachen Materialien, die nichts kosten, Percussion-Musik zu machen. „Unsere Musiklehrer versuchen außerdem, Unterricht online anzubieten“, sagt Becker. So wurden inzwischen kleine Tutorials gedreht. Allerdings: Gerade Kinder aus sehr armen Familien profitieren hiervon meist nicht. „Denn oft gibt es in diesen Familien nur ein einziges Handy, das die Kinder zwischendurch höchstens mal kurz benutzen können.“

Die Corona-Krise kommt WiMu in vielerlei Hinsicht gewaltig in die Quere. Zum einen droht das Ziel des Vereins, nämlich Kindern aus fremden Ländern in Deutschland eine schöne, neue Heimat zu bieten, aufgrund des Kontaktverbots konterkariert zu werden. Es besteht aber auch die Gefahr, dass der Musikschulverein finanziell gehörig in die Bredouille gerät. Denn sämtliche Elternbeiträge brechen nun weg. Und die Förderung der Stadt ist heuer noch nicht geflossen. Die Existenz der Musikschule steht aktuell auf dem Spiel. Und damit die Chance vieler armer Kinder auf kulturelle Teilhabe.

Mit der Corona-Krise steht der Verein vor dem Aus

Aktuell wird versucht, Gelder einzuwerben, um den Verein zu retten. „Wir überlegen außerdem, ob es möglich wäre, eine Aktion in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft zu starten, natürlich aus sehr großer Distanz“, berichtet Becker. Vorstellbar wäre zum Beispiel ein gemeinsamer Rap oder eine Bodypercussion.

Dass WiMu den Kindern mit Rat und Tat zur Seite steht, weit über das Musikalische hinaus, erlebte auch Angelina, die ebenfalls bei Anna Mavrommatis Geige lernt. „WiMu hat mir ungeheuer geholfen, als es hieß, dass wir abgeschoben werden sollen.“ Angelina ist Armenierin. Zusammen mit ihren Eltern floh sie mit zwölf Jahren eines Nachts aus der Ukraine. Sehr vieles, was sie liebte, musste sie dort zurücklassen: „Vor allem meine Geige.“ In Würzburg sah sie keine Chance, an ihre musikalische Leidenschaft anzuknüpfen. Niemals, so Angelina, hätten ihre Eltern das Geld gehabt, um ihr Geigenunterricht zu finanzieren.

Und auch für Osama wären die ersten Monate in Würzburg höchstwahrscheinlich sehr deprimierend gewesen, wäre er nicht durch Zufall auf WiMu gestoßen. „WiMu-Musiker kamen damals zu uns in die Unterkunft.“ Einer der Musiker erfuhr zufällig, dass Osama eine Geige im Fluchtgepäck hatte. „Die stammt von meinem Onkel aus Amerika“, erklärte der junge Syrer. Schon als Kind hatte sich Osama sehnlich eine Geige gewünscht. Doch dafür hatten die Eltern kein Geld. Aus dem gleichen Grund hätte der Jugendliche nicht an Musikunterricht teilnehmen können. Irgendwann kam der Onkel zu Besuch und brachte eine Geige mit: „Über Youtube-Videos versuchte ich, mir das Geigenspiel beizubringen“, erzählt Osama. Durch WiMu aber erst erlebte er, was einen richtig guten Instrumentalunterricht mit professionellen Musikpädagogen ausmacht. „Erstmals erlernte ich mein Instrument auf strukturierte Weise.“

In der Corona-Krise hat die solidarische Musikschule ihr Engagement sogar noch erweitert. Sie ist Teil der Würzburger „Corona Hilfe“, die in Abstimmung mit der Stadt versucht, Menschen aufzufangen, die von der Schließung sozialer Einrichtungen betroffen sind. Diese werden mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln versorgt. WiMu half dabei, eine Station einzurichten, in der Lebensmittelpakete gepackt und an Hilfsbedürftige geliefert werden können.
(Pat Christ)

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