Leben in Bayern

Simone Herrmann mit ihrem Jagdhund Krampus: „Man muss in diesem Beruf gut alleine sein können.“ (Foto: Lucia Glahn)

07.06.2019

Die Herrin des Waldes

Noch immer ist der Försterberuf eine Männerdomäne – Simone Herrmann ist eine der wenigen Frauen in diesem Metier und liebt ihren Arbeitsplatz in der Natur

Als Simone Herrmann vor sieben Jahren anfing, war sie die erste Försterin im bayerischen Hochgebirge. Ihr Revier reicht vom Hausberg bis zur Zugspitze. Bei Bewohnern und Waldarbeitern konnte die Naturliebhaberin Vorurteile schnell ausräumen. Sogar in den Grainauer Holzhackerverein hat man die 34-Jährige aufgenommen – als erste und einzige Frau.

Die morgendlichen Nebelschwaden lösen sich langsam auf und geben den Blick auf die Zugspitze frei, die Sonne strahlt über das noch stellenweise schneebedeckte Bergmassiv und auf Grainau. Schwungvoll steigt Simone Herrmann mit ihrem Praktikanten Simon Brandner in den Jeep. Ihr Hund Krampus, ein sechs Jahre alter Deutsch Drahthaar, wedelt voller Vorfreude. „Ja, es gibt schlechtere Arbeitsplätze“, scherzt Herrmann vergnügt.

Seit sieben Jahren ist die 34-Jährige Deutschlands „höchste Försterin“. Ihr Arbeitsplatz umfasst 4500 Hektar und 2962 Höhenmeter. Er reicht vom Hausberg bis zur Zugspitze. „Die Aufgaben sind maximal vielfältig und ich bin immer draußen“, erzählt Herrmann, während sie routiniert über Waldwege steuert. Der erste Programmpunkt an diesem Tag: Die Überprüfung des Borkenkäfer-Befalls.

Als die rund 3700 Bewohner von Grainau, die ihre Traditionen noch hochhalten, erstmals eine Frau als Försterin bekamen, hat das manche anfangs „schon etwas überrascht“, erzählt Herrmann und schmunzelt. „Das war für einige vermutlich erst einmal gewöhnungsbedürftig.“ Vorbehalte waren aber schnell ausgeräumt. Sie führt das vor allem darauf zurück, dass sie jeden gleich behandele. In Grainau gibt es beispielsweise noch das uralte sogenannte Holzrecht für bestimmte Bauernhöfe. Diese „Holzrechtler“ dürfen Holz schlagen, das ihnen die Försterin zuweist. „Das sind an die 100 Mann, die ich zu betreuen habe“, erzählt Herrmann. Dazu kommen noch die „Weiderechtler“, die einen Anspruch auf Weiden haben. „Auch da muss ich sehen, ob da alles passt.“

Die gebürtige Thüringerin, die zuvor im Pinzgau in Tirol tätig war, ist nun sogar als erste und einzige Frau Mitglied im Grainauer Holzhackerverein. „Traditionell war dort immer der Förster dabei. Ich wurde auch gefragt, ob ich mitmachen möchte“, erzählt die Diplomforstingenieurin. „Dann wurde abgestimmt – und ich aufgenommen,“ sagt sie und lacht. „Ich glaube, ich bin in das Dorf ganz gut integriert“, freut sie sich. Grundsätzlich hilfreich in ihrem Beruf sei sicher auch, dass sie vor ihrem Studium Waldarbeiterin, also Forstwirtin gelernt habe. „Ich weiß, was es heißt, Bäume zu schlagen, was geht, und was nicht geht.“ Auch mit den Waldarbeitern versteht sie sich bestens: „Da habe ich es super getroffen.“

Herrmann hält am „Borkenkäfernest“. In die vom Wind gestürzten Bäume und Äste fiel vergangenes Jahr der gefürchtete Käfer ein. Mit federnden Schritten flitzt Herrmann hinter Krampus den Hang hinauf, und sieht sich konzentriert um. An einem querliegenden Stamm schabt sie etwas Rinde und den darunter liegenden Bast weg. „Da! Ein Borkenkäfer.“ Sie nimmt einen winzigen schwarzen Punkt auf die Hand. „Da sind schon einige unterwegs, zum Glück war es jetzt lange kalt“, sagt sie. „Das gibt uns Zeit, bis er fliegt, und die brauchen wir.“ Denn wenn es warm und heiß ist, „explodiert die Population regelrecht.“ Borkenkäfersuche vor allem in steilen Hanglagen steht jetzt daher ganz oben auf der Dringlichkeitsliste. „Bei viereinhalbtausend Hektar ist es schwierig, alle Brutstätten zu finden.“

Momentan ihre größte Sorge: der Borkenkäfer

Seit drei Jahren machen die sogenannten Buchdrucker den Fichten im Revier schwer zu schaffen. „Das ist momentan unsere größte Sorge“, sagt Simone Herrmann. Besonders gern brüten die Tiere in vom Schnee oder Wind abgebrochenen Bäumen. Die muss ich finden, und das Holz vorher ‘rausbringen, bevor der Käfer fliegt und neue Bäume befällt“, erklärt sie und schlägt ein Stück Rinde von einer Fichte ab. Während sie durch das Gehölz stapft, sieht sich die Försterin erfreut um. „Viele regen sich ja auf, wenn sie so etwas hier sehen, weil es so unaufgeräumt wirkt.“ Sie lacht. „Aber Totholz ist Leben, das sind Nährstoffe, die Stämme bieten Tieren eine Lebensgrundlage, das hier ist sozusagen ein kleiner Mini-Nationalpark.“

Dann geht es weiter an den Eibsee. Dort möchte sich Herrmann den ausgebesserten Rundweg ansehen – sie muss sich auch um die Forstwege kümmern – und den „Verbisspunkt“ prüfen. Jedes Jahr kontrolliert sie dort, wie stark das Wild die jungen Pflanzen angeknabbert hat. Um anderen Baumarten das dringend nötige Licht und Platz zu verschaffen, ließ sie einige Bäume fällen. Am liebsten würde sie alles ohne Auto erledigen, doch dazu ist das Gebiet zu groß. „Aber einen halben Tag bin ich täglich mindestens zu Fuß unterwegs.“

Herrmann hält an einer Schneise, in die das Sonnenlicht einfällt. Unten blitzt der Eibsee. Jetzt geht es zu Fuß steil nach oben, Herrmann steht mitten im Steilhang. Akribisch vermisst Praktikant Simon Brandner, er hat einen Master in Forstwissenschaft, den Nachwuchs und prüft den Verbiss. Herrmann notiert alles in einer Liste, dann strahlt sie. „Das hier sieht super aus, alles an Bäumen da, und kaum Verbiss.“ Rehe und Rotwild lieben nämlich Tanne, Buche und Laubhölzer. „Das ist für die wie Vollmilchschokolade, Fichte fressen sie erst einmal nicht, das ist eher Zartbitter.“ Dann ruft sie begeistert: „Da ist ja eine kleine Eibe. Die ist etwas ganz Besonderes.“ Ihr Plan, einen gesunden Mischwald aus Tanne, Buche und Fichte zu fördern, scheint aufzugehen. „Viele denken, wir machen nur Holz, aber so ist es nicht. Wir müssen schließlich nachhaltig arbeiten“, betont die Försterin.

Herrmann muss den Naturschutz im Auge haben und sich an Vorgaben halten. Auch beim Jagen. Das jüngste Verbissgutachten des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ist wenig erfreulich. „Da gibt es die Kategorien grün, gelb, rot. Und wir sind rot, das heißt, bei uns ist die Bissbelastung zu hoch“, sagt Herrmann. Nachdem die Abschussquote deshalb erhöht wurde, müssen die Berufs-, die Privatjäger und sie selbst heuer mehr Wild jagen, als im vergangenen Jahr. Nicht jeder Jäger ist damit einverstanden. „Ein sensibles Thema“, meint Herrmann. Es gibt aber auch Ruhezonen für die Tiere, wie im Naturschutzgebiet Höllental, wo nicht gejagt wird. „Wenn der Wald aber irgendwo ausfällt, habe ich ein Problem mit Wasser, Steinschlag, mit Murenabgängen und da muss ich schon sehen, dass ich einen stabilen Bergmischwald hinbringe,“ erklärt sie. Das macht sie auch mithilfe von Anpflanzungen. Etwa unter der neuen Zugspitzbahn, ihrer nächste Etappe.

Fällen, Jagen, Pflanzen: Die Aufgaben sind vielfältig

Herrmann fährt hinauf bis zur einzigen Seilbahnstütze. Da sich die Bahn um ein paar Meter verschoben hat, musste ein Streifen Wald abgeholzt werden. „Hier müssen wir nachpflanzen, damit das nicht für Wind anfällig ist.“ Es ist merklich kühler hier oben. Schnell spurtet die Försterin den Hang hinauf und sichtet, was verbissen ist. Mit ihrer Sprühdose markiert sie die Bäumchen in grellem Pink, um sich einen Überblick zu verschaffen. Dann erklärt sie ihren Plan: „Also, wir pflanzen Lärche, die kommt super mit dem Standort hier zurecht, und das Wild mag sie nicht so gern.“ Herrmann sieht sich erneut um. „Dann schütze ich die Tannen, die schon da sind, mit einem Verbissschutz und kann mir so sparen, sie zu pflanzen.“ Krampus winselt ungeduldig, doch schon geht es weiter.

Die Arbeitstage von Simone Herrmann sind gut gefüllt. Nicht nur ihr Hund liebt es, ständig draußen unterwegs zu sein. „Grün entspannt, das ist ja nachgewiesen“, sagt sie und lächelt. Im Flachland Försterin zu sein, kann sie sich nicht vorstellen, sie wollte in das Gebirge. „Man muss in diesem Beruf schon auch gut allein sein können.“

Zurück in ihrem Büro im Rathaus von Grainau, an dessen Wand das imposante Geweih eines alten Rothirschen hängt, den der Hund im Wald gefunden hat. In der Ecke ein ausgestopfter Birkhahn, viel Holz. Zufrieden stellt Herrmann den kleinen Staubsaugerroboter zurück, der inzwischen sauber gemacht hat. Tradition und Moderne – bei ihr hat beides Platz.
(Lucia Glahn)

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Kommentare (2)

  1. HN am 07.06.2019
    Lieber MH,

    die „Alarmstufen“ stammen aus dem Verbissgutachten der Bayerischen Forstverwaltung- ein einfaches Ampelsystem zur Verdeutlichung der Gesamtsituation. Der Wald konnte übrigens schon immer wachsen, bei hohem Wildverbiss allerdings entmischt - also ohne die erforderlichen, stabilen Mischbaumarten neben der anfälligen Fichte.

    Der Vorwurf des Verzichtes auf Elterntierschutz ist schlicht falsch und polemisch und selbstverständlich muss man sich mit Symptomen auseinandersetzen, da unsere Zivilisation keine Wanderbewegungen des Rotwildes mehr zulässt. Dieser Zustand wird auf absehbare Zeit bestehen bleiben...eine Beseitigung der Ursache ist völlig utopisch.

    MfG
  2. MH am 07.06.2019
    Wer hat eigentlich die "Alarmstufen" festgelegt und seit wann? Wie konnte früher der Wald nur wachsen ohne den massenhaften Abschuß von Reh- und Rotwild, inzwischen sogar ohne Rücksicht auf den Elternschutz? Und wohin soll das Rotwild im Winter absteigen, wenn der Mensch die Tallagen für sich beansprucht? Die Lösung der Forstbehörden zielt auf das Symptom, nicht auf die Ursache.

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