Leben in Bayern

Julian Wendel mit der Urkunde des Bürgersozialpreises der Stadt Würzburg, den er für sein vielfältiges Engagement erhielt. (Foto: Pat Christ)

08.01.2021

"Die Krise macht uns wieder unsichtbar"

Der Würzburger Julian Wendel hat für sein Inklusions-Engagement schon viele Auszeichnungen bekommen – doch angesichts der Pandemie bangt er um seine Erfolge

Aufgrund einer spinalen Muskelatrophie sitzt Julian Wendel seit seiner Kindheit im Rollstuhl. Doch trotz seines starken Handicaps engagiert er sich vielfach: als Schöffe im Landgericht, im Behindertenbeirat und als Organisator von inklusiven Sportveranstaltungen. Doch Corona und Lockdown treffen Menschen mit Behinderungen besonders hart: Viele sitzen seit März in ihren Wohnungen fest.

Die Pandemie betrifft jeden, allerdings in unterschiedlichem Maß. Besonders hart betroffen sind Menschen mit Handicap. „Ich habe Bekannte, die ihre Wohnung seit Mitte März kaum mehr verlassen“, sagt Julian Wendel. Der 36-jährige Würzburger, der aufgrund einer Muskelerkrankung schwerbehindert ist, findet das bedenklich. Auf diese Weise werden Leute mit Beeinträchtigung wieder unsichtbar, betont er.

Wendel will nicht in Abrede stellen, dass das Virus gerade für Menschen mit Handicap gefährlich sein kann. Eben deshalb versuchen viele, sich bestmöglich zu schützen. „Doch für mich stellt sich auch die Frage nach den Nebenwirkungen“, sagt der Würzburger. Soziale Kontakte seien gerade für behinderte Menschen sehr wichtig. Der Rückzug aus Angst, sich anzustecken, verlangt nach seiner Einschätzung einen hohen Preis. Die Betroffenen drohen zu vereinsamen. Aber auch der Prozess der Inklusion läuft Gefahr zu stagnieren. Im Moment kann niemand in ein Café oder Restaurant gehen, das Leben findet weitgehend in den eigenen vier Wänden statt.

Menschen mit Handicap drohen zu vereinsamen

Doch selbst in der Interimszeit zwischen den beiden Lockdowns waren Menschen mit Behinderung weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Zum einen wegen der Selbstisolierung. „Sie waren aber auch die ersten, die ins Homeoffice geschickt wurden.“ Wendel sieht das kritisch, weil er sich seit Jahren dafür einsetzt, dass Bürger*innen mit Beeinträchtigung präsenter werden. Deshalb engagiert er sich trotz seines starken Handicaps vielfach: zum Beispiel als Schöffe vor dem Würzburger Landgericht oder im städtischen Behindertenbeirat. Auch wenn es zurzeit nicht möglich ist, sich mit anderen Menschen zu treffen, bleibt Wendel aktiv. Das Internet macht das möglich. Gerade habe er sich mit der nächsten Veranstaltung von No Limits! beschäftigt, berichtet der studierte Psychologe. No Limits ist ein inklusives Sportfest, das alle zwei Jahre in Würzburg stattfindet. Stars des Behindertensports versuchen dabei, Barrieren im Kopf zu beseitigen. 2019 zum Beispiel war Nadia Schumann zu Gast. Die Würzburgerin verlor 2007 bei einem Unfall beide Beine. 2015 hatte sie den Mut, als erste Frau im Handbike am Langstrecken-Radrennen „Store Styrkeprøven“ von Trondheim nach Oslo teilzunehmen.

Wer Persönlichkeiten wie Nadia Schumann begegnet, denkt plötzlich ganz anders über Menschen mit Behinderung: Die können ja enorm viel leisten! Genau diesen Aha-Effekt will No Limits! auslösen. Im Mai 2021 hätte das inklusive Sportfest zum fünften Mal stattfinden sollen. „Doch wir haben inzwischen keine Hoffnung mehr, dass wir die Veranstaltung durchführen können“, sagt Julian Wendel, der sich im Netzwerk Inklusionssport Mainfranken, dem Ausrichter von No Limits! engagiert. Womit klar ist, dass es auch in diesem Jahr deutlich weniger Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung geben wird. Auch wenn es in der warmen Jahreszeit besser zu sein scheint mit dem Virus, möchte das Netzwerk keine Veranstaltung wagen, bei der eine große Zahl von behinderten Menschen zusammen kommt. Wendel akzeptiert das. Wobei er sich auch in der Pandemie stark für den Behindertensport einsetzt. Dies tut er zum einen als Vorsitzender des Fachbereichs Elektro-Rollstuhl-Sport im Deutschen Rollstuhl-Sportverband. Zum anderen ist er in Würzburg bei der Powerchair Hockey-Mannschaft Ballbusters engagiert. Aktuell findet kein Training statt. Das, befürchtet Wendel, könne sich gesundheitlich negativ auswirken.

Wendel hat in seinem Leben sehr viel von dem erreicht, was er erreichen wollte. Dass er trotz seiner schweren Behinderung immer frei leben konnte, hat er seinen engagierten Eltern zu verdanken. Als Wendel 13 Monate alt war, stellten die fest, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmte: Der Junge krabbelte nicht, lernte nicht Laufen. Ärzte diagnostizierten eine schwere Form der Spinalen Muskelatrophie. Ein völlig „normales“ Leben würde ihm nie möglich sein.

Dennoch schwebte Wendels Eltern als Ziel vor, ihren Sohn so normal wie möglich aufwachsen zu lassen. Eine Sondereinrichtung lehnten sie ab – was vor 35 Jahren geradezu revolutionär war. Sie gründeten einen integrativen Kindergarten. Der wurde von Julian und seinem zwei Jahre jüngeren, ebenfalls muskelkranken Bruder, drei weiteren Kindern mit Handicap sowie zehn nicht behinderten Kindern besucht. Nach der Kita, wünschten die Eltern, sollte Julian auf eine reguläre Grundschule gehen. Einen Rechtsanspruch darauf gab es damals nicht. Das Wort Inklusion war noch völlig unbekannt. Alles in allem sei eine Fülle von Schwierigkeiten zu überwinden gewesen. „Ich musste zu einem Psychologen gehen, der mir bestätigte, dass ich die Intelligenz für die Grundschule besaß“, erinnert sich Wendel. Auch hatte der Sechsjährige eine halbjährige Probezeit zu bestehen. Wendels Mutter pilgerte jeden Tag vier Mal zum Schulhaus, um ihr Kind sieben Treppenstufen vor dem Schulgebäude hoch- und herunterzutragen: „Sie brachte mich morgens hin, kam in der ersten und zweiten Pause und holte mich nach Schulende ab.“ Erst als der Junge die Probezeit mit Bravour bestanden hatte, investierte die Schule in einen Treppenlift.

Zu jener Zeit ging man noch sehr unsensibel mit behinderten Menschen um. Die meisten landeten in einer stationären Einrichtung. Ob sie das wollten, danach wurde nicht gefragt. Für ihn, sagt Wendel, wäre ein Heim unvorstellbar: „In einer Einrichtung könnte ich niemals meinen zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten nachgehen, jedenfalls nicht in diesem Umfang.“ Zwischen 25 und 30 Stunden in der Woche engagiert sich Wendel unbezahlt. Sieben persönliche Assistenten, die abwechselnd im Einsatz sind, unterstützen ihn bei der Bewältigung des Alltags wie auch bei seinem Engagement.

Man muss Menschen mit Behinderung nicht mit Glacéhandschuhen anfassen. Es braucht im Umgang weder eine „besondere“ Behutsamkeit noch gar betuliches Gehabe. Männer und Frauen mit Handicap wollen ganz normal behandelt werden – unter Berücksichtigung ihrer speziellen Bedarfe. Wendel setzt sich dafür ein. Was ihm inzwischen schon mehrfach Ehren eingetragen hat. So wurde er vor zwei Jahren von der Stadt Würzburg mit dem Bürgersozialpreis ausgezeichnet.

Der Bundestag lud ihn als Sachverständigen ein

Charakteristisch für den 36-Jährigen ist, dass er sich nie im Ton vergreift, auch nicht in heiklen Situationen. Das fällt nicht jedem leicht: Permanente Ausgrenzungen durch Barrieren führen manchmal zu Aggressivität. Wegen seiner kooperativen Art wurde Wendel Anfang 2020 als Sachverständiger zum Thema „Bürgerschaftliches Engagement“ in den Bundestag eingeladen. „Mir ist es wichtig, dass Behinderte nicht nur im Bereich der Selbsthilfe für Menschen mit Behinderung tätig sind, sondern dass sie überall, also auch für Menschen ohne Behinderung, arbeiten“, hatte er bei der Anhörung betont. Hier bestehe immer noch sehr viel Nachholbedarf. Wo sind, um ein Beispiel herauszugreifen, in den Parlamenten der Kommunen, der Landtage und des Bundestags Rollstuhlfahrer, Blinde oder Menschen mit Hörbehinderung? Auf welche Podien werden Menschen mit Handicap eingeladen? Die Welt ist noch lange nicht inklusiv, denn nach wie vor, so Wendel, werden Menschen mit Handicap in erster Linie als Empfänger von Hilfeleistungen wahrgenommen. Ihr Wunsch, ganz normal wie andere auch in der Gesellschaft mitzumachen, als Ansprechpartner aufzutreten und als solcher akzeptiert zu werden, bleibt in vieler Hinsicht unberücksichtigt.

Wendel ist stark genug, mit Barrieren und Vorurteilen fertig zu werden. Das hat er dem Rückhalt durch seine Eltern zu verdanken. Und vor allem seiner Vision von einer Welt, in der es nicht weiter erwähnenswert ist, dass jemand ein Handicap hat. Weil Menschen mit und ohne Behinderung zusammen lernen und zusammen arbeiten. Und weil Partnerschaften von Menschen mit und ohne Behinderung nichts Besonderes mehr sind.
(Pat Christ)

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