Leben in Bayern

Fasziniert von Krähen: Auguste von Bayern liebt diese „hochsozialen, liebenswürdigen Wesen“. (Foto: Andreas Müller)

07.05.2021

Die Prinzessin und die Krähen

Auguste von Bayern erforscht Rabenvögel und Papageien – für ihr Engagement gegen das Artensterben wurde die Wissenschaftlerin mehrfach ausgezeichnet

Ihre Faszination für Tiere wurde bei Auguste von Bayern bereits in der Kindheit geweckt. Als Schülerin zog sie Gänse auf, die ihr auf Schritt und Tritt folgten. Heute ist die 41-Jährige eine international anerkannte Ornithologin. Aktuell ist sie mit einem Münchner Projekt beschäftigt: Das geplante Naturkundemuseum Biotopia soll auch das Thema Artenschutz noch mehr ins Bewusstsein rücken.

Ob Rabenkrähen oder Dohlen – Vögel sitzen gerne auf ihrer Schulter: Auguste Prinzessin von Bayern ist Tierfreundin, leidenschaftliche Artenschützerin und international anerkannte Ornithologin. Ihre Studien über die Intelligenz von Rabenvögeln, die so klug sind wie Menschenaffen, oder über das Sozialverhalten von Papageien sorgten weltweit für Aufsehen. Mit vollem Einsatz engagiert sich von Bayern außerdem gegen das dramatische Artensterben. Auch das geplante Naturkundemuseum Biotopia in München, das zu einem der führenden Museen für Life Sciences werden soll, werde das Thema Artenschutz ins Bewusstsein rücken, sagt die Wissenschaftlerin. Sie ist Vorsitzende im Förderkreis Biotopia – Naturkundemuseum Bayern. „Für dieses Projekt opfere ich gerade sehr viel Zeit.“

Schon in ihrer Kindheit begeisterte sich Auguste von Bayern für Tiere und Natur. Von klein auf wollte sie Verhaltensforscherin werden. „Ich hatte viel Kontakt zu Tieren und Wildtieren“, erzählt von Bayern. „Die Tierbegeisterung steckte in mir, weil in meiner Familie alle an Natur interessiert waren.“ Ihre Großmutter zum Beispiel. „Sie war immer von Wildtieren umgeben, die sie gesund pflegte“, so von Bayern. Und auch ihre Eltern, Luitpold Prinz von Bayern und Prinzessin Beatrix, seien sehr forschungsbegeistert. Ein besonderer Impuls für den Wunsch, Verhaltensforscherin zu werden, sei aber ihre Begegnung als Jugendliche mit der Verhaltensforscherin Jane Goodall gewesen.
Bereits in der Schule schrieb von Bayern eine Facharbeit über die Prägung und Aufzucht von Kanadagänsen. „Das war wohldurchdacht“, sagt sie und lacht. Was die Lehrer nicht berücksichtigt hatten: Die jungen Gänse folgten von Bayern überall hin, auch ins Klassenzimmer. Schließlich wurde die Schülerin samt Nachwuchs auf den Schulhof verbannt – und zu Hause in die Gartenhütte. „Das war herrlich“, erinnert sich von Bayern und schwärmt: „Es ist unglaublich, wenn die Wildgänse fliegen lernen und einen dann aus der Luft rufen und wieder landen.“

Katzenschreck: eine Krähe, die wie ein Hund bellt

Nach dem Studium in München und Kapstadt und ihrer Promotion in Cambridge über die Intelligenz der Dohle stieß von Bayern zu einer neu gegründeten Forschungsgruppe über Rabenvögel in Oxford. Ihr Doktorvater war der Erste, der die Klugheit dieser „gefiederten Schimpansen“ entdeckt hatte. In Cambridge und Seewiesen führte von Bayern viel beachtete Studien durch. So fand sie etwa zusammen mit Wissenschaftler*innen der Universität Oxford heraus, dass Geradschnabelkrähen Werkzeuge aus mehreren Komponenten herstellen, um an ihr Futter zu gelangen – und zwar mit bis zu fünf Stöckchen. „Kinder beginnen erst zwischen fünf und acht Jahren, Werkzeuge zu erfinden“, betont von Bayern. Außerdem kann diese neukaledonische Krähenart sehr flexibel Probleme lösen. „In einer Studie benutzten sie spontan Steine als Werkzeug, aber erst, nachdem sie den Mechanismus einer Klappe verstanden hatten.“

Beeindruckt ist die Forscherin auch von der Fähigkeit der Vögel, sich in andere Tiere hineinzudenken. Dass sie das können, fand sie in einem Versuch heraus. So verstecken Rabenkrähen ihr Futter vorsichtshalber an einem anderen Ort, wenn sie beobachtet werden. Schließlich stehlen sie selbst auch gerne mal einen versteckten Happen. Von Bayern kann von vielen faszinierenden und auch lustigen Erlebnissen mit ihren gefiederten Freunden berichten. „Einmal ärgerte ich mich sehr, weil mich jedes Mal, wenn ich gerade einen Test machte, ein Student rief und störte“, erzählt sie. „Doch dann bemerkte ich, dass es eine von den Krähen war, die seine Stimme perfekt nachmachte.“

„Sensationell“ findet die Wissenschaftlerin auch das Verhalten einer Krähe, die mehrere Tage hintereinander auf dem Dach saß und wie ein Hund bellte, um die Katze von ihrem Fressnapf im Garten zu vertreiben, wie ihr geschildert wurde. Anschließend stürzte sich der Vogel selbst auf das Futter. Dass Rabenvögel bei manchen immer noch völlig zu Unrecht einen schlechten Ruf haben, bedauert die Vogelexpertin sehr: „Das sind hochsoziale, liebenswürdige Wesen mit einer unglaublichen Ausstrahlungskraft.“

Ebenso klug und sozial sind Papageien. Das fand Auguste von Bayern zuletzt in einer Studie in einer Forschungsstation auf Teneriffa heraus. Bei einem Versuch schoben Graupapageien völlig selbstlos ihren Artgenossen Münzen zu, mit denen diese Futter einlösen konnten. Sogar dann, wenn sie selbst nichts davon hatten. Und auch, wenn sie ungerecht benachteiligt wurden, gab es unter den Vögeln keinen Neid. „Das ist ungewöhnlich, weil Primaten mit ihrem „sense of fairness“ bei Ungerechtigkeiten regelrecht austicken“, so von Bayern.

Geistig sind Papageien auf dem Niveau von Rabenvögeln, Delfinen und Primaten. Nun möchte von Bayern bei den Vögeln die Entwicklung der Imitierfähigkeit untersuchen, um dadurch auch über die Evolution menschlicher Sprache zu lernen. Denn trotz vieler Erkenntnisse stehe man bei der Kognitionsforschung noch ganz am Anfang.

Vor allem aber ist auch das globale Artensterben ein Thema, das von Bayern unter den Nägeln brennt. Für ihr Engagement für den Artenschutz wurde die gebürtige Wittelsbacherin vom bayerischen Umweltminister Thorsten Glauber zur Botschafterin für Natura 2000 ernannt. Es sei eine der massivsten Herausforderungen unserer Zeit. „Wir befinden uns im größten Massenaussterben der Erdgeschichte seit dem Aussterben der Dinosaurier, und das bedroht auch unsere Lebensgrundlagen“, warnt von Bayern, die Leiterin der Gruppe Vergleichende Kognitionsforschung am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen. Der Mensch lasse den Tieren und der Natur kaum noch Raum, ganze Ökosysteme kollabierten. Im Gegensatz zur Klimakrise sei dieses Ausmaß vielen aber noch nicht bewusst, so von Bayern. Nun komme es auf unser Verhalten in den nächsten 15 Jahren an. „Gleichzeitig sind wir jetzt an einem Punkt, an dem sich das Leben durch die Biowissenschaften völlig wandeln wird“, betont die 41-Jährige. Schon jetzt könne man etwa DNA drucken, durch genmodifizierte Mikroorganismen Medikamente herstellen oder Plastik zersetzen. Auf solche Entwicklungen, die manche vielleicht an einen Science-Fiction-Film erinnern, seien die Menschen allerdings nicht vorbereitet.

Digitales Vogelkonzert für die stade Lockdown-Zeit

Um das zu ändern, setzt sich von Bayern mit vollem Elan für das Biotopia ein, das nicht nur ein Museum sein soll, sondern auch eine Bildungsplattform und ein Diskussionsforum, „das Begeisterung und Verständnis mit allen Sinnen für Lebenswissenschaften wecken und die Menschen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur motivieren möchte“, erklärt von Bayern.

Einen kleinen Vorgeschmack auf das Biotopia, das neben dem Schloss Nymphenburg entstehen soll, bietet das gerade eröffnete kleine Biotopia Lab im Botanischen Garten in München. Dies soll die Zeit bis zur Biotopia-Eröffnung – der Termin steht noch nicht fest – überbrücken. Auch Festivals und weitere Programme sind in Planung.

So geht seit Anfang Mai beispielsweise das „Dawn-Chorus“-Projekt weiter. Entstanden ist dieses digitale Vogelkonzert im ersten Lockdown im vergangenen Jahr. Frühaufsteher*innen auf der ganzen Welt nahmen den Morgengesang von Vögeln auf und luden ihn auf die Biotopia-Plattform hoch. „Das lief sehr gut und wurde als Beitrag für die biologische Vielfalt der UN-Dekade geehrt“, freut sich von Bayern. Jetzt gibt es eine benutzerfreundliche App und die wachsende globale Datenbank soll künftig mithilfe von KI automatisch ausgewertet werden. Die Verfolgung von Bestandsentwicklungen werde so möglich. Denn viele Vogelarten kämpften ums Überleben, vor allem der Bestand der Wiesenbrüter schrumpfe dramatisch, bei einigen Arten um bis zu 75 Prozent, betont von Bayern.

Von Bayern wohnt mit ihrer Familie und einer Kolonie von wilden Dohlen, Turmfalken und Gänsesägern in Leutstetten. Um Vögeln Wohnraum zu bieten, baut sie selbst Nistkästen. Hilfe bekommt sie dabei von ihren drei Söhnen, die zwischen drei und sieben Jahre alt sind.
(Lucia Glahn)

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