Leben in Bayern

Die beiden Holzbildhauer-Meisterschüler Matthias Karré (von links) und Fridolin Bär sind mit der neuen Gedenkstätte am Friedhof am Perlacher Forst ebenso zufrieden wie Münchens Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD). (Foto: Stäbler)

01.12.2022

Die Rückeroberung einer Gedenkstätte

Auf dem Höhepunkt der Anti-Corona-Proteste ist es auch am Ehrengrab der Geschwister Scholl auf einem Münchner Friedhof zu Aufmärschen der Querdenken-Bewegung gekommen. Dies veranlasste die Stadt, dort einen Gedenkort zu errichten. Er soll zum Verweilen einladen – aber auch zum Nachdenken

Dem Aufruf der Gruppe „Querdenken 089“ sind gerade mal 25 Menschen gefolgt. Sie haben sich an diesem ungewöhnlich milden Novembertag vor zwei Jahren zu einer Kundgebung vor dem Friedhof am Perlacher Forst in München versammelt. Dort protestieren sie nicht nur gegen die Corona-Auflagen, sondern vergleichen ihren Protest auch mit dem Widerstand der Weißen Rose zur NS-Zeit – unter anderem durch eine Lesung aus dem Buch Die sanfte Gewalt – Erinnerungen an Inge Aicher-Scholl.

Der Ort der Kundgebung ist nicht zufällig gewählt. Denn hinter den Friedhofsmauern liegt das Ehrengrab der Geschwister Scholl und von Christoph Probst, die im Februar 1943 von den Nazis ermordet wurden. Die Namen der Weiße-Rose-Mitglieder werden in diesen Tagen regelmäßig bei Anti-Corona-Protesten instrumentalisiert. Und auch an den letzten Ruhestätten der Geschwister Scholl und von Christoph Probst treffen sich mehrfach Mitglieder der Querdenken-Bewegung zu Aufmärschen.

„Wir wollten hier intervenieren“, blickt Heino Jahn, der Leiter der Städtischen Friedhöfe, auf die Ereignisse im vorvergangenen Winter zurück. Und so sei die Idee entstanden, direkt gegenüber dem Ehrengrab eine Gedenkstätte zu errichten, den sogenannten Denkraum. Dieser ist nun feierlich eröffnet worden – im Beisein von Vertreter*innen der Stiftung Weiße Rose, des NS-Dokumentationszentrums, des Instituts für Stadtgeschichte und Erinnerungskultur im Kulturreferat sowie der Städtischen Berufsfachschule für das Holzbildhauerhandwerk, die allesamt in das Projekt involviert waren.

Zur Zeit der Querdenken-Aufmärsche in und vor dem Friedhof sei zufällig eine Grabstätte vis-à-vis dem Ehrengrab frei geworden, erzählt Heino Jahn. Zudem habe die Stadt eine danebenliegende Fläche erwerben können, sodass ausreichend Platz für den Denkraum zur Verfügung stand. Um Ideen für dessen Gestaltung zu sammeln, wurde ein Wettbewerb unter Schüler*innen der Meisterklasse der Berufsfachschule für das Holzbildhauerhandwerk in München ausgelobt. Unter neun Einreichungen setzte sich letztlich der Entwurf von Fridolin Bär und Matthias Karré als Sieger durch.

Nachdenken ohne erhobenen Zeigefinger

Ihr circa vier mal drei Meter großes „Memorial“ verstehe sich als „Ort der Besinnung und Information“, sagt Fridolin Bär. Man wolle die Besuchenden des Ehrengrabs zum Nachdenken einladen – jedoch ohne erhobenen Zeigefinger, betont der 27-Jährige. „Wer will, kann dort auch einfach nur verweilen.“ Hierzu gibt es im Denkraum eine U-förmige Sitzgruppe, die sich zum gegenüberliegenden Ehrengrab hin öffnet und aus alten, übereinandergestapelten Grabsteinen besteht. In der Mitte ist eine Vertiefung, die einen Perspektivwechsel erlaube, „sodass man sich auch gedanklich auf eine andere Ebene begibt“, erläutert Matthias Karré.

Monatelang haben die beiden angehenden Holzbildhauermeister an ihrem Entwurf getüftelt. „Die große Herausforderung war, dass es sich um einen sehr sensiblen Ort handelt“, sagt Fridolin Bär. „Der Denkraum sollte einerseits nicht zu aufdringlich sein, andererseits aber auch nicht zu wenig machen.“

Am Ende einer „Gratwanderung“ entschied sich das Duo für einen QR-Code auf einem der Steinquader. Dieser verlinkt auf die Webseite der Stiftung Weiße Rose und zu weitergehenden Informationen über die Mitglieder der studentischen Widerstandsgruppe, die mittels Flugblättern zum Protest gegen das Hitler-Regime aufrief. „Der QR-Code soll auch widerspiegeln, wie Flugblätter in der heutigen Zeit aussehen könnten“, sagt Matthias Karré.

Die Aufmärsche der Querdenken-Bewegung, die der Stein des Anstoßes bei diesem Projekt waren, seien bei ihrer Arbeit „durchaus ein Thema gewesen“, sagt Fridolin Bär – einerseits. Andererseits betont der 27-Jährige: „Der Denkraum soll nicht gegen irgendetwas arbeiten, sondern für eine umfassende Erinnerungskultur.“ Seitens der Stadt München ist der neue Gedenkort jedoch zweifelsfrei auch als Signal in Richtung jener Menschen gedacht, die den Namen von Sophie Scholl und anderen Widerstandskämpfern für ihre Zwecke missbrauchen.

„Die Ziele, für die die Weiße Rose gekämpft hat, nämlich gegen Krieg, gegen Unterdrückung und gegen Gewalt, sind heute aktueller denn je“, sagte Münchens Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) bei der Eröffnung. Mit dem neuen Denkraum gegenüber den Gräbern von Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst verschaffe man dem Gedenken an diese Widerstandskämpfer „einen angemessenen Raum in der Öffentlichkeit“.

Dies soll auch dabei helfen, die Absurdität mancher Vergleiche aus der Querdenken-Szene zu entlarven. Oder wie es Mirjam Zadoff, die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums, bei der Eröffnung formulierte: „Die Mitglieder der Weißen Rose wurden benutzt dafür, um gegen die Demokratie zu arbeiten – und nicht dafür.“

Prominentestes Beispiel war eine junge Frau, die im November 2020 bei einer Querdenken-Demo in Hannover kundtat: „Ja, hallo, ich bin Jana aus Kassel. Und ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde.“ Ihr verquerer Vergleich wurde vielfach im Netz geteilt – ebenso wie die Reaktion eines Ordners, der dies als „Schwachsinn“ abtat und betonte: „Sie verharmlost den Holocaust!“

Proteste mit Bezug zu NS-Opfern

Doch nicht nur Jana aus Kassel verstieg sich bei Kundgebungen der Querdenken-Bewegung zu historisch unsinnigen Vergleichen aus der Zeit der NS-Diktatur. So wurde bei Anti-Corona-Protesten immer wieder die Selbstidentifikation mit den Weiße-Rose-Mitgliedern bekräftigt. Zudem sah man dort regelmäßig Menschen mit Judenstern und der Aufschrift „ungeimpft“. Und auch Bezüge zu Anne Frank stellten die Mitglieder der Querdenken-Bewegung her.

„In der Pandemie haben sich viele Leute als Opfer gesehen, die unter den Vorgaben des Staates zu leiden hatten“, sagt Mirjam Zadoff. In der Folge hätten einige die Brücke zur Weißen Rose geschlagen. „Dabei ist diese Form des Widerstands in vielerlei Hinsicht das komplette Gegenteil“, betont die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums. „In der Corona-Pandemie konnte man ja auf die Straße gehen und protestieren, geschützt vom Demonstrationsrecht und vom Staat.“ Die Mitglieder der Weißen Rose dagegen riskierten mit ihrem Widerstand ihr Leben und wurden schließlich dafür ermordet.

An ihren Mut und ihre Zivilcourage soll nun also der Denkraum gegenüber dem Ehrengrab erinnern. Dort steht auch eine Granitschale bereit, um Geschenke oder Briefe abzulegen. Tatsächlich hätten gerade Schüler*innen, die mit ihren Klassen das Ehrengrab besuchen, oftmals das Bedürfnis, etwas zu hinterlassen, sagt Heino Jahn, Leiter der Städtischen Friedhöfe. „Außerdem wollen viele dort eine Zeit lang verweilen.“ Und hierzu gibt ihnen der neue Denkraum nun die Möglichkeit. (Patrik Stäbler)
 

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