Leben in Bayern

Die Gäste kamen aus Chicago, San Diego, Tel Aviv oder Bielefeld. Sie besuchten auch den jüdischen Friedhof. (Fotos: Wraneschitz)

16.11.2018

Die Toten des Nazi-Terrors nicht vergessen

80 Jahre, nachdem die letzten Juden aus Wilhermsdorf vertrieben wurden, besuchen Nachfahren der ehemaligen Bewohner die mittelfränkische Marktgemeinde

Früher einmal war jeder fünfte Wilhermsdorfer Bürger Jude. Heute gibt es in der Marktgemeinde im mittelfränkischen Landkreis Fürth keinen einzigen mehr. 1938 sind die letzten elf Mitbürger jüdischen Glaubens vertrieben worden. Es war der Abend des 19. Oktober 1938, als maskierte Jung-Nazis im Ort Synagoge und Wohnungen der letzten noch verbliebenen Juden verwüsteten. „Vorgezogene Reichskristallnacht“, nannten das örtliche Nationalsozialisten stolz. Wenige Tage später verkündete der damalige Bürgermeister freudig, der Ort sei „judenfrei“.

Genau 80 Jahre danach erinnerten die Wilhermsdorfer an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte auf eine besondere Weise. Ende Oktober begrüßte Bürgermeister Uwe Emmert (CSU) bei einem Empfang 19 Gäste in Wilhermsdorf. Es waren Nachkommen früherer Markt-Bewohner, die aus Chicago, San Diego, Tel Aviv oder auch Bielefeld nach Franken gekommen waren.

Viele der Vorfahren der Gäste hatten die Nazidiktatur nicht überlebt. Die Namen von 48 „Opfern des Nazi-Terrors“ stehen auf einem Gedenkstein im Ehrenhain neben der Spitalkirche. Justin Michelsohn gelang 1935 die Flucht nach Palästina. In Wilhermsdorf zitierte seine Enkelin Irith Michselsohn, Generalsekretärin der „Union progressiver Juden in Deutschland“, nun aus Briefen des Jahres 1938 – unter anderem von Menschen, die später in Konzentrationslagern umgebracht worden waren. Von Menschen, die nichts weiter gewollt hatten, als „in Frieden leben“, wie in einem der Briefe steht.

„Wir können die Vergangenheit nicht verändern. Aber wir können daraus Lehren ziehen“, sagte Irith Michelsohn. Sie betonte, dass weder die Toten vergessen werden dürfen noch die Zeugnisse der jüdischen Vergangenheit. In Wilhermsdorf gibt es davon noch eine Menge. So erinnern zum Beispiel weit über 300 Grabsteine im Judenfriedhof an ehemalige Bewohner.

Einer, der sich in Wilhermsdorf besonders verdient macht um die jüdische Geschichte, ist Robert Hollenbacher. Seit der ehemalige Hauptschullehrer 2004 in Pension ging, wendet der heute 76-Jährige viel Zeit dafür auf, sie zu erforschen und aufzuzeichnen. Die Menschen interessieren ihn, aber auch die Gebäude, die sie bewohnten. Die Meinhardts beispielsweise konnten so bei ihrem Besuch Ende Oktober das frühere Wohnhaus ihrer Familie in der Bahnhofstraße 7 anschauen. Auch die Pinselfabrik Michelsohn und Kainer existiert noch, wenn auch unter anderem Namen. Nicht zuletzt die Synagoge und das jüdische Schulhaus.

Bei seinen Recherchen hat Hollenbacher Erstaunliches herausgefunden. „Mein Urgroßvater war für die Pläne und den Bau der Synagoge verantwortlich“, erzählt er. Während 1938 die Synagogen anderswo brannten, wurden in Wilhermsdorf nur Einrichtung und Fenster zerstört. Der rote Backsteinbau, erbaut im Jahr 1893, hat heute viel von seinem ursprünglichen Glanz verloren. Vor allem im Inneren: Es wurde eine Zwischendecke eingezogen, damit daraus ein Wohnhaus entstand.

Der Architekt Johannes Geisenhof empfahl bereits 1998, die Synagoge unter Denkmalschutz zu stellen. 20 Jahre später war es so weit. Im Mai 2018 bekam das Gotteshaus seine Denkmalnummer.
Für seine Forschungen war Hollenbacher nicht nur in allen einschlägigen Archiven, er hat auch 20 Zeitzeugen befragt. Heute leben von ihnen leider nur noch drei. Aber so weiß Hollenbacher, wer in welchem Konzentrationslager starb, er kennt die Häuser, in denen die jüdischen Bewohner einst wohnten und weiß auch, welche Ehrenämter sie bekleideten.

Kürzlich hat die Gemeinde „Zeugnisse jüdischen Lebens“ mit Erinnerungstafeln versehen, darunter auch die Synagoge. Bürgermeister Emmert erklärt, man verhandle gerade mit den Eigentümern über den Kauf, der auch das jüdische Schulhaus nebst Lehrerwohnung umfassen soll. Das Problem dabei ist allerdings weniger der mittlere sechsstellige Kaufpreis, sondern die Frage, wie die Gebäude dann sinnvoll genutzt werden könnten. Irith Michelsohn appellierte beim Empfang in Wilhermsdorf eindringlich an die Verantwortlichen, die Synagoge der Nachwelt „als jüdisches Gebäude zu erhalten“. Unterstützung signalisierte Thomas Liebert, seit Anfang des Jahres Heimatpfleger des Landkreises Fürth. Er werde seine Kontakte nutzen und auch nach weiteren Fördermöglichkeiten suchen, verspricht er auf Nachfrage der BSZ.

Der Besuch der 19 Nachfahren jüdischer Wilhermsdorfer Bürger wird allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben. Und auch wenn Irith Michelsohn vor „der AfD und anderen rechtspopulistischen Verbänden“ warnte, sah sie sich ermutigt, „dass Sorge und Schmerz die Wiederkehr des Schreckens und des Terrors nicht zulassen werden“.
(Heinz Wraneschitz)

Foto: Robert Hollenbacher mit einem Bild der alten Synoagoge: Der ehemalige Lehrer erforscht die jüdische Geschichte seiner Heimat.

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