Leben in Bayern

Gemeinschaft wird großgeschrieben und alle ackern mit, auch die beiden Vorsitzenden Erich Morgenstern und Angelika Schemm (rechts). (Foto: Pat Christ)

31.05.2019

Ein Acker für 90 Hobby-Bauern

Landwirtschaft im Team entwickelt sich zum Trend in bayerischen Städten – in Schweinfurt wurde jetzt erstmals geerntet

Wo bis vor Kurzem nur Raps blühte, werden jetzt Rotkraut, Brokkoli oder Lauch angebaut. Der 2018 entstandene Verein Solidarische Landwirtschaft Schweinfurt hat das Feld in einem Vorort der Stadt gepachtet, um dort selbst Bio-Gemüse zu ziehen und zu ernten.

Es wäre so viel einfacher: Man fährt zum Discounter und greift sich aus den Regalen, was gerade angeboten wird. Salatgurken sind für 75 Cent zu haben. Spinat gibt es tiefgekühlt schon ab 30 Cent. „Doch so bequem wollen wir es gar nicht haben“, sagt Erich Morgenstern. Er und seine Mitstreiter engagieren sich seit eineinhalb Jahren im Projekt „Solidarische Landwirtschaft“ (SoLaWi) in Schweinfurt. Und investieren viel Zeit, um gutes Gemüse selbst zu ziehen.

Das Thema Landwirtschaft wird derzeit besonders heiß diskutiert. Nicht zuletzt aufgrund des erfolgreichen Bienen-Volksbegehrens in Bayern. Bauern sind in Verruf geraten. Viele glauben, dass vor allem sie daran schuld seien, dass die Insekten sterben. „Das große Problem ist, dass die Menschen überhaupt keinen Kontakt mehr zu Landwirten haben“, sagt Morgenstern, der mit dem Schweinfurter SoLaWi-Projekt auch für mehr Nähe zwischen Verbrauchern und Erzeugern sorgen will. Für ihn sind Konkurrenzdenken und einseitige Schuldzuweisungen tabu. „Im Gegenteil“, sagt er, „wir kooperieren mit Landwirten in der Gegend, sie leihen uns beispielsweise Maschinen und Geräte aus.“

Die Idee „Solidarische Landwirtschaft“ zieht seit Jahren deutschlandweit Kreise. Wobei jedes Projekt etwas anders geartet ist. Viele Initiativen suchen sich einen Betrieb, meist einen Biohof, mit dem sie kooperieren. „Wir haben bei null angefangen“, erzählt Angelika Schemm, die zusammen mit Morgenstern dem Schweinfurter SoLaWi-Verein vorsitzt. Die Initiative pachtete einen Acker mit Raps in Bergrheinfeld, einem Vorort von Schweinfurt. Dann bauten sie alles in Eigenleistung auf. Zwei Folientunnel. Einen Überseecontainer für Geräte. Und Wassertanks, die sich auf dem Containerdach befinden.

Eine SoLaWi aufzubauen, sagt Morgenstern, ist anspruchsvoll: „Man braucht eine ausreichend große Kerntruppe, auf die man sich verlassen kann.“ Mindestens ein Dutzend Männer und Frauen sollten bereit sein, die Aufbauarbeit zu leisten. Sonst droht das Projekt gleich zu Beginn zu scheitern. Morgenstern selbst hat dies bei anderen Initiativen erlebt. Mit großer Leidenschaft ging man dort anfangs ans Werk. Doch mangels Man- und Womanpower verhungerten die Projekte nach kurzer Zeit.

Die Schweinfurter SoLaWi beschloss, zwei Gärtner fest anzustellen. Einer, Til Brather, arbeitet 20 Stunden in der Woche auf den Freibeeten und in den zwei Folientunneln. Kollege Markus Löffler-Willner, zugleich Schatzmeister des Vereins, ist auf 450-Euro-Basis angestellt. Außerdem stieß vor Kurzem Steve Bittner zu der Truppe. Der 24-Jährige, der den Beruf des Holzfachwerkers erlernt hat, war längere Zeit arbeitslos gewesen. Als SoLaWi-Praktikant versucht er nun, wieder einen Fuß in den Arbeitsmarkt zu bekommen.

Jede freie Minute auf dem Acker

Rotkraut, Wirsing, Spitzkraut, Blumenkohl, Brokkoli, Lauch, Schalotten, Wilde Rauke, Spinat, Kohlrabi und Erdbeeren werden „biointensiv“ angebaut, erklärt Gärtner Til Brather. Chemie sei tabu. Durch ökologische Methoden sollen auf kleinster Fläche maximale Erträge erzielt werden. Dies geschieht durch eine intensive Kompostwirtschaft, eine ausgeklügelte Fruchtfolge, oberflächliche Bodenbearbeitung sowie einen gezielten Einsatz von Gründüngung. So bleibe der Boden fruchtbar, erklärt der Experte. Diese Methode entstand im 19. Jahrhundert in Frankreich. Pariser Marktgärtnern gelang es auf diese Weise, in einem Grüngürtel um die Metropole ganzjährig ausreichend Gemüse anzubauen. So konnte der Bedarf der Bevölkerung gedeckt werden.

In Schweinfurt ist der Anfang nun gemacht. Ende März wurde erstmals geerntet: Feldsalat und Postelein, ebenfalls ein Wintersalat, konnten den „Ernteteilern“ ausgehändigt werden. „Unser Ziel ist es, in jedem Monat Gemüse zu haben“, sagt Brather, der in Erfurt Gartenbau studierte. Zwei Jahre lang war er Versuchsleiter am Studienstandort Witzenhausen der Uni Kassel, wo über ökologische Agrarwissenschaft geforscht wird. Irgendwann später, so der Wunsch des Vereinsvorstands, soll es auch Hühner geben. Über den Einbezug von Kühen in das Projekt wird ebenfalls nachgedacht. Dazu müsste sich das Projekt flächenmäßig erweitern.

Viele Menschen legen heute Wert auf gesunde Lebensmittel. „Die Frage, ob sie dafür jedoch selbst etwas tun, steht auf einem ganz anderen Blatt“, sagt Morgenstern. Die Sympathiebekundungen und das große Interesse, das dem Vereinsvorstand bei öffentlichen Auftritten entgegenschlägt, spiegeln sich nicht eins zu eins im konkreten Einsatz für die SoLaWi. So falle es vielen Menschen schwer, sich zu verpflichten, Ernteteiler bei der Initiative zu werden und damit ein Jahr lang das erzeugte Gemüse abzunehmen. „Doch wir brauchen diese Verpflichtung“, so Morgenstern. Schließlich fallen ständig Kosten an. Die Löhne für die Gärtner müssen erwirtschaftet, Pflanzen und Saatgut gekauft werden.

Für Joachim Rees aus Geldersheim bei Schweinfurt war es keine Frage, dass er der SoLaWi beitreten wird. Der 38-jährige Wirtschaftsinformatiker lebt in vielerlei Hinsicht gegen den Mainstream. „Ich engagiere mich auch als Lebensmittelretter“, sagt er. Mindestens einmal im Monat arbeitet er auf dem Acker oder im Folientunnel mit. Ansonsten ist er als zuverlässiger Ernteteiler aktiv. Sein Traum wäre es, dass sich in Unterfranken weitere SoLaWis gründen. Drei gibt es aktuell, neben Schweinfurt auch in Würzburg und Kitzingen.

Alles wird geteilt: die Arbeit und das Gemüse

Doch das reicht nicht, um die Idee „Kurze Wege“ zu verwirklichen. „Wir haben Ernteteiler im Radius von 50 Kilometer rund um Bergrheinfeld“, sagt Rees. Einige arbeiten in Schweinfurt. Die müssen also nicht extra herfahren. Dennoch wäre es nach seiner Ansicht wichtig, dass weitere weiße Flecken auf der regionalen SoLaWi-Landkarte beseitigt würden.

Angelika Schemm erfuhr über soziale Netzwerke, dass in Schweinfurt eine SoLaWi aufgebaut werden soll. „Die Idee ‚Vom Acker in die Küche’ begeisterte mich sofort“, erzählt die 56-jährige Krankenschwester. Lange, gibt sie zu, habe sie davon geträumt, einen Bauernhof zu haben. „Nun besitze ich immerhin ein Stück Acker.“

90 Männer und Frauen gehören der Schweinfurter SoLaWi derzeit als Vereinsmitglied an. 55 davon bringen sich auch als Ernteteiler ein. Pro Jahr wird ein Mitgliedsbeitrag von 60 Euro erhoben. Was die Ernteteiler zahlen, ist unterschiedlich. Das hängt zum einen von der Größe des Ernteteils ab. Außerdem sind jene, die weniger häufig mithelfen, aufgefordert, etwas mehr zu zahlen. Von den Mitgliedern wird nicht erwartet, dass sie eine bestimmte Anzahl an Arbeitsstunden pro Monat leisten, erklärt Schemm. Der Verein habe sich bewusst gegen entsprechende Vorschriften entschieden. Lässt doch der Beruf vieler Menschen heute ein zusätzliches zeitliches Engagement kaum zu.

Auch Erich Morgenstern, technischer Redakteur von Beruf, hat aufgrund von punktuell hohem Arbeitsanfall nicht immer Zeit, sich nach Feierabend auf den Acker zu begeben. Wobei der 48-Jährige fast jede seiner freien Minuten auf dem Feld verbringt. Das hat seinen Preis: „Meine sozialen Kontakte außerhalb der SoLaWi leiden gerade ein bisschen“, gesteht er. Es gebe allerdings einen höchst positiven Gegenwert. „Hier entsteht Genuss“, betont Morgenstern. Was bisher vom Acker kam, ließe das, was im Discounter zu erstehen ist, geschmacklich weit hinter sich. Außerdem fördere es die Kreativität beim Kochen, Lebensmittel zu verarbeiten, die vom Feld kommen. Normalerweise funktioniere das ja umgekehrt: „Man möchte etwas zubereiten und kauft sich die entsprechenden Zutaten.“ Nach einer frischen Erntelieferung recherchiert Morgenstern im Internet, was daraus Leckeres kreiert werden kann.

Auch Angelika Schemm hängt sich bei der SoLaWi zeitlich richtig rein. Ihren Osterurlaub verbrachte sie nahezu komplett auf dem Acker. Die Arbeit sei anstrengend, aber auch schön. Denn sie treffe immer auf andere Helferinnen und Helfer, mit denen sie zwischendurch Kaffee trinken, Brotzeit machen und plaudern kann. Gerade der soziale Aspekt macht SoLaWi aus. Man will nicht nur zusammen Gemüse erzeugen, sondern ein Stückchen Leben teilen. Um das Gemeinschaftsleben zu fördern, wird in Kürze eine Jurte mit acht Metern Durchmesser auf der Fläche aufgestellt. Schemm: „Hier wollen wir später auch im Winter grillen.“
(Pat Christ)

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