Leben in Bayern

Gehalten und gezüchtet werden auch bedrohte Nutztierrassen bei den Rindern.(Foto: Bäumel-Schachtner)

27.03.2026

Ein saugutes Leben – auch für Rinder

Auf einem Bauernhof im Landkreis Rottal-In zeigt sich, dass sich Profit, Fleischgenuss und Tierwohl nicht ausschließen müssen

Fliegende Ohren, blitzende Äuglein und jede Menge Spaß: In Leberfing im Landkreis Rottal-Inn lässt es sich für Schweine wie auch für andere Tiere saugut leben. Auf einer großen Weide tollen viele Ferkel. Sie spielen Fangen, purzeln übereinander und stupsen immer wieder ungestüm die Muttersau an, die zufrieden auf der Erde ruht und ihren Nachwuchs nachsichtig beobachtet. „Land.Luft“ heißt das Bioprojekt mit Tierzucht, Metzgerei, Hofladen, Onlineversand und dem einzigen Biorestaurant weit und breit. Die Familie Lindner hat daran ihre Freude – und mit ihr viele Kundinnen und Kunden, die Wert darauf legen, dass sich Fleischgenuss und Tierwohl nicht zwangsläufig ausschließen.

Vor 60 Jahren den Grundstein gelegt

Hans Lindner aus Arnstorf hat vor 60 Jahren den Grundstein für die mittlerweile weltweit agierende Lindner Group gelegt, die rund 1,4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr macht. Die Familie steckt ihre Energie aber nicht nur in den Betrieb, sondern auch in ihre Landwirtschaft: Sie möchte Tierwohl fördern, den Vierbeinern lange Transporte ersparen und das Schlachten so stressfrei wie möglich gestalten. Nach wie vor ist auch Hans Lindner häufig zu Gast in Leberfing.

Dort hält Geschäftsführer Daniel Frischhut, unterstützt von Hans Lindners Enkel Leopold, die Fäden in der Hand. Seit drei Jahren ist der studierte Wirtschaftsingenieur im Betrieb. Er koordiniert Landwirte, Metzger, Vertrieb, Marketing und Gastronomie und kümmert sich um den laufenden Betrieb. Auch er steht voll hinter dem Tierwohlgedanken des Projekts. 2015 erwuchs bei der Familie Lindner der Wunsch, in der betriebseigenen Kantine und in der von ihr aufgebauten Gastronomie Schlossbräu Mariakirchen zwar Fleisch auf den Teller zu bringen, den Tieren zuvor aber dennoch ein artgerechtes Leben zu ermöglichen.

Da die Familie bereits 1985 die Hofstelle in Leberfing erworben hatte, stand für das Projekt ein 45 Hektar großes Areal zur Verfügung, aber die Genehmigungen und Zulassungen haben viel Zeit in Anspruch genommen. 2016 ging Land.Luft an den Start. „Ziel war von Anfang an, dass die Tiere das ganze Jahr auf der Weide verbringen können“, erklärt Daniel Frischhut.

Die Ferkel kommen dort zur Welt, dürfen die ersten 40 Tage bei der Mutter bleiben, kommen danach mit anderen Artgenossen in den sogenannten „Kindergarten“ und anschließend auf die Mastweide, wo jedem Tier im Schnitt circa 333 Quadratmeter Platz zur Verfügung steht. Zum Vergleich: Bei Biobetrieben sind in Haltungsform vier 2,3 Quadratmeter vorgeschrieben. Auf den Weiden werden sie auch geschlachtet.

Dazu hat Land.Luft gemeinsam mit der Firma Lau in Pilsting einen eigenen Schlachtanhänger entwickelt, in den die Tiere ohne Scheu gehen. Damit leistet der Biobetrieb Pionierarbeit: „Wir sind die einzigen Schweinehalter in Deutschland, die mit EU-Zulassung auf der Weide schlachten“, berichtet Daniel Frischhut. „So human wie möglich“, nennt der Geschäftsführer diese Form der Schlachtung. Eine Doktorandin der LMU München hat in einer Dissertation untersucht, dass die Tiere dabei kaum Stresshormone im Blut aufweisen. Weniger als beim Fangenspielen auf der Weide. Das wirkt sich auch auf den Geschmack des Fleisches aus.

Weniger Stress heißt auch besseres Fleisch

Das Konzept bei den Rindern – in erster Linie bedrohte Nutztierrassen wie das Murnau-Werdenfelser Rind – ist ähnlich: rund um die Uhr Zugang zur Weide und eine Schlachtung zu Hause. Mehrere Millionen Euro hat die Firma Lindner in den Betrieb investiert.

Noch ist der Hof nicht vollständig wirtschaftlich, doch die Umsätze steigen. Die wichtigste Säule ist laut Daniel Frischhut der Onlinehandel. Geliefert wird in ganz Deutschland und Österreich – über Nacht und mit ökologischen Kühlpacks. Der Renner, auch im Hofladen, sind die Käsekrainer. Gut laufen außerdem Rindertalg, den manche sogar als Kosmetik verwenden, sowie Hackfleisch, das preislich mitunter mit Produkten aus der konventionellen Landwirtschaft mithalten kann. Hochbetrieb herrscht besonders an Weihnachten und Ostern.

Doch auch sonst steigt die Nachfrage nach Wienern, Weißwürsten oder Premium-Fleisch wie Dry-Aged-Beef kontinuierlich. Zu den 45 Hektar Weide kommen 90 Hektar Ackerbau, auf denen der Großteil des Futters für die Tiere – etwa Getreide oder Ackerbohnen – selbst erzeugt wird. Von Landwirtschaft über Metzgerei, Hofladen, Onlineshop, Restaurant und Büro arbeiten umgerechnet in Vollzeit gut 25 Menschen für Land.Luft. Gäste sind nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich erwünscht.

Transparenz ist ein wichtiger Grundsatz der Land.Luft. Immer wieder kommen Landfrauen, Vereine oder andere Vermarkter und schauen sich das Konzept an. Das Prinzip des Schlachtanhängers hat sich das Unternehmen bewusst nicht patentieren lassen, um Nachahmer zu finden und Impulse zu setzen – bislang hat allerdings noch niemand nachgezogen.

In der Region ist Land.Luft laut Daniel Frischhut dennoch eher ein Geheimtipp. Oft findet das Projekt überregional mehr Aufmerksamkeit als in der eigenen Heimat, auch wenn das Biorestaurant an den Öffnungstagen von Donnerstag bis Sonntag gut besucht ist. Neben den Schweineweiden spazieren zwei Mütter mit ihren Kinderwagen und genießen das Idyll. Auch der Geschäftsführer lässt sich ein wenig von der Ruhe anstecken und blickt zufrieden auf die spielenden Ferkel.

Dennoch war in den vergangenen Jahren nicht immer alles perfekt. Da es keine vergleichbaren Betriebe gab, mussten manche Erfahrungen erst durch Versuch und Irrtum gesammelt werden. „Weil die Schweine nicht an die Weidehaltung gewöhnt waren, haben sie anfangs leicht einen Sonnenbrand bekommen“, erinnert sich Frischhut.

Schweine bekamen einen Sonnenbrand

Heute gibt es deshalb Sonnenschutz auf den Weiden. Auch die Häuschen für die Muttersauen mit Nachwuchs wurden angepasst: Sie sind breit gebaut und laufen nach oben spitz zu – so wird so gut wie möglich verhindert, dass die Mutter ihre Jungen erdrückt. Der Tierarzt kommt nur, wenn es nötig ist und ein Tier krank wird. Die Ferkel werden zudem unter Betäubung kastriert. Selbstverständlich soll der Betrieb wirtschaftlicher werden. Eines aber soll dabei nicht aus den Augen verloren werden: die Philosophie, dass es den Tieren von der Geburt bis zum Tod so gut wie möglich gehen soll. (Melanie Bäumel-Schachtner)
 

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