Leben in Bayern

Das Thema Demenz auf der Bühne des Würzburger Theaters am Neunerplatz: „Vater“ gibt Einblick in eine chaotische Welt. (Foto: Pat Christ)

13.04.2018

Ein Tabu wird gebrochen

Dement sein und kulturell aktiv: Das geht. In Würzburg beschäftigen sich immer mehr Kulturschaffende mit der Krankheit

In Bayern leben 230 000 an Demenz erkrankte Menschen. Am kulturellen Leben nehmen sie meist nicht mehr teil. Eine Würzburger Initiative will das ändern, indem sie Akteure aus der städtischen Kulturszene an das Thema heranführt. Mit Erfolg: Immer mehr Theater, Museen oder Konzertveranstalter heißen auch Demente willkommen. Damit das funktioniert, helfen Ehrenamtliche mit.

Wer ein Theaterstück zu einem brisanten Thema inszeniert, etwa zu sexuellem Missbrauch oder Krieg, kann bei der Arbeit am Stück nicht unbedingt auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Bei Britta Schramm ist das anders. Sie hatte das Stück Vater für das Würzburger Theater am Neunerplatz inszeniert. Darin geht es um Demenz. Ein Thema, mit dem die Theaterkünstlerin hautnah selbst zu tun hatte.

Die Tragikomödie Vater des französischen Dramatikers Florian Zeller lässt in die Gedanken-, Gefühls- und Wahrnehmungswelt eines durch Demenz veränderten Menschen blicken. Der Zuschauer sieht, was Zellers Protagonist André sieht. Er kann nicht unterscheiden, ob das, was er sieht, tatsächlich Realität ist. Oder ob es sich um Erinnerungen handelt. Um innere Bilder, Hirngespinste, bizarre Wahrnehmungsverzerrungen. „Das Stück ist wie ein nicht auflösbares Puzzle“, erklärt Britta Schramm. Genau so habe sie die Krankheit selbst erlebt bei ihrem eigenen Vater. Er starb, als sie mitten in der Erarbeitung ihres Inszenierungskonzepts war.

Bei machen Events ist alles erlaubt: Auch mitsingen

Schon länger litt Schramms Vater an Verwirrtheitszuständen. „In den letzten zwei Jahren seines Lebens war der Abbau rasant“, erzählt Schramm. Ihr Vater verlor nicht nur die Fähigkeit, Gegenstände und Menschen zu erkennen. Auch die körperlichen Kräfte versagten immer mehr. Irgendwann konnte er nicht einmal mehr schlucken. Am Ende verweigerte der Vater jegliche Nahrung. Im Juli letzten Jahres starb er.

Zusehen zu müssen, wie ein naher Verwandter sein Leben immer weniger im Griff hat, ist ein einschneidendes, emotional immens belastendes Erlebnis, sagt Schramm. Lange rang sie mit sich, ob sie sich die Inszenierung von Vater zumuten sollte, ahnte sie doch, dass dadurch ständig schmerzhafte Erinnerungen geweckt würden. Schließlich entschied sie: „Ja, ich tue es!“ Denn das Stück, das nach ihrer eigenen Aussage fast komplett das widerspiegelt, was sie selbst erlebt hat, transportiert für Schramm eine wichtige Botschaft: Menschen, die an Demenz erkrankt sind, müssen in ihrer Wahrnehmung ernst genommen werden. So kurios diese auch sein mag.

Schramm baute verschiedene, besonders einprägsame Momente, die sie mit ihrem Vater erlebt hat, in ihre metaphernreiche Inszenierung mit ein. So spielt das Fenster in der Wohnung, in der André aus dem Stück lebt, eine große Rolle. „Mein Vater starrte stundenlang aus dem Fenster“, erzählt die Regisseurin. In ihrer Inszenierung lässt sie André immer wieder vor dem Fenster stehen. Wo er versucht, seine Gedanken zu sammeln. Klarheit zu gewinnen in einer bestürzend chaotischen Welt.

Die Problematik Demenz wird von Jahr zu Jahr größer. Allein in Bayern leben laut Gesundheitsministerium derzeit um die 230 000 Erkrankte. Und es werden mehr. Diese Menschen leiden nicht nur unter ihrer Erkrankung, sondern auch unter Ausgrenzung, sagt Sabine Seipp vom Würzburger Verein „Halma – Hilfen für alte Menschen im Alltag“. So würden die meisten Menschen mit Demenz nicht mehr an Kulturangeboten teilnehmen. Für ihre Angehörigen erscheint es als zu große Herausforderung, mit ihnen ins Theater oder in eine Ausstellung zu gehen, so Seipp. „Kultur und Demenz, das ist noch immer ein großes Tabu“, sagt sie. Seit zwei Jahren arbeitet Halma daran, dieses Tabu zu brechen.

Wie wunderbar es sein kann, mit demenziell veränderten Menschen Kunst zu entdecken, weiß Sophia Kippes vom Halma-Projekt „Demenz und Kultur“. Erst im Februar bot die Museumspädagogin wieder eine Entdeckungs- und Erinnerungstour durch das Würzburger Museum im Kulturspeicher an. Die unterfrankenweit einzigartige Initiative, die Kippes koordiniert, versucht, möglichst viele Akteure aus Würzburgs Kulturszene dafür zu gewinnen, sich gegenüber Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu öffnen. Ob im Museum, im Konzertsaal oder im Theater: Überall sollen auch Menschen mit Demenz willkommen sein. Seit eineinhalb Jahren arbeitet Kippes an diesem Ziel. Inzwischen konnte sie zahlreiche Würzburger Kulturinstitutionen zum Mitmachen motivieren. Vor Kurzem erschien das dritte „Demenz und Kultur“-Semesterprogramm mit Kunst- und Kulturtipps. Zehn Veranstaltungen sind diesmal aufgelistet. Unter der Überschrift „(Un)Vernunft“ findet zum Beispiel am 20. Mai während des Mozartfests ein Konzert für Menschen mit Demenz statt.

Das Halma-Projekt möchte Würzburgs Kulturszene nach und nach verwandeln. So, wie sich die ganze Gesellschaft mit Blick auf die Forderung „Inklusion“ wandeln muss. Ein elitärer Nimbus passt laut Kipps nicht mehr in eine inklusive Zeit, die auf Basis der UN-Behindertenrechtskonvention das Recht auf kulturelle Teilhabe für alle Menschen einfordert.

Mittlerweile gibt es sechs Kulturbegleiter im Ehrenamt

Sich interkulturell zu öffnen, bedeutet natürlich auch, Störungen zu akzeptieren. „Es kann durchaus sein, dass ein alter Mensch während eines Konzerts mitsingt oder dass er aufsteht und herumläuft“, sagt Halma-Mitarbeiterin Sabine Seipp. Dasselbe kann bei einer Theatervorstellung passieren. Demenziell veränderte Besucher einer Lesung in der Stadtbücherei bekommen vielleicht plötzlich Lust, durch die Reihen der Buchregale zu schlendern. Was normalerweise störend wäre, ist bei den Halma-Veranstaltungen erlaubt. Denn obwohl es um anspruchsvolle Kultur geht: Der Mensch und sein Wohlbefinden stehen im Mittelpunkt.

Alle Veranstaltungen, die ins Halma-Programm aufgenommen werden, haben einen speziellen Rahmen. Eine Kunstführung im Kulturspeicher beginnt zum Beispiel nicht erst dort, wo die Kunstwerke hängen. „Sondern an der Empfangstheke“, erklärt Seipp. Ein Mensch mit Demenz kauft sich sein Ticket selbst. Allein das ist für ihn ein Erlebnis, sagt die Fachfrau. „Denn oft wird ihm dieser Handgriff abgenommen.“ Ungewöhnlich ist auch, dass jeder einzelne Besucher mit Handschlag begrüßt wird. Auch geht man am Ende nicht einfach auseinander. „Meist gibt es noch etwas zu essen und zu trinken.“

Menschen mit Demenz sollen jedoch nicht nur an den Events des Halma-Programms teilnehmen. Überall sollen sie Zutritte erhalten. Weil es in der Praxis für Angehörige nicht ganz einfach ist, mit einem dementen Angehörigen ins Theater oder zu einer Lesung zu gehen, begann Halma vor zwei Jahren, Kulturbegleiter auszubilden. Sechs Ehrenamtliche unterstützen derzeit bei kulturellen Unternehmungen. Signalisiert der Mensch mit Demenz, dass er Lust hat, ins Theater mitzugehen, heißt das nicht, dass er dann auch das ganze Stück über sitzenbleibt und zuschaut. Vergeht das Interesse, ist der Kulturbegleiter zur Stelle. Er steht mit auf und geht hinaus. Je nachdem, was vorher mit den Angehörigen abgesprochen wurde und je nachdem, worauf der Mensch mit Demenz Lust hat, begleitet er ihn nach Hause oder unternimmt mit ihm einen Spaziergang durch die Stadt.

Und was dann bei einer Stadttour durch Würzburg mit einem demenziell veränderten Menschen alles erlebt werden kann, nicht zuletzt dafür wurden die Kulturbegleiter auch ausgebildet.
(Pat Christ)

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