Leben in Bayern

Menschenleer: die Jugendherberge Burg Schwaneck. Leiter Andreas Bedacht hofft, dass bald wieder Klassenfahrten möglich sind. (Foto: Stumberger)

16.10.2020

Gähnende Leere statt lachender Kinder

Bayerns Jugendherbergen gehören zu den größten Verlierern der Corona-Pandemie – auch die Burg Schwaneck in Pullach kämpft ums Überleben

Nach wochenlanger Schließung ist die Jugendherberge Burg Schwaneck in Pullach bei München wieder offen. Doch auf Kissenschlachten und Liebesdramen von pubertierenden Gästen trifft man dort nicht. Weil Schulklassen und Vereine wegbleiben. Herbergsleiter Andreas Bedacht appelliert an die Politik, Klassenfahrten wieder zu erlauben. Das Hygienekonzept steht längst.

„Eigentlich müsste man draußen jetzt die Kinder toben hören“, sagt Andreas Bedacht und deutet seufzend auf die Grünflächen vor dem Fenster. Doch dort tobt niemand, alles ist ruhig. Die Corona-Pandemie hat neben vielen anderen Bereichen auch die Jugendherbergen Bayerns hart getroffen, die Übernachtungszahlen sind immens eingebrochen. Auch in der Jugendherberge Burg Schwaneck in Pullach vor den Toren Münchens. Herbergsleiter Andreas Bedacht zählt dort normalerweise zwischen 27 000 und 30 000 Übernachtungen im Jahr. Heuer werden es wohl nur rund 10 000 sein. „Bis nächstes Jahr halten wir noch durch“, sagt Bedacht. Aber was dann?

Die Burg Schwaneck stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und thront über dem Isartal, dessen Bäume sich jetzt im Herbst gelb und rot färben. Die Burg hat Türme und Türmchen und einen großen Rittersaal mit riesigem Leuchter, ein abenteuerliches Ambiente, wie gemacht für erkundungsfreudige Kinder und Jugendliche. Auf der anderen Straßenseite ist die graue Betonmauer des Bundesnachrichtendienstes zu sehen, der dort noch immer eine Außenstelle betreibt.

Die Burg ist eine von insgesamt 58 Jugendherbergen in Bayern. Als Träger fungiert der Kreisjugendring München-Land, als Partner des Landesverbands des Jugendherbergswerks (DJH), das 42 Jugendherbergen im Freistaat in Eigenregie betreibt. Die Übernachtungszahlen seien vor allem wegen des Wegbleibens von Schulklassen und Vereinen eingebrochen, erklärt Winfried Nesensohn, DJH-Landesvorstandsmitglied. Man gehe in diesem Jahr von 400 000 Übernachtungen in den 42 selbst betriebenen Jugendherbergen aus. „Im vergangenen Jahr waren es eine Million“, betonte er. Dabei sei es angesichts der Corona-Entwicklung nicht einmal sicher, ob die Prognose gehalten werden könne – vor allem in den Großstädten. Immerhin: Das durch die Corona-Krise in die Kassen gerissene Loch sei durch Beihilfen aus dem sozialen Rettungsschirm des Freistaats in Höhe von 5,8 Millionen Euro geschlossen worden. Zum Jahresende müsse ein Bankkredit in Höhe von weiteren fünf Millionen Euro in Anspruch genommen werden.

Schlechte Aussichten – und das im 111. Jubiläumsjahr der Gründung des Jugendherbergswerks, einem gemeinnützigen Verein. Die Gründungsidee: Junge Menschen sollten, unabhängig von Herkunft und Geldbeutel, die Welt entdecken, Gemeinschaft erleben und dabei den Horizont erweitern. Heute gibt es rund 450 dieser Einrichtungen in ganz Deutschland.

Plötzlich entdecken Rentner Jugendherbergen für sich

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Herbergsbetriebe sind regional unterschiedlich. Während es in den Städten zu einem drastischen Rückgang der Besucherzahlen kam, konnten sie in touristischen Regionen wie zum Beispiel im oberbayerischen Alpenvorland im Sommer sogar Zuwächse verzeichnen. Allerdings nicht bei der klassischen Klientel der Jugendherbergen, den Jugendgruppen, sondern bei Familien und Senioren. Denn viele von ihnen verbrachten ihren Urlaub in Deutschland – und entdeckten dabei die Jugendherbergen als neue Übernachtungsmöglichkeit. Zum Beispiel auch Anneliese S. Die 66-jährige Rentnerin ist heuer Mitglied im Jugendherbergswerk geworden, um mit ihrem Ausweis quer durch die Republik zu reisen. „Wir wollten mal etwas Neues ausprobieren“, sagt die Münchnerin. Bis hinauf ins ferne Mecklenburg- Vorpommern ist sie so gekommen. Viele Jugendherbergen bieten auch Zwei- oder Dreibettzimmer für Familien oder Paare an, 27plus nennt sich die entsprechende Tarifklasse. Freilich aber muss man sich bei dieser Urlaubsform an gewisse Regeln gewöhnen. Handtücher zum Beispiel gibt es keine, Bettwäsche dagegen wird gestellt. Die Betten allerdings müssen selbst bezogen werden. Und das Ambiente ist eher nüchtern. Preislich allerdings unterscheidet sich ein Zweibettzimmer mit Bad in einer Jugendherberge nur wenig von einem Zimmer in einer normalen Pension.

Aber nicht nur Rentner, auch Familien hat es diesen Sommer vermehrt in Jugendherbergen gezogen, zumindest ist solche, die in touristischen Regionen liegen. In der Jugendherberge Schliersee zum Beispiel war kein Bett mehr zu bekommen. Auf 15 bis 20 Prozent schätzt man im bayerischen Landesverband des DJH den Zuwachs an den Familien-Übernachtungen.

Für den Pullacher Herbergsleiter Andreas Bedacht allerdings sind Rentner und Familien als Gäste keine echte Alternative. „Wir nehmen sie gerne auf, sie sind aber nicht so ganz unsere Zielgruppe.“ Denn in Pullach ist der Jugendherberge ein Fort- und Weiterbildungszentrum angegliedert, im Vordergrund stehen pädagogische Aktionen. 130 Betten stehen zur Verfügung, dazu der Rittersaal und elf große Seminarräume. „Wir haben keine Probleme, 30 Personen in einem Raum mit Mindestabstand unterzubringen“, erläutert Bedacht. Sie stehen aber trotz eines längst ausgearbeiteten Hygienekonzepts leer. Denn neben den Schulklassen bleiben auch andere Gruppen fort. „Verbände trauen sich nicht mehr wegzufahren“, so Bedacht. Rund 20 Mitarbeiter*innen aus dem Wirtschaftsbereich – Küche, Verwaltung, Putzdienst – sind deshalb in Kurzarbeit.

Der derzeitige Ausflugsstopp für Schulklassen gilt zunächst bis zum Januar 2021. „Ich kann nur hoffen, dass danach wieder Klassenfahrten möglich sind“, sagt Herbergsleiter Bedacht. Nicht nur wegen der Jugendherberge, sondern „vor allem wegen der Schüler“. Auch die Grünen im Landtag fordern Bayerns Kultusminister Piazolo auf, Klassenfahrten wieder zu ermöglichen. Es gehe neben der Vermittlung von Schulstoff auch um die Entwicklung der sozialen Kompetenz bei Kindern, so der Grünen-Bildungspolitiker Thomas Gehring. Die Wiederaufnahme könnte nebenbei die existenziellen Nöte der Jugendherbergen lindern helfen.

Jetzt im tristen Herbst, wo auch die Sommerurlauber wegfallen, wird die Not wieder größer. Auch in der Pullacher Jugendherberge. An diesem Freitag gibt es dort keine einzige Übernachtung. Und am Wochenende wird zwar ein katholischer Verband die Seminarräume nutzen, allerdings nur tagsüber. Abends fahren die Teilnehmer nach Hause.
(Rudolf Stumberger)

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