Leben in Bayern

Damit kulturelle Missverständnisse nicht auftreten: Migranten geben ihre eigenen Erfahrungen weiter. (Foto: Frank Rumpenhorst, dpa)

22.11.2019

Heiß begehrte Kulturdolmetscher

Gut integrierte Migranten unterstützen mit ihren Erfahrungen neu Zugewanderte

Die Ausbildung ist anspruchsvoll und die Tätigkeit ehrenamtlich: Seit 2015 gibt es in Bayern Kulturdolmetscher, die bei Elternabenden, Arztbesuchen oder Behördengängen vermitteln. Eine von ihnen: Aziza Rehmann, die vor knapp 40 Jahren aus Afghanistan nach München kam. Das Konzept funktioniert so gut, dass es nun auch von der Staatsregierung unterstützt wird.

Es ist dunkel und kalt. Die Bad Tölzer Innenstadt ist wie leer gefegt. Und doch hat man auf einige Gäste mehr gehofft. Beim Infoabend „Kulturdolmetscher“ sitzt nur einer am langen Tisch, bei Plätzchen und Saft, der sich für dieses besondere Ehrenamt interessiert: Noor Hakeem aus Bang-ladesch. Immerhin: Hakeem, der sich bereits für Geflüchtete engagiert, sich zum Beispiel in Unterkünften um IT, Internet und den Zugang zu Online-Bildungsangeboten kümmert, verspricht, Werbung zu machen für den geplanten Kurs, in dem sich Ehrenamtliche auch erstmals in Bad Tölz zu Kulturdolmetschern ausbilden lassen können. Aber so ist das nun mal: Neues braucht eine Weile, um bekannt zu werden.

Seit 2015 gibt es in Bayern Kulturdolmetscher. Menschen mit Migrationshintergrund und guten Deutschkenntnissen, die Landsleute bei Behördengängen, Arztbesuchen oder Elterngesprächen begleiten. Einer der Träger war bislang unter anderem die Caritas. Jetzt will auch die evangelische Kirche nachziehen. Mit 193 000 Euro unterstützt die Staatsregierung das neue gemeinsame Integrationsprojekt der katholischen Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung in Bayern in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern. „Wir erleben immer wieder kulturelle Missverständnisse, etwa zwischen Kindergarten und Eltern, in Schulen oder bei Behördenbesuchen“, erklärt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). „Die Kulturdolmetscher sind mit ihrer eigenen Integrationserfahrung und ihrem Verständnis für verschiedene Kulturen ideale Brückenbauer.“

Und tatsächlich: Wo sich das Konzept einmal durchgesetzt hat, werden Kulturdolmetscher auch fleißig nachgefragt. Von Ämtern und Ärzten, von Schulen und Kindertagesstätten. Zum Beispiel im Landkreis München. Kathrin Zacherl, Sozialpädagogin und bei den Caritas-Diensten für die Ausbildung von Kulturdolmetschern zuständig, musste zuletzt sogar zehn Interessierte aufs nächste Jahr vertrösten, so hoch war die Nachfrage. Der sechste Kurs hat gerade begonnen.

Aber auch im Landkreis München kam der Erfolg nicht über Nacht. „So etwas braucht Zeit“, sagt Zacherl. Vor dem Beginn des ersten Kurses schaltete sie Anzeigen in allen großen und kleinen Zeitungen. Sie kontaktierte sämtliche sozialen Einrichtungen, stützte sich auf einen großen Verteiler und vor allem auf Mundpropaganda. Letzteres funktioniere aber erst richtig, wenn es bereits gute Erfahrungen gebe und die ersten Zertifikate verteilt seien.

Aziza Rehmann: „Ich hatte selbst so viele Probleme“

Heute können im Landkreis München Kulturdolmetscher in 32 verschiedenen Sprachen und Dialekten vermittelt werden. Mit dem neuen Kurs kommen vier weitere Sprachen hinzu. Am stärksten nachgefragt werden Arabisch, Dari und Farsi. Aber auch Englisch sei wichtig, sagt Zacherl, zum Beispiel für Elterngespräche in Kindertagesstätten.

Die Ausbildung zum Kulturdolmetscher, die sich von Einrichtung zu Einrichtung unterscheidet, ist anspruchsvoll. „Das ist was für den Geist, weil viel gelernt wird“, sagt Zacherl. „Aber die sozialen Kontakte und die Möglichkeit, sich ehrenamtlich zu engagieren, sind auch bereichernd für die Seele.“ Viele der Ehrenamtlichen im Landkreis sind berufstätig, einige hochgebildet. Wie jener Physikprofessor ägyptischer Herkunft, der eine Weile in Boston gelebt hat. Oder der ungarische Germanist und die Amerikanerin, die fließend Mandarin spricht.

Etwa die Hälfte der Kulturdolmetscher kam in den vergangenen vier Jahren nach Deutschland – als Geflüchtete. „Fast jeder sagt: Als ich herkam, haben mich andere unterstützt. Jetzt möchte ich selbst etwas zurückgeben“, erzählt Zacherl. Bei einigen ist es aber umgekehrt. Weil ihnen jegliche Unterstützung fehlte, engagieren sie sich, damit es anderen besser ergeht.

Aziza Rehmann aus München-Neuperlach zum Beispiel: Als junge Frau kam sie Ende der 1980er-Jahre aus Afghanistan nach Deutschland. Zwangsverheiratet mit einem strenggläubigen Landsmann, der es nicht gern sah, wenn sie außer Haus ging. Vier Kinder bekam das Paar, alle studieren inzwischen. Vor ein paar Jahren hat sich Rehmann von ihrem Mann getrennt. Kein leichter Schritt für Menschen ihres Kulturkreises.

Kulturdolmetscherin ist die Friseurin und Kosmetikerin schon seit vier Jahren, eine Freundin weckte damals ihre Neugier. Aziza Rehmann besuchte einen Kurs der Münchner Caritas. Seither begleitet sie junge Männer aufs Kreisverwaltungsreferat, Kranke zu Ärzten, Mütter zu Elterngesprächen. „Ich tue es für meine Heimatleute, weil ich selbst so viele Probleme hatte“, sagt sie. „Zu meiner Zeit gab es keine Dolmetscher. Mein Dolmetscher war mein Mann.“

Die Aufgaben: beruhigen, erklären, aber auch ermahnen

Rehmann hilft gerne anderen Menschen, egal ob Christen oder Muslimen – „wir sind doch alle gleich“, sagt sie. Dass sie geschieden ist, erzählt sie ihren Klienten nicht. Wohl aber, dass man sich anstrengen, zur Schule gehen und Deutsch lernen soll. Und dass es Gesetze gebe, die beachtet werden müssen. Rehmann beruhigt, ermahnt, erklärt. Manches hat sie im Kurs gelernt, vieles aber auch durch eigene Erfahrungen, die sie in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland gemacht hat.

Allzu nah lässt Rehmann die Klienten allerdings nicht an sich heran. Geraten wird den Ehrenamtlichen grundsätzlich, ihre Telefonnummer für sich zu behalten und private Kontakte nur dann zuzulassen, wenn man sie wirklich will. „Mir ist es besonders wichtig, die Ehrenamtlichen zu schützen“, sagt Zacherl. Abzusagen ist den Dolmetschern ausdrücklich erlaubt. Durststrecken werden ebenfalls toleriert. Unter Druck soll sich niemand fühlen. „Ehrenamt soll Spaß machen.“

Als künftige kulturelle Brückenbauer lernen die Ehrenamtlichen ganz unterschiedliche Dinge. Wie das deutsche Gesundheitssystem und das bayerische Schulsystem funktionieren, zum Beispiel. Oder welche Aufgaben das Jugendamt hat. Auch das deutsche Grundsicherungssystem ist ein Thema. Dass man Mahnschreiben nicht einfach aussitzen kann und Unpünktlichkeit unhöflich ist, wird ebenfalls angesprochen. Und dass einem nach dem Besuch der Mittelschule noch alle Türen offen stehen.

Es ist eine Einführung ins bayerische Leben, die man auch den Bad Tölzern wünschen würde. Zum Infoabend von Kreisbildungswerk, Maltesern und Arbeiterwohlfahrt ist auch die Integrationsbeauftragte der Stadt, Andrea Grundhuber, gekommen. Dass auch in Bad Tölz Bedarf herrsche, sei keine Frage, sagt sie. In der Stadt leben Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen, da komme es zwangsläufig auch zu Missverständnissen. Nach Umzügen etwa: Manche, erzählt Grundhuber, gehen davon aus, dass man auf sie zukommt, wenn sie in ein Haus neu einziehen. Eingesessene dagegen verlangen, dass sich neue Mieter von selbst vorstellen. Gut gehen kann so was nur, wenn man viel voneinander weiß. Und miteinander redet.

Kulturdolmetscher, die in beiden Welten zu Hause sind, können da eine große Hilfe sein. Leute, die Zeit haben, kenne er genug, sagt Noor Hakeem, der in seinem Bekanntenkreis noch einmal herumfragen will. Ob bei jedem die Deutschkenntnisse ausreichen, weiß er allerdings nicht. Und haben sie auch die Geduld und den Willen, sich für andere einzusetzen? Ganz sicher scheint Hakeem sich leider nicht zu sein.
(Monika Goetsch)

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