Leben in Bayern

Talal (links) und Djamal spielen Vater und Sohn. Rollenspiele können dabei helfen, über schwierige Themen zu sprechen, über Ehre zum Beispiel. (Foto: Angelika Kahl)

15.02.2019

Helden der Gleichberechtigung

Projekt Heroes: Junge Münchner mit Migrationshintergrund kämpfen gegen überholte Traditionen, die nicht in eine offene Gesellschaft passen – dazu gehen sie an Schulen und geben Workshops

Sie sind oft selbst mit einem zweifelhaften Ehrbegriff aufgewachsen. Oder mit einem Frauenbild, das in eine freiheitliche Demokratie nicht passt. Als Heroes aber wollen sie anderen Jugendlichen Vorbild sein und zeigen: Patriarchal-autoritäre Denkweisen lassen sich ändern. Für das Heroes-Projekt treffen sich die Jungs einmal pro Woche zum Training – die Staatszeitung war dabei.

„Es ist sieben Uhr! Wo ist deine Schwester? Wo warst du?“, herrscht der Vater den Sohn an. „Bei einem Kumpel. Ich weiß nicht, wo sie ist“, antwortet der. Der Vater wird immer wütender: „Du solltest nach der Schule auf deine Schwester warten. Was sollen die Nachbarn von uns denken?“ Er fragt mit lauter Stimme: „Wer ist der Mann im Haus, wenn ich nicht da bin?“ Der Sohn stammelt: „Ja – ich.“

Anerkennender Applaus erfüllt den Raum im dritten Stock des Altbaus in der Münchner Goethestraße. Es ist ein kalter verschneiter Winterabend, doch im Büro der Arbeiterwohlfahrt (AWO) München geht es auch noch weit nach 19 Uhr heiß her. Wie jeden Donnerstagabend treffen sich dort junge Männer, um zu diskutieren. Über ganz Alltägliches wie Schule, Ausbildung, Familie oder Beziehungen. Aber auch über Themen wie Ehre, Menschenrechte und Gleichberechtigung. Und dabei können Rollenspiele helfen. Rollenspiele, wie das von Vater und Sohn, das Djamal und Talal gerade gezeigt haben.

Mit Familie und Freunden über Ehre reden? Geht nicht

Dieses Projekt der AWO nennt sich Heroes. Helden. Es ist ein Projekt gegen die Unterdrückung im Namen der Ehre und für Gleichberechtigung. Die Idee dabei: Junge Männer zwischen 16 und 23 Jahren, die aus sogenannten Ehrenkulturen kommen und bereit sind, gesellschaftliche Strukturen, patriarchal-autoritäre Denkweisen und auch die eigene Haltung dazu zu hinterfragen, werden zu Multiplikatoren ausgebildet. Zu Heroes, die andere Jugendliche animieren sollen, über Themen wie Ehre zu diskutieren. Dazu gehen sie in Schulen oder Jugendtreffs und geben Workshops.

Der 23-jährige Djamal, der eben noch den strengen Vater gespielt hat, erklärt: „Viele kennen so eine Situation. In den Workshops sind die Rollenspiele deshalb meist richtige Eisbrecher.“ Mancher Jugendliche im Workshop – Mädchen und Jungs ab 14 Jahren mit und ohne Migrationshintergrund nehmen daran teil – würden erst mal lachen, andere aber sofort an die eigene Situation erinnert werden. „Da kommt man schnell in eine Diskussion“, sagt Djamal, dessen Eltern aus Ghana sind. „Außerdem ist es viel einfacher mit Jugendlichen über Themen wie Ehre zu sprechen“, so Talal. „Mit Jugendlichen, die wissen, wie es ist, wenn die Eltern aus dem Ausland kommen“, ergänzt der 17-Jährige. Seine Eltern kommen aus dem Irak. „Man ist auf Augenhöhe“, sagt Djamal. Bei Erwachsenen dagegen habe man oft das Gefühl, sie wollten einem nur die eigenen Ansichten aufdrängen.

Und tatsächlich: Auf Augenhöhe findet auch das Training an diesem Abend in der Goethestraße statt. Ein Satz, der immer wieder fällt: „Es gibt kein Richtig oder Falsch.“ Tayfun Samli sagt diesen Satz immer dann, wenn er einen der Jungs ermuntern will, seine Meinung frei zu äußern. Jeder darf und soll sagen, was er denkt. Samlis Eltern kommen aus der Türkei, er ist 29 Jahre alt und einer der beiden Gruppenleiter der Heroes. Er hat sich für diesen Abend eine herausfordernde Aufgabe einfallen lassen. Zum Thema Menschenrechte.

Sieben Jungs sitzen jetzt um einen großen Tisch im AWO-Büro. Während sie Kekse, Chips und Mandarinen essen, teilt Samli Zettel aus, auf denen Menschenrechte stehen. Das Verbot der Willkür, die Eigentumsgarantie oder die Ehefreiheit zum Beispiel. Die Jungs sollen nun Runde für Runde Menschenrechte abgeben. So lange, bis sie am Ende nur noch eines in den Händen halten: das Menschenrecht, das ihnen am wichtigsten ist.

Das Verbot der Willkür fällt bei einem schnell, weil er meint, in einer Diktatur könnte man auch leben. Ein anderer würde am ehesten auf die Auswanderungsfreiheit verzichten. Seine Begründung: „Deutschland ist doch sowieso ein gutes Land.“ Wieder ein anderer legt die Meinungsfreiheit auf den Tisch und erklärt: „Die Meinung des Volkes interessiert doch eh nicht.“ Klar, dass die eine oder andere Begründung Widerspruch aus der Runde erntet. Die wichtigste Erkenntnis aber ist bei vielen: wie schwer es ihnen gefallen ist, Menschenrechte abzugeben. „Wie habt ihr euch gefühlt?“, will Samli wissen. „Schwächer“, sagt Djamal. „Unter Druck“, antwortet Talal.

Djamal: „Mit den Heroes bin ich viel offener geworden“

„Es geht darum, die Jungs zu sensibilisieren“, erklärt Gruppenleiter Samli. Workshops dürfen sie erst halten, wenn sie wirklich so weit sind. Dazu brauchen sie ein Zertifikat, mit dem sie ganz offiziell Heroes werden. Das erfordert viel Arbeit –  und auch einige Zeit. Denn die Jungs sind mitunter selbst mit einem zweifelhaften Ehrbegriff erzogen worden. Oder mit einer Männerrolle aufgewachsen, die in eine freiheitliche demokratische Gesellschaft nicht passt.'

„Das Frauenbild war auch bei uns in der Familie ein anderes“, sagt Djamal. Er ist an diesem Abend der Einzige in der Runde, der bereits das Zertifikat hat. Seine Eltern kommen aus Ghana. Gespräche über Gleichberechtigung zum Beispiel fanden nicht statt. „Aber auch mit Freunden bespricht man eher oberflächliche Themen“, erklärt Djamal. Ehre, Gleichberechtigung, Demokratie oder Menschenrechte gehörten nicht dazu – „bevor ich zu Heroes kam, war mir das gar nicht richtig bewusst“, sagt er. Mit den Heroes aber habe er sich verändert. „Ich bin offener geworden“, sagt Djamal. Beim Thema Homosexualität zum Beispiel. Früher ein schwieriges Thema für ihn, wie für viele heranwachsende Jungs. „Aber was hat die sexuelle Orientierung eines anderen mit mir zu tun?“, fragt er heute und fügt an: „Nichts. Jeder soll sein Ding machen und gut ist’s.“

Djamal ist bei den Heroes seit 2011 – seit dem Jahr, in dem das Projekt in München startete. Deutschlands erstes Heroes-Team wurde 2007 in Berlin gegründet, einige Städte zogen mittlerweile nach. In Bayern haben neben München auch Augsburg, Nürnberg und Schweinfurt heute ihre eigenen Helden. In München sind derzeit 17 Jugendliche aktiv mit dabei –  und sie freuen sich über jeden Nachwuchs. „Es ist eine große Herausforderung, neue Jungs zu gewinnen“, erklärt Projektleiterin Svenja Schüürmann. „Sie müssen erst einmal überzeugt werden, dass es cool ist, jeden Donnerstag über Ehre und Feminismus zu reden.“ Oft bringen die Heroes Freunde und Bekannte mit – auch Djamal wurde einst von einem Schulfreund angesprochen, ob er nicht mal zu den Heroes mitkommen wolle. Heute macht er eine Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. Andere Jungs wiederum haben die Heroes im Workshop erlebt und waren so beeindruckt, dass sie selbst mitmachen wollten.

Gruppenleiter Samli stammt selbst aus einer sogenannten Ehrenkultur

Neun Monate dauert in der Regel die Trainingsphase mit wöchentlichen Treffen und gemeinsamen Unternehmungen. „Oft aber auch länger“, erklärt Samli. Vor allem Jüngeren gibt man gerne mehr Zeit. „Hat man die Ausbildung dann aber bestanden, ist man echt glücklich“, sagt Djamal. Und darf mit zu den Workshops, die immer drei Heroes und ein Gruppenleiter gemeinsam bestreiten. Drei Schulstunden lang. Die Hauptarbeit machen die Heroes. „Als Gruppenleiter achte ich ein bisschen auf den roten Faden“, erklärt Samli.

54 Workshops im Jahr halten die Heroes an Münchner Schulen und Jugendeinrichtungen. Die Nachfrage ist weit höher, im aktuellen Schuljahr sind Djamal und seine Kollegen bereits komplett ausgebucht, sagt Projektleiterin Schüürmann.

Gruppenleiter Samli ist seit vier Jahren mit im Team. Hauptberuflich arbeitet er als Wirtschaftsinformatiker. In Vollzeit. Für seine Arbeit mit den Heroes opfert er den Feierabend und auch mal den Urlaub. Immer wieder fährt die Gruppe zum Austausch zu anderen Heroes-Teams aus ganz Deutschland – über Ostern geht es zum Beispiel ein paar Tage nach Offenbach. Samli, der selber aus einer Ehrenkultur stammt, will den Jungs vermitteln, was er persönlich erreicht hat. „Die Arbeit ist wichtig“, sagt er. Und sie macht ihm Spaß, das merkt man.

Vor allem aber merkt man, dass Samli ein großes Vorbild ist für die Heroes. Er spricht ihre Sprache, nimmt sie ernst. Und er hilft ihnen dabei, selbst Vorbild zu werden. Vorbild für Schüler und Jugendliche in den Workshops, die von den Heroes erfahren können, dass eine gleichberechtigte Frau keine Bedrohung sein muss. Von Heroes, die in ähnlichen Strukturen aufgewachsen sind wie sie selbst. (Angelika Kahl)

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