Leben in Bayern

Natürlich mit dem gebührenden Corona-Abstand: Hauptgefreiter Manuel Freund, Stabsgefreite Nina Heinritz, Oberstleutnant Martin Sonnenberger und Hauptgefreiter Kilian Leinweber vom Gebirgsjägerbataillon 232. (Foto: Bundeswehr/Christian Kunerl)

27.11.2020

Im Corona-Kampfeinsatz

Bayernweit unterstützen knapp 600 Bundeswehrangehörige die Gesundheitsämter bei der Kontaktnachverfolgung – auch die Gebirgsjäger aus Bischofswiesen

Für das Gebirgsjägerbataillon 232 ist das Contact Tracing schon der dritte Corona-Einsatz in diesem Jahr. Im Mai hatten Soldat*innen in einem Pflegeheim ausgeholfen, im Sommer die Teststation an der A 8 verstärkt. Aber auch der Schutz der eigenen Kaserne vor dem Virus ist eine große Herausforderung. Schließlich liegt sie nicht weit vom Oktober-Hotspot Berchtesgaden entfernt.

Normalerweise ist Kilian Leinweber um diese Jahreszeit auf dem Gipfel des Watzmanns unterwegs. Oder anderswo im Berchtesgadener Nationalpark – auf Fels, Eis oder im Schnee. Es kann auch passieren, dass ein Gebirgsjäger im Winter ein paar Dächer freischaufeln muss. Wie im Januar 2019, als die Hausdächer der Gegend unter Schneemassen zusammenzubrechen drohten.

In diesem Herbst jedoch hatte der 24-jährige Hauptgefreite vom Gebirgsjägerbataillon 232 ein paar Tage lang einen ungleich ruhigeren Job. Der junge Mann saß im Callcenter in Trostberg und telefonierte. Sein Auftrag: Kontaktpersonen von Corona-Infizierten mitteilen, dass sie in Quarantäne müssen. Eingewiesen wurde er zwar vom Gesundheitsamt. Aber das Ganze, findet er, war doch eher Learning by Doing. „Es musste viel improvisiert werden.“ Ein bisschen nervös sei er am Anfang gewesen, „man weiß ja nicht, wen man da an der Strippe hat“, sagt er. Aber das legte sich rasch. Die Sache war nicht allzu kompliziert: Wer infiziert war, hatte die schlechte Nachricht bereits vom Gesundheitsamt erhalten.

Acht bis zwölf Stunden täglich am Telefon

Und doch: Es gab auch schwierige Fälle. „Leute, die sehr emotional reagierten.“ Eine schwer lungenkranke Frau etwa, die in Tränen ausbrach, als sie erfuhr, dass sie Kontakt zu einem Infizierten gehabt hatte. Auch die schiere Menge der Telefonate war eine Herausforderung: Bis zu zehn Fälle mit fünf bis sieben Kontaktpersonen hatte er täglich abzuarbeiten, sagt Kilian Leinweber.

Als „Hochzügler“ gehört er einer Einheit der Gebirgsjäger an, die körperlich wie psychisch besonders widerstandsfähig sein müssen. Dass er Soldat ist, erzählte er den Angerufenen aber nur auf Nachfrage. In seinen Telefonaten versuchte er, „so gut wie möglich zu beruhigen und zu helfen“. Begegnet ist ihm, der sich sonst im Gebirge für Sommer- und Winterkämpfe fit macht, bei seinem Einsatz im Gesundheitsamt vor allem eines: Dankbarkeit.

Bayernweit sind knapp 600 Soldat*innen acht bis zwölf Stunden täglich für die Gesundheitsämter im Einsatz. Für das Gebirgsjägerbataillon 232 ist das Contact Tracing schon der dritte Corona-Hilfseinsatz in diesem Jahr. Im Mai hatten Soldaten bei der Pflege und Betreuung älterer Menschen in einem Pflegeheim ausgeholfen, im Sommer die Teststation an der A 8 an der Rastanlage Hochfelln verstärkt.

Auch sonst hat sich im Leben der Soldatinnen und Soldaten vieles verändert. In der Lockdown-Phase im Frühjahr wurde die Kaserne in Bischofswiesen – eine von 53 in Bayern – „relativ stark stillgelegt“, wie Kommandeur Martin Sonnenberger erzählt. Nur 120 Mann blieben ihm – von über tausend. Die Soldaten banden sich Staubtücher um Mund und Nase oder nähten Schutzmasken, weil vernünftige OP-Masken damals fehlten. Die Bundeswehr hatte keine Reserven – eine Herausforderung für den Kommandeur.

„Das ist nicht wie Sandsäcke stapeln oder Schnee schaufeln, das hat eine andere Qualität“, sagt Sonnenberger. Viel sei in der Kaserne gesprochen worden, viel diskutiert, Meinungen zu den Corona-Maßnahmen gab es so viele wie draußen, in der zivilen Welt. „Für mich in der Führung ist Corona wirklich fordernd“, erzählt der Kommandeur. „Ich genieße einen gewissen Vertrauensvorsprung, im Militärischen fachlich richtige Entscheidungen zu treffen. Aber bei Corona habe ich auf die gleichen Informationen Zugriff wie alle anderen auch.“ Mittlerweile hätten aber alle gesehen: „Was wir machen, funktioniert.“ Sonnenbergers Eindruck: „Es hat sich alles ganz gut eingeschwungen.“

Für die Kaserne wurde ein umfangreiches Hygienekonzept erstellt, das unter anderem regelt, wer wann im Speisesaal isst. Auf Saftkaraffen am Büfett wurde verzichtet. Und abends nahm man sich besser ein Lunchpaket mit auf die Stube, als ein zweites Mal in die Kantine zu gehen. Verzichtet wird seit Corona auf alles, was nicht sein muss: Tagungen. Veranstaltungen. Feiern. Die Kohorten von je fünfzig Soldaten sind streng getrennt, die Zwischentüren in den Gebäuden geschlossen.

Richtig entspannt ist die Situation trotzdem nicht. Zumal die Kaserne nur einen Fußmarsch vom Oktober-Brennpunkt Berchtesgaden entfernt liegt. Die Situation im Berchtesgadener Land spiegelte sich auch in der Kaserne wider. Nur wenige Soldaten wurden bisher positiv getestet, bis August war es nur einer gewesen. Die Ansteckungen passierten am Wochenende, im Urlaub oder beim Treffen mit dem Lebenspartner, so Sonnenberger. Keiner infizierte sich in der Kaserne selbst. Das Virus kam also von draußen. Trotzdem: Die Infektionsgefahr bleibt bestehen. Zwei oder mehr Soldaten einer Kohorte teilen sich eine Stube, erzählt Martin Sonnenberger, erzählt Sonnenberger. Das alte Kasernengebäude lässt Einzelbelegungen nicht zu. Im Rahmen des „Attraktivitätsprogramms“ der Bundeswehr soll sich das ändern. Langfristiges Ziel ist, „wegzukommen von der Stube“, sagt der Kommandeur. In zehn Jahren soll jeder Soldat nach der Grundausbildung ein Einzelzimmer bekommen.

Noch besteht also das Risiko, einander „auf Stube“ anzustecken. Doch Ausbildung und Auslandseinsätze bleiben wesentliche Aufträge des Gebirgsjägerbataillons. Und wenn jetzt kein Personal ausgebildet wird, bleibt eine jahrelange Lücke, so Sonnenberger. Damit die Rekruten in der Grundausbildung nicht Woche für Woche nach Hause fahren und das Virus anschließend in die Kaserne tragen, werden sie nun in Blöcken von bis zu drei Wochen ausgebildet. Eine einschneidende Maßnahme, vor allem für die Ausbilder. Verkürzt werden musste die Ausbildung auch, wie Nina Heinritz, hier offiziell: Frau Stabsgefreiter, erzählt. Zwölf Wochen Stoff in sechs oder acht Wochen durchziehen: „Das war sportlich“, sagt die 22-Jährige. „Aber wir haben das relativ gut hinbekommen.“

Auch beim Impfen wird die Bundeswehr helfen müssen

Am Tag der Vereidigung allerdings dürfte es ziemlich einsam auf dem großen Freiplatz der Kaserne gewesen sein. Keine Angehörigen, die den Soldaten in ihren, wie man hier gern sagt, „schneidigen“ Uniformen beim Marschieren zusahen, keine Blaskapelle, die unterm Bergmassiv alles in Schwung hielt. Eine Handvoll Besucher nur, die Musik kam vom Band. Aber wie überall lernte man dazu: Das nächste Gelöbnis im Dezember wird aufgezeichnet, damit es sich die Verwandtschaft zu Hause anschauen kann. Verzicht und Flexibilität: Auch das ist Corona.

„Es ist höhere Gewalt“, sagt Nina Heinritz. Und fügt hinzu, was für sie zählt. „Wir haben uns verpflichtet, Deutschland zu helfen. Also helfen wir.“ Immerhin: Im Lockdown hat man einander. „Wir hocken ja nicht allein zu Hause“, sagt Heinritz, „sondern sind in unserem sozialen Umfeld.“ Man geht in der Kaserne gemeinsam essen, macht gemeinsam Sport. Und hält sich nach Dienstschluss gemeinsam an die zivilen Lockdown-Regeln.

Mit besonderer Sorge schaut man in Bischofswiesen allerdings gerade auf die Vorbereitung des Einsatzes in Mali. 200 Soldat*innen sollen im März 2021 in den Auslandseinsatz ziehen. Die Ausbildung hat schon im September begonnen. „Wir müssen einsatzbereit sein. Das ist unser militärischer Auftrag“, sagt Sonnenberger. Der 20-jährige Manuel Freund ist gerade mit den Einsatzvorbereitungen beschäftigt. „Der Auftrag hat eine sehr hohe Priorität. Darum müssen wir uns noch ein bisschen mehr disziplinieren. Wenn bei uns Infektionen ausbrechen, fällt gleich die ganze Kohorte aus. Das würde unseren Auftrag gefährden.“ Er persönlich hat seine Kontakte außerhalb der Kaserne deshalb auf ein Minimum reduziert und trägt eine FFP2-Maske, wenn es eng wird. „Es geht ja nicht nur um mich, da geht es um viel, viel mehr.“

Bislang müssen Soldaten vor einem Auslandseinsatz 14 Tage in Quarantäne. In ein Hotel in Flughafennähe. Versorgt mit Essen. Ein kurzer Freigang pro Tag. Der Impfstoff wäre auch hier eine Erlösung. Angst vor der Impfung selbst dürfte unter Soldatinnen und Soldaten kaum bestehen. Sie sind dazu verpflichtet, sich impfen zu lassen, die enge Zusammenarbeit, die Auslandseinsätze – all das lässt Zimperlichkeiten nicht zu.

Aber wenn der Impfstoff tatsächlich kommt, könnte auch in Bischofswiesen eine andere große Aufgabe anstehen: der militärische Auftrag, beim Impfen zu unterstützen. Bundeswehrsoldaten beim Impfeinsatz – gut möglich, dass „Querdenkern“ solche Bilder sauer aufstoßen. Macht nichts. „Von der großen Mehrheit der Bevölkerung bekommen wir für das, was wir tun, positives Feedback“, meint Sonnenberger.

Weniges ist zurzeit sicher, eines dagegen schon: Der Kommandeur der Kaserne Bischofswiesen wird am Mittag des 24. Dezember in der Kaserne sein. Das gemeinsame Essen der Kommandeure mit denen, die an Heiligabend ihren Dienst tun, sei „eine ganz alte Weihnachtstradition“. Auch diesmal wird die Runde klein bleiben. Martin Sonnenberger hofft, dass die allermeisten Soldaten mit ihren Familien zu Hause feiern können.
(Monika Goetsch)

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