Leben in Bayern

Philipp Kester, Münchner Oktoberfest – Schausteller mit Papageien, 1921, FM-87/61.477.6 https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/objekt/muenchner-oktoberfest-schausteller-mit-papageien-10120073.html (Foto: Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Archiv Kester)

16.09.2021

König weg, Geld weg - aber die Wiesn lebte wieder auf

Es war die längste Oktoberfest-Pause überhaupt: Nach acht Jahren gab es 1921 das erste Mal seit dem Ersten Weltkrieg wieder eine Wiesn. Gibt's Parallelen zur Durststrecke in Corona-Zeiten?

Alles war anders im Jahr 1921. Die Monarchie war im Nebel der Geschichte verschwunden - dabei hatte mit ihr alles angefangen auf der Wiesn. War doch einst die Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig mit seiner Therese von Sachsen-Hildburghausen 1810 der Beginn der Oktoberfeste in München gewesen und damit des mittlerweile größten Volksfestes der Welt.

Doch als es vor 100 Jahren, am 17. September 1921, hieß: Auf geht's zur Wiesn!, da war die Welt eine andere geworden. Nach dem Krieg, nach dem Rückzug des Königs, nach der Revolution, nach der Räterepublik war es nun "ein demokratischer Versuch", sagt Ursula Eymold, Leiterin der Sammlung Stadtkultur im Münchner Stadtmuseum. Nach acht Jahren die erste Wiesn. Nie zuvor hatte es so eine lange Pause gegeben.

1919 und 1920 gab es zwar bereits sogenannte Herbstfeste, die aber eher eine "Wiesn light" waren, zwar aus der königlichen Tradition heraus weiter mit einem Schützenzug, aber mit wenig Essensangeboten und ohne Schweinswürstl, wie Eymold berichtet. War es dann 1921 eine umso prachtvollere Wiesn, die enthusiastische Besucher willkommen hieß? "Eher nicht", sagt Eymold. Schwierig sei die Lage in der Wirtschaftskrise gewesen. "Das war nicht die große üppige Zeit." Überhaupt seien vor dem Krieg die goldenen Jahre des Oktoberfests gewesen, etwa 1910 zur 100. Ausgabe.

1921 kamen die Menschen in Anzuf und Kostüm

Dennoch war der Zuspruch 1921 groß: Die Menschen kamen in Anzug und Kostüm - und viele reisten von weit her an. Besucher aus dem ganzen Land seien nach München geströmt, wo es gegolten habe, Versäumtes nachzuholen, berichtet die Chronik des Münchner Stadtmuseums zum 175-jährigen Bestehen des Oktoberfests 1985. Karussells, Schaukeln, Zaubertheater, Schaubuden und Tierdressuren lockten und es gab wieder einen Trachtenumzug. Die Besucher allerdings kamen damals nicht in Dirndl und Lederhose - diese "Wiesn-Kleidung" setzte sich erst ab Mitte der 1990er Jahre durch.

Trotz Inflation: 1,4 Millionen Liter Bier flossen die Kehlen hinunter

Der Absatz von Bier und Festschmankerl florierte vor 100 Jahren trotz der sich schon abzeichnenden Inflation. Rund 300.000 Besucher sollen den Berichten zufolge sechs Millionen Brote und Brezen verspeist haben, dazu 30 Ochsen. Auch das Bier floss wieder in Strömen. 1,4 Millionen Liter wurden 1921 die ausgetrockneten Kehlen hinuntergekippt. 1910 waren es noch 1,2 Millionen. Ein "ziemlicher Aufschrei" sei das gewesen, schmunzelt Eymold. Allerdings werfen die mehrfach in verschiedenen Chroniken zitierten Zahlen Fragen auf. Denn ein Durchschnittskonsum von fünf Maß pro Gast ist selbst für extrem trinkfeste Gäste und bei aller Freude über das neu erstandene Volksfest kaum denkbar.

Das Vergnügen war nur kurz: 1923 und 1924 fiel die Wiesn wegen der Inflation schon wieder aus. Die lange Pause, die kleineren Ersatzfeste - das klingt vielleicht für manchen ähnlich wie die Gegenwart mit Corona und Wirtshauswiesn. Hundert Jahre nach dem Nachkriegs-Neubeginn bleibt die Theresienwiese auch dieses Jahr zum ursprünglich geplanten Wiesnstart am 18. September leer. Keine Karussells, keine Buden. Nur Corona-Testzelte statt Wiesn-Festzelte.

"Ozapft is" wird es dennoch in Münchner Wirtshäusern am 18. September heißen: In gut 50 Gaststätten laden die Wirte zur Wirtshauswiesn. Die Wiesn sei kein Ort oder eine Veranstaltung, sondern vor allem ein Lebensgefühl, betonten die Wirte.

Gibt's 2022 wieder eine Wiesn?

Die Situation 1921 sei mit heute nicht vergleichbar, heißt es aus der Familie Schottenhamel, die seit 1867 ein Festzelt auf der Wiesn hat und schon damals ihre Gäste bewirtete. "Die Gründe für den Ausfall waren komplett andere, die politische und wirtschaftliche Lage waren anders und sehr unsicher und der Ausfall des Oktoberfests zog sich über einen deutlich längeren Zeitraum hin." Folglich seien der Druck bei den Akteuren und die Sorge um die eigene Zukunft und die des Oktoberfests mit Sicherheit höher gewesen als heute.

Wie wird es sein, wenn das nächste Oktoberfest stattfindet, 2022 oder gar noch später? "Das spürt man doch eigentlich jetzt schon in allen sozialen Kontakten, dass man weniger Termine wahrnimmt", sagt Eymold. Die Menschen seien schon sehr häuslich geworden, gerade die etwas Älteren. Und auch die Touristen, die einen Großteil der Besucher ausmachen, würden zurückhaltend sein.

"Unsere Aufgabe ist es, an den Voraussetzungen zu feilen", sagte Wiesnchef und Münchner Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) kürzlich. Vorstellbar seien etwa bestimmte Zugangsregeln und eine digitale Überwachung. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hatte bereits im Juni in einer Online-Bürgersprechstunde gesagt, zwei Jahre ohne Oktoberfest seien genug. Er wolle eine Wiesn 2022. Dazu solle mit Fachleuten ein Konzept erstellt werden. Schließlich wolle er das Anzapfen nicht verlernen.
(Sabine Dobel und Martina Scheffler, dpa)

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