Leben in Bayern

Schlafstörungen, Angst und innere Unruhe: Viele Menschen belastet die Coronakrise psychisch. (Foto: Arved Gintenreiter/dpa)

25.03.2020

„Konflikt plus Einsamkeit macht krank“

Peter Falkai, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität München über die psychische Belastung durch die Ausgangsbeschränkungen und wie sich die Coronakrise am besten überstehen lässt

BSZ: Herr Falkai, ist die Coronakrise auch eine Krise der Psyche?
Peter Falkai: Das ist sie. An sich funktioniert unser Stresssystem gut. Es ist gebaut für kurzfristige Belastungen. Eine Klausur schreiben. Einen Konflikt im Autoverkehr aushalten: In solchen Situationen geht der Blutdruck hoch, Stresshormone werden ausgeschüttet. Kurz darauf ist die Sache meistens vorbei. Mit chronischen Belastungen dagegen können wir weniger gut umgehen. Wir wissen: Andauernde Konflikte in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz können Menschen psychisch krank machen. Das Coronavirus ist insofern eine große Belastung. Wir sehen um uns herum, was passieren kann und passiert und spüren, dass Veränderungen auf uns zu kommen und die Lage ernst ist.

BSZ: Woran zeigt sich die Belastung?
Falkai: An Schlafstörungen zum Beispiel, an Angst und innerer Unruhe. Bei Patienten, deren psychische Krankheit gut kontrolliert war, kehren Symptome zurück. Manche spüren auf einmal Druck auf der Lunge und fürchten, das sei Corona. Es ist aber ein Symptom ihrer Angst.

BSZ: Steigen die Patientenzahlen bereits?
Falkai: Die Zahl von Personen aus der gesunden Bevölkerung, die sich bei uns melden, steigt. Und meinen Patienten geht es nicht gut, auch wegen Corona. Es gibt einen erhöhten Redebedarf.

BSZ: Wie fühlen sich die Älteren und Vorerkrankten, die plötzlich zur Risikogruppe gehören?
Falkai: Der Begriff grenzt aus. Es klingt so, als sei man ein Risiko nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Manche der Älteren, die kognitiv nicht mehr so aktiv sind, verstehen nicht, was um sie herum passiert. Andere fühlen sich an ihre Kindheit erinnert. Eine Patientin sagte mir: Es ist wieder Krieg. Es ist genau wie früher. Wir haben Angst. Das kann zu Retraumatisierungen führen, zu einem Wiederaufleben von Traumata.

BSZ: Die Ausgangsbeschränkungen in Bayern verbieten es, Freunde zu treffen. Wer allein wohnt, bleibt allein. Welche Auswirkungen hat diese Maßnahme auf die psychische Gesundheit der Betroffenen
Falkai: Chronischer Konflikt plus Einsamkeit: Das trifft die psychische Gesundheit empfindlich. Allein sein können Menschen ganz schlecht, wir sind im Kern soziale Wesen, die sich am wohlsten in kleinen Gruppen fühlen. Ältere Menschen, die keine Kontakte haben, werden auf Dauer krank.

BSZ: Was können Verwandte tun, die ihre Eltern oder Großeltern nicht besuchen dürfen?
Falkai: Regelmäßig telefonieren, möglichst so, dass ein Bild vom anderen zu sehen ist, und das zuverlässig zu ganz bestimmten Zeiten, damit der Angerufene nicht vergeblich wartet, sondern sich auf das Gespräch freuen kann.

"Ich hoffe, in vier Wochen werden die Maßnahmen etwas gelockert"

BSZ: Wozu raten Sie, um die Zeit der Ausgangsbeschränkungen zu überstehen?
Falkai: Viel über Medien kommunizieren. Musik hören. Den Fernseher anmachen. Ein Buch lesen. Dinge tun, zu denen man sonst nicht kommt. Wichtig sind Ziele, wichtig ist Struktur. Feste Zeiten, zu denen man aufsteht, sich anzieht, isst. Noch besser ist es, wenn man ein Haustier hat. Als gläubiger Mensch empfehle ich den Glauben, um Trost zu finden. Wer mit anderen zusammenlebt, kann versuchen, vieles gemeinsam zu machen. Brettspiele spielen, mal mit den Kindern am Computer daddeln. Pläne schmieden und sich daran halten. Eine große Empfehlung ist auch: Sich nur zu festen Zeitpunkten über die neuesten Entwicklungen zu informieren.

BSZ: Viel ist gerade von der „frischen Luft“ die Rede. Wie wichtig ist es, trotz Ausgangsbeschränkung rauszugehen?
Falkai: Es geht weniger um die Luft als um die Bewegungsfreiheit. Wir mögen uns noch so wohl fühlen in unseren vier Wänden, kriegen aber doch Platzangst, wenn wir nicht raus können. Und nicht jeder lebt in einem Haus mit Terrasse oder in einer schönen, großen Wohnung. Ich selbst jogge sehr gern. Entscheidend ist, sich aufzumachen und in die Bewegung zu kommen.

BSZ: Was ist Ihre Hoffnung?
Falkai: Ich hoffe, in vier Wochen werden die Maßnahmen etwas gelockert. Denn wenn wir lange so weiter fahren, steigt die Gefahr psychischer Erkrankungen mehr und mehr an. Die Politik muss den Menschen das Gefühl geben, dass sie die Sache im Griff hat und sich jemand um sie kümmert. Menschen brauchen Zuversicht, das ist ganz wichtig. (Interview: Monika Goetsch)

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