Leben in Bayern

Der experimentierfreudige Landwirt Heribert Krieger in seinem Mohnfeld. (Foto: Stäbler)

05.08.2022

Lebensmittel statt Rauschgift

Jahrhundertelang wurde in Deutschland Schlafmohn angebaut – ein niederbayerischer Biobauer belebt nun diese alte Tradition

Blühende Mohnfelder kennen die Bayern seit Jahrzehnten nur mehr aus dem Fernsehen – etwa aus Afghanistan. Dort nutzen Drogenbarone Schlafmohn, um daraus Opium zu gewinnen. Doch unter strengen Auflagen ist die Pflanze mittlerweile auch hierzulande wieder erlaubt. Einzelne ostbayerische Biobauern setzen angesichts des Klimawandels auf die robuste Pflanze, aus der sich neben Lebensmitteln auch Medizinprodukte gewinnen lassen. Einer davon ist der Niederbayer Heribert Krieger.

Zwei kräftige Beine stecken barfuß in löchrigen Turnschuhen, mit denen der Mann nun also ins Feld hinausstapft. Von oben brennt die Sonne herunter, unter seinen Füßen knistert der trockene Boden. Schon nach wenigen Metern ist der Mann ringsum von krautigen Pflanzen umgeben, mit langen grünen Stängeln, an deren Enden etwa auf Schulterhöhe lauter golfballgroße Kapseln thronen.

„Papaver somniferum“ heißt dieses Gewächs, besser bekannt als Schlafmohn. Wer eine solche Kapsel in den Abendstunden anritzt und am folgenden Morgen den getrockneten Milchsaft abkratzt, der kann auf diese Weise Rohopium gewinnen, was die Grundlage für allerlei Rauschmittel ist – von Rauchopium bis zu Heroin. „Aber mit Drogen haben wir hier nichts am Hut“, hat der Mann mit den langen Haaren und dem Rauschebart vorhin noch gesagt, ehe es hinaus aufs Feld ging. Dort hält er jetzt inne, greift zu einer Kapsel, zieht sie zu sich heran und prüft ihre Beschaffenheit mit Kennerblick.

Vielseitig nutzbare Pflanze

Tatsächlich handelt es sich bei dem Mann – anders als es die Umgebung vermuten lässt – nicht etwa um einen Drogenbaron aus Afghanistan. Und die Kapsel, die er nun in seiner Hand hält, wird auch niemand einritzen, um Rohopium zu gewinnen – geschweige denn daraus Heroin herzustellen, was einer aufwendigen Prozedur bedarf. Nein, all der Schlafmohn hier wächst auf einem Feld bei Mamming, einem 3000-Einwohner-Ort in Niederbayern, auf halbem Weg zwischen Landshut und Deggendorf. Und angepflanzt hat ihn Heribert Krieger, 57, Biobauer aus Überzeugung und experimentierfreudig aus Leidenschaft. Schon vor zwanzig Jahren gehörte er zu den ersten Landwirten, die den Sojaanbau ausprobierten. Zuletzt hat Krieger jahrelang mit Chinaschilf experimentiert – ein Gras aus Fernost, das als Energieträger und Industrierohstoff verwendet wird. Nun ist der Biolandwirt also beim Schlafmohn angekommen, der in Mitteleuropa bereits vor mehr als 6000 Jahren angepflanzt wurde, ehe er hierzulande nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu komplett von der Bildfläche verschwand.

Wieso? „Ganz einfach“, sagt Josef Schmidt am Telefon. „Weil Mohnanbau in Deutschland nach dem Krieg grundsätzlich verboten wurde“ – mit der Begründung, dass sich aus der Pflanze auch Rauschgift herstellen lasse. Seit einigen Jahren jedoch gebe es „einen vernünftigen Rollback“, so nennt das Schmidt. „Schließlich hat es Mohnanbau in Bayern schon immer gegeben.“ Josef Schmidt ist Biolandwirt aus der Oberpfalz, gehört dem Vorstand des Anbauverbands Bioland an und ist hierzulande ein Pionier in Sachen Schlafmohn.

Bereits 2013 experimentierte er auf seinem Acker mit der Pflanze – „ursprünglich wegen meiner privaten Leidenschaft für Mohnkuchen“. Wobei der Anblick von blühenden Mohnfeldern in der Oberpfalz für viele Menschen – vorsichtig ausgedrückt – gewöhnungsbedürftig gewesen sei, erzählt Schmidt: „Es gab Leute, die damals gesagt haben: Mensch Josef, bist du jetzt völlig wahnsinnig geworden? Das ist doch verboten!“

Tatsächlich aber ist der Anbau von Schlafmohn in Deutschland mittlerweile nicht mehr generell untersagt – jedoch genehmigungspflichtig. „Allerdings ging das relativ einfach“, hat Heribert Krieger vor der Fahrt aufs Feld auf seinem Bauernhof in Mamming erzählt. Aus einem dicken Ordner holt er zum Beweis seinen Antrag bei der Bundesopiumstelle hervor, den er zusammen mit einem erweiterten Führungszeugnis und einem Nachweis seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit einreichen musste. Im Anschluss erhielt er die Anbaugenehmigung – freilich bloß für jene drei opiumarmen Sorten, die hierzulande zugelassen sind: die beiden Sommermohnsorten Mieszko und Viola sowie ein Wintermohn namens Zeno Morphex.

„Lukrativ für Biolandwirte“

Danach ging’s bei Heribert Krieger im vergangenen April ans Aussäen der Mohnsamen – so wie es vor mittlerweile neun Jahren auch Josef Schmidt erstmals auf seinem Feld unweit der tschechischen Grenze getan hat. Der Landwirt aus der Oberpfalz merkte damals schnell, dass Schlafmohn eine vielversprechende Anbaupflanze für die Biolandwirtschaft sein kann. Nach ersten Ernteerfolgen initiierte Schmidt ein Forschungsprojekt an der Universität Bonn mit dem Titel „Speisemohn im Ökologischen Landbau“. Dessen Ergebnisse waren so positiv, dass in der Folge ein konkretes Umsetzungsprojekt namens „Wertschöpfungskette Biomohn“ angelaufen ist, gefördert vom Bundeslandwirtschaftsministerium. Das Ziel des auf drei Jahre angelegten Vorhabens sei es, die wertvolle Kulturpflanze Mohn in Deutschland neu zu beleben, sagt Josef Schmidt. „Das Projekt berät Landwirte beim Anbau, vermittelt ihnen Abnehmer und soll ein Netzwerk aufbauen, um stabile und langfristige Geschäftsbeziehungen nachhaltig zu etablieren.“

Zwar steckt der Mohnanbau in Deutschland – gerade im Vergleich zum Nachbarland Österreich – noch in den Kinderschuhen. Der Trend ist jedoch eindeutig: Wurde die Pflanze laut Schmidt 2013 hierzulande noch auf weniger als 100 Hektar angebaut, sind es inzwischen mehr als 1000 Hektar. Und sieben davon – das entspricht nahezu der Fläche von zehn Fußballfeldern – liegen in und um Mamming, wo Heribert Krieger gerade in einem seiner Felder steht. Mit einem Ruck bricht er eine der Mohnkapseln ab, hält sie an sein Ohr und schüttelt sie. Zu hören ist ein leises Rasseln, was der Landwirt mit einem zufriedenen Nicken quittiert. Schon in den nächsten Wochen, sagt er, wolle er mit der Ernte beginnen. Hierzu reiche ein gewöhnlicher Mähdrescher: „Den muss man nur richtig einstellen. Denn das Mohnkorn ist sehr klein, gerade mal ein Zehntel so groß wie ein Rapskorn“, sagt Krieger.

Der Biolandwirt drückt nun mit dem Daumen ein kleines Loch in die Kapsel und schüttet den Inhalt in seine Handfläche. Zum Vorschein kommen kleine, graue, nierenförmige Körner – so wie man sie von der Mohnsemmel oder aus der Füllung eines Mohnkuchens kennt. Tatsächlich soll das Gros seiner Ernte an eine Biobäckerei gehen. Allein in diesem Bereich gebe es großen Bedarf, ist Heribert Krieger überzeugt: „Man kann sich doch vorstellen, was das für ein Werbeeffekt ist, wenn ein Bäcker sagen kann, dass er ausschließlich Biomohn aus der Region verwendet.“ Auch Josef Schmidt verweist auf die Nachfrage seitens vieler Biobäckereien. „Außerdem gibt es mehrere coole Unternehmen, die ganz neue Sachen mit Mohn ausprobieren – zum Beispiel Getränke oder andere Backwaren.“ Darüber hinaus lässt sich aus den Samen des Schlafmohns auch ein wohlschmeckendes Öl gewinnen, das in Österreich schon jetzt ein gefragtes und hochpreisiges Nischenprodukt ist – nicht nur als mineralstoff- und vitaminreiches Speiseöl, sondern auch als Zutat für Kosmetika wie Hautcremes oder Shampoos.

„Mohn kann auf alle Fälle eine lukrative Pflanze für Biolandwirte sein“, glaubt Heribert Krieger. Und auch Josef Schmidt spricht von einem „vernünftigen Marktwert“, ehe er vorrechnet: „Der Ertrag liegt bei circa 700 Kilo pro Hektar Anbaufläche. Und für das Kilo Mohn bekommt man vier Euro.“ Es sind diese Summen, die den Anbau für Landwirte wie Heribert Krieger attraktiv machen – nachgerade in Zeiten stark schwankender Preise. Denn auch wenn infolge des Krieges in der Ukraine derzeit viel von drohenden Getreideengpässen die Rede ist: Er selbst habe heuer für seine Dinkelernte nur etwas mehr als die Hälfte bekommen als im Vorjahr, sagt Heribert Krieger. Und auch beim Bioweizen seien die Preise im Vergleich zu 2021 um ein Drittel eingebrochen.

Trotzt dem Wassermangel

Mindestens ebenso wichtig wie die Frage des Geldes ist jedoch ein anderer Vorzug beim Mohnanbau, den der Biolandwirt aus Mamming auf seinem Feld wie folgt erklärt. „Die Pflanzen wachsen 1,50 Meter in die Höhe“, sagt er, hält seine ausgestreckte Hand vors Kinn und lässt sie im nächsten Moment wie einen Fahrstuhl hinabgleiten. „Und genauso tief gehen auch ihre Wurzeln in die Erde runter.“ Bedeutet: Der Mohn hat keinerlei Probleme, das Grundwasser zu erreichen, trotz des seit Jahren sinkenden Pegels. Ohnehin kommt die Pflanze mit vergleichsweise wenig Niederschlag aus, und auch Hitze verträgt sie ungleich besser als viele der hier üblichen Nutzpflanzen. Kurzum, in Zeiten, in denen sich der Klimawandel längst auch in Bayern bemerkbar macht, in der Trockenheit und Hitze den Landwirten zusetzen, erscheint Mohn als attraktive Alternative. Oder wie es Bioland-Vorstandsmitglied Josef Schmidt ausdrückt: „Die Pflanze hat ein hohes Potenzial, mit schwierigen klimatischen Bedingungen umzugehen.“

Wobei der Anbau von Schlafmohn durchaus auch seine Tücken hat, das räumt Schmidt ebenso ein wie Heribert Krieger. So wollten die Pflanzen heuer auf fast drei seiner insgesamt sieben Hektar nicht so wachsen wie gewünscht. „Einmal hat mich der Frost erwischt. Und einmal war’s die Trockenheit“, sagt der Biolandwirt aus Mamming. Doch trotz dieser Rückschläge gibt sich Heribert Krieger überzeugt: „Mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl funktioniert das. Ich habe heuer schon sehr viel dazugelernt.“ Eine weitere Herausforderung steht für ihn freilich noch aus – und zwar nach der Ernte. Dann gelte es nämlich die Mohnsamen vom Beiwerk zu trennen, um eine Reinheit von 99 Prozent hinzubekommen, sagt Josef Schmidt. „Das ist nicht ganz einfach, weil die Körner so klein sind.“

Heribert Krieger jedenfalls ist nach seinen ersten Erfahrungen zuversichtlich, dass der Schlafmohn auf seinen Feldern rund um Mamming dauerhaft eine Heimat finden wird. Als Nächstes wolle er sich am Anbau von Wintermohn versuchen; kommendes Jahr werde er dann erneut Sommermohn anpflanzen, sagt der Biolandwirt. „Ich bleibe jetzt dabei und probiere das weiter.“
(Patrik Stäbler)

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