Leben in Bayern

Buch mit altem Stammbaum - Margit Ksoll-Marcon, Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns beobachtet, dass sich immer mehr Menschen für ihre Ahnen interessieren. (Foto: dpa)

12.06.2018

Mein Ur-Großonkel, der König von Bayern?

Viele Menschen in Bayern erforschen ihre familiären Wurzeln. Ahnenforschung liegt im Freistaat voll im Trend. Doch um Antworten zu finden, brauchen die Privatleute oft Geduld - und Glück

Wer war die verschollene Großtante? Wo lebten die Ur-Großeltern? Viele Menschen in Bayern wollen wissen, wo sie herkommen. Die Erforschung der eigenen familiären Wurzeln - gerade durch die Globalisierung gewinne das an Bedeutung, heißt es unisono bei den Archiven im Freistaat. "Es ist für jeden Menschen wichtig zu verstehen, woher er oder sie stammt", sagt Margit Ksoll-Marcon, Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns. Im Freistaat spiele die Ahnenforschung schon lange eine wichtige Rolle.

Ob für den Aufbau eines Stammbaums oder die Recherche zu einzelnen Vorfahren - Privatleuten stehen in Bayern viele Quellen zur Verfügung. Doch dabei warten oft Herausforderungen. "Familienforschung ist wie ein Puzzle", erklärt Ksoll-Marcon. "Man findet nie alle Informationen in nur einem Archiv, sondern entdeckt Teile bei verschiedenen Quellen - hier zum Ur-Großvater, da zur Ur-Großmutter. Diese Stücke zusammenzufügen, ist schon fast eine kriminalistische Arbeit."

Eine zentrale Quelle für die Ahnenforschung: Standesämter und Stadtarchive. Dort werden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Geburts-, Heirats- und Sterbedaten gesammelt. Für die Zeit davor können besonders die Aufzeichnungen der Kirchen nützliche Informationen liefern. Sie sind zum Teil auch online abrufbar. Dazu kommen staatliche Archive, zum Beispiel zur ehemaligen bayerischen Armee. "Grundsätzlich empfiehlt es sich, von vorne nach hinten vorzugehen, also in der Gegenwart anzufangen und dann schrittweise zurückzugehen", sagt Katrin Marth, Archivarin des Bayerischen Hauptstaatsarchivs.

Müller, Meier, Schuster:
Probleme gibt es besonders bei Allerweltsnamen

Nicht immer laufe das allerdings so reibungslos ab wie erhofft. "Probleme gibt es besonders bei Allerweltsnamen", so Marth. "Es ist einfach schwierig, alle Müllers in Bayern auseinanderzuhalten." Auch wenn das Interesse über die Sammlung von Namen und Daten hinausgehe, werde es kompliziert, erklärt Mario Felkl vom Stadtarchiv Augsburg. Die Forschung etwa zu den Lebensumständen und Charakterzügen der Vorfahren - "die Familienforschung für Fortgeschrittene", wie Felkl sie nennt - erfordere mehr Geduld und landesgeschichtliche Kenntnisse.

Dem Archivar besonders im Gedächtnis geblieben: eine Gruppe Augsburger Geschichtsstudenten, die in den Quellen des Stadtarchivs zu jüdischen Emigranten während der NS-Zeit geforscht hatten. Ihre Ergebnisse stellten sie bei einem Nachkommentreffen in Augsburg den Familien der Emigranten vor. "Für die Betroffenen war das mit tiefen Emotionen verknüpft und leistete einen wichtigen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur", so Felkl.

Andrea Nagel vom Archiv in Bad Aibling (Landkreis Rosenheim) hat dagegen besonders Recherchen von Heim- oder Adoptivkindern in Erinnerung behalten. Zudem gebe es immer wieder Anfragen aus den USA: "Das hängt wahrscheinlich mit dem ehemaligen US-Stützpunkt und Kriegsgefangenenlager in unserer Stadt zusammen." Auch im Stadtarchiv in München gebe es immer wieder aufwändige Recherchen aus dem Ausland, berichtet Archivdirektor Manfred Heimers. Bei ihren Nachforschungen unterstützt werden die Familienangehörigen durch die Mitarbeiter des Archivs, die Unterlagen aus dem Magazin heraussuchen und vorlegen.

Den typischen Familienforscher zu beschreiben, sei nicht möglich, so der Archivdirektor: "Allenfalls kann man feststellen, dass das Interesse an der Familienforschung mit den Lebensjahren wächst." Ein Eindruck, der sich auch im Stadtarchiv Augsburg bestätigt, wo nach den Worten Felkls die "Generation 60+" überwiegt. Zu beachten sei zudem: "Viele Forscher wenden sich nur einmalig mit bestimmten Fragestellungen an unser Haus, während andere Benutzer das Stadtarchiv über Jahre oder sogar Jahrzehnte für ihre Recherchen aufsuchen."

Immer rechnen müsse man zudem mit einem ganz speziellen Typus Familienforscher, erklärt Archivarin Marth: "Es kommt regelmäßig vor, dass jemand meint, er sei mit dem bayerischen Königshaus verwandt." Eine Vermutung, die sich zur Enttäuschung der Privatleute jedoch nur selten bewahrheitet.
(Christoph Wiesel, dpa)

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